Humanismus mit Humor auf Fränkisch – der großartige Mundartgedichtband »Dahamm und Anderswo« von Matthias Kröner

rezensiert von Jan-Eike Hornauer

Ein herausragendes Buch ist Matthias Kröner mit »Dahamm und Anderswo« gelungen. Herausragend, weil es sich mit Freude und Erkenntnisgewinn liest, weil es in seinen Versen seinen ganz eigenen Flow entwickelt, der den Leser mitzieht, immer weiter hinein in Kröners Welt, die denkbar überschaubar ist und doch auch wahnsinnig weit. Herausragend, weil es dem Leser in Kröners Welt zugleich auch die eigene zeigt, weil es das Spezifische und das Allgemeine, die kleine Alltagsbeobachtung und den grundsätzlichen Gedanken so leicht zusammenbringt, als sei dies gar kein Kunststück. Und auch, weil der Gedichtband des Wahl-Schleswig-Holsteiners und gebürtigen Franken zwar vollständig auf Fränkisch abgefasst ist, also angefüllt mit Wortbildern, die man nicht gewohnt ist, sich aber trotzdem ausgesprochen leicht liest. An dieser Stelle muss ich anmerken: Ich bin selbst in Franken aufgewachsen, wenn auch nicht bei Nürnberg, sondern nahe Aschaffenburg. Insofern mag mir hier der Einstieg leichter fallen als einem, dem das Fränkische ganz unvertraut ist. Fest steht jedoch: Die Mundart ins Schriftliche zu übertragen, ist hier geglückt, denn es ist echte Mundart und keine verhochdeutschte, und zugleich ist die Sprache sehr gut lesbar.

Vom Alltäglichen ins Grundsätzliche

Das Krönersche Grundprinzip in diesem Gedichtband lässt sich so erfassen: Von konkretem Alltag ausgehend wird eine allgemeine Aussage getroffen. Das lyrische Ich (das mal den Autor selbst meint, mal auch nicht) ist fest in seiner Welt verwurzelt, einer Welt, die vor allem aus dem dörflichen Alltag seiner alten und seiner neuen Heimat und aus Familie besteht. Von ihr aus denkt es über Allgemeinmenschliches nach, über Gegenwartspolitisches und über Geschichtliches (etwa über die Flüchtlinge von heute, die ja bis in die Dörfer kommen; und über Erlebnisse der Eltern und Großeltern, die sich vor langer Zeit zugetragen haben). Es sieht sich und den Menschen in der Welt und fragt, was das alles eigentlich soll.

Eine zutiefst humanistische Haltung durchzieht so letztlich den ganzen Band. Einen Lyrikband, der einen fühlenden und denkenden Menschen offenbart, der etwas zu sagen hat. Und dies sehr gerne auch augenzwinkernd und selbstironisch tut. Der zugleich aber auch das ernste Wort nicht scheut, wo es angebracht ist. Der klare Standpunkte vertritt, aber ebenso sehr ambivalente Überlegungen in den Raum stellt. Bei dem es um Pfützen, Abwasch, den örtlichen Briefträger und das rollende R geht, um die Grenzen der Mitmenschlichkeit, die Bedeutung des Heimatbegriffs in seiner sozialen, geographischen und sprachlichen Dimension sowie die Sinnsuche des Menschen.

In einem Rutsch gelesen

Man muss sich den Dichter hier als angenehmen Menschen vorstellen, der sich neben einen auf die Parkbank setzt und einem etwas erzählt. Etwas, das auch was bedeutet. Etwas, das treffsicher formuliert ist. Etwas, von dem man immer mehr hören möchte. Bis es dann, leider, vorbei ist.

Zwei Mal nun habe ich den Dichter bereits mit »Dahamm und Anderswo« auf meine vorgestellte Parkbank gesetzt, im Abstand einiger Monate. Und beide Male habe ich mich nicht eher von ebenjener Bank erheben können oder wollen, bis er geendet hatte, ich also durch das Buch durch war. Ja, auch beim zweiten Mal hat dieser Band wieder so einen Sog entwickelt, dass ich ihn nicht einfach mittendrin aus der Hand legen wollte.

In sieben Kapiteln, die von »Dahamm« bis »Anderswo« reichen, führt der Frankenpoet, der im norddeutschen Exil zu Hause ist, seine Welt seinen Lesern vor. Die lyrische Reise beginnt bei der Metzgersfrau, die einen grüßt (jener in der Fremde, die nun die neue Heimat ist – jene in der alten Heimat erkennt einen nicht mehr) und endet im Jenseits (dessen Vorstufe der Wertstoffhof darstellt, auf dem man seinen Schrott vor allem ablädt, um sich innerlich zu befreien und dann gegebenenfalls gar ruhig sterben zu können).

Liebevoller Blick und kritische Distanz

Aus kritischer Distanz und mit liebevollem Blick betrachtet Kröner seine beiden Heimaten – die sich am Ende gar nicht so sehr unterscheiden – und ihre Bewohner. Auch seine Familie, also seine Eltern, seine Frau, seine Kinder, spart er nicht aus. Dabei ist er nicht bloß Sehender, sondern zumeist auch Teil der Szenerie – und versucht sein Verhältnis zu der Gegend, zu den anderen auszuloten sowie die Beziehung von sich und seinen Mitmenschen zur Welt allgemein.

Wie eng seine beiden Heimaten miteinander verknüpft sind, wie sehr sie sich ähneln (Matthias Kröner ist zwar längs durch die Republik, zugleich aber auch nur von seinem Heimatdorf Oberasbach in ein anderes Kaff übergesiedelt), zeigt sich zunächst in »Oh, wie schön is Banama«. Dort heißt es:
 

Wenn i wech geh,
naus ausm Haus, di Schdrass nunder,
viämol ums Egg
und dann über änn klann Fluss,

binn i doo,
wo i immer woar:
in Oberasbach
middn in Schleswich-Holschdein.
 

Diese Erkenntnis muss vor allem dann nicht überraschen, wenn man berücksichtigt, was einem ganz kurz vor Ende des Bandes offenbart wird:
 

Frankn lichd hald am Meer.
Des is scho immer am Meer gleeng.
Mä sichds hald ned immer.
 

Ein Fremder in jeder Heimat

Was überdies beide Heimatorte miteinander verbindet: In beiden ist er nun ein Fremder. In seinem neuen wird er es immer bleiben, weil das eben so ist und anders nicht sein kann. Und weil ein Wehren dagegen unsinnig ist, denn als offenbarer Fremder, der sich ein wenig anpasst, wird er gemocht, zu viel Assimilierung jedoch würde abstoßend wirken. Sprachlich ausgedrückt: Er darf und soll schon mal »Moin« sagen, auf sein rollendes fränkisches R hingegen darf er unmöglich verzichten (und er könnte dies wohl auch nie). In seiner alten Heimat ist er jetzt ein Fremder, denn da »wass di Bäggeri nämmer, wer vur ihr schdehd«.

Doch so ist das eben:
 

Dahamm,
doo kennsd Godd und di Weld
und desweeng bisd wech
 

Und wenn man dann wiederkommt, dann hat einen eben auch die Heimat ein bisschen vergessen. Mitleid will Kröner dafür nicht. Er stellt das nur fest, durchaus mal etwas wehmütig, doch auch belustigt – und sich seinen Vers darauf machend. Zudem, er findet ja Heimat auch anderswo, nicht nur im Dorf und den alten Nachbarn, die so angenehm ruhig waren (allgemeine Meinung im Dorf), dass ihr Versterben erst bemerkt wird, als sie schon mumifiziert sind (und mithin immer noch so wunderbar still wie eh und je, also schlicht »Subber Nachbärn«), sondern auch im viel intimeren Menschenkreis, in der Familie. Der Telefonkontakt mit der Mutter etwa, die immer noch Heimat bedeutet, zugleich aber selbstredend auch vom Älterwerden gekennzeichnet ist und somit langsam mit Heimatverlust droht, berührt ihn tief, macht ihn sprachlos – und er nickt nur noch stumm ins Telefon. Was wiederum freilich nicht zu einer gelungenen Kommunikation führt, aber ist die überhaupt möglich? Etwa seinem Gedicht »Ausschbroch« zufolge eher nicht, das so anhebt:
 

Kanner sachd, wosser werkli denkd.
Und wenn doch amol anner sachd, wosser werkli denkd,
brauchds ä Ausschbroch,
wo mä des, wossmer werkli denkd,
widder schee hiebiechd und grood rüggd und zudeggd
 

Klar, am Ende wird dann, so Kröners Gedicht, festgestellt, dass es gut war, endlich einmal offen miteinander geredet zu haben. Doch damit erreicht die rhetorische Camouflage dann ja nur ihren von Kröner virtuos aufgezeigten grotesken Höhepunkt.

Sprache als Heimat

Seine vielleicht wesentlichste Heimat ist aber die Sprache, die gesprochene und gehörte sowie die schriftliche. Er ist stets gut bekleidet »mied ämm Gwand vo Schbrooch« (Zitat aus »Alde Klamoddn«). Und er bekennt in »Babier« freimütig: »Mei Haimood is am Babier«.

Ein Bekenntnis übrigens, dessen Sinnhaftigkeit sich unmittelbar erschließt, zumindest wenn ein Autor oder ein leidenschaftlicher Bürokrat alter Schule es ablegt. Doch Kröner kann auch herausfordernder, etwa bietet eines seiner Poeme diesen wunderbaren Eingangsvers: »Iich binn ä Dordnbladdn.« Immerhin, der philosophische Gedanke hinter dieser Behauptung, eine Tortenplatte zu sein, wird noch nachgereicht – doch ganz aus dem Denken wird der Leser selbstredend nicht entlassen; so endet dieses Gedicht mit dem Titel »Wos edz? (odder: Ä Dordnbladdn denkd nooch)« auch glatt mit einer Aufforderung zum Meinungbilden und Ratschlagen: »Edz wass i ned, wos i lieber mooch. / Hylfsd mä du?«

Eingängig, verständlich, tiefgründig

Nun, zum Weiterdenken hat der Leser wahrlich nicht nur hier Gelegenheit. Und dies obwohl oder gerade weil die Verse Kröners eingängig und verständlich sind, ob sie nun vom Alltag direkt ausgehen und auf Größeres verweisen (implizit oder ausgeführt) oder ob sie etwa aus einem alltäglichen Beobachten der fränkischen Befindlichkeit im Allgemeinen hervorgeht, wie bei »Revolde« (das letztlich aber wohl den Großteil aller Menschen überhaupt betrifft):
 

Iich dederd nix soong.
Doo dabbsd bloß nei.
Hinderher deeder i aa nix soong.
Iich halderd mei Maul.
Denk dä dein Deil und sei ruhich.
Su wär iich.
 

Selbstverständlich darf man hier das lyrische Ich nicht mit dem Autor verwechseln. Kröner ist nun eher keiner, der den Mund (oder sich von der Tastatur fern-) hält. So trifft bei ihm nicht nur der Satz zu, dass das Private (oft auch) Politisch ist, sondern das Tagespolitische wird überdies direkt aufgegriffen, Pegida wird verurteilt, die Themen Flucht, Vertreibung und Integration früher, also im Zuge des zweiten Weltkriegs, und heute werden im Allgemeinen und Konkreten beleuchtet. Unter anderem geschieht dies im meines Erachtens wichtigsten Gedicht der Sammlung:
 

Nochkriechslyrik

Iich bin ned dankboar,
wall i doo sei därff.
Iich hobb den Kriech drüüm ned oogfangd.
Iich bin ned gern doo.
Ba aich is kold,
doo schbrichd kanner mei Schbrooch,
doo riechds ned wie dahamm,
doo griech ich nix Gscheids zu essn.
Änn alde Baam, hassds, verbflanzd mä ned,
obber wos hädd i duu solln.
Die woarn hinder mir her.
Die wolldn mei Dochder, mei Fraa und miich.
Iich binn ned dankboar, iich binn kabudd.
 

Empfindsam und systemkritisch

Von seiner empfindsamen Seite zeigt sich Kröner auch in ganz anderen Zusammenhängen, etwa wenn er selbst darüber staunt, wie sehr sein zweijähriger Sohn über Kleinigkeiten staunen, wie er jeden Stein am Wegesrand bewundern kann und wie sich so selbst kleinste Fußwege bis ins schier Unendliche ausdehnen – und zur eigenen, zur elterlichen Entspannung führen. Oder wenn er einen Zugvogel in seinen alten Heimatgefilden beobachtet und sich mit ihm solidarisiert (auch wenn das nichts bringt), weil er sich durchaus selbst mit ihm gemeint sieht.

Er ist aber auch jederzeit bereit, zum Systemkritiker zu werden, etwa wenn ihn an der Autobahn auf überfahrene Kleintiere lauernde Raubvögel an Vertreter der Finanzwirtschaft denken lassen. Und der Fußball, die Verbundenheit mit Club (1. FC Nürnberg) und Nationalmannschaft, darf freilich auch nicht zu kurz kommen. Kurzum: Eine breite Palette an Themen und Tonlagen wird in »Dahamm und Anderswo« präsentiert, dabei ergibt sich jedoch ein rundes und stimmiges Gesamtbild. Quasi eine Kombination aus Kusz und Kästner führt dem Leser seine Welt vor – und unterhält ihn dabei vorzüglich und geistreich.

Ob Kröner dabei immer ehrlich ist? Es wirkt so. Doch steht zu bedenken, was er selbst in »Skylein« formuliert:
 

Du konnsd dei Leem immer asu hieschdelln,
dass dodaal guud aussichd.
 

Bleiben wir also skeptisch! Und lesen besonders aufmerksam! Immerhin ergibt sich so auch doch noch gelungene Kommunikation – und Heimat, denn, wie Matthias Kröner es ausdrückt:

Dahamm,
doo gibbds änn, der dä zuhorchd

 
Matthias Kröner: »Dahamm und Anderswo«Matthias Kröner»Dahamm und Anderswo«
Gedichte
ars vivendi 11/2016
110 S., 15,- €
ISBN 978-3-86913-740-7

 

Jan-Eike Hornauer (Foto: Gabriele Trinckler)

Jan-Eike Hornauer (Foto: Gabriele Trinckler)

Jan-Eike Hornauer wurde 1979 in Lübeck geboren, ist in Hausen bei Aschaffenburg aufgewachsen und lebt heute als freier Textzüchter (Autor, Lektor, Texter, Herausgeber) in München. Zuletzt erschienen sind: sein Solotitel »Das Objekt ist beschädigt – zumeist komische Gedichte aus einer brüchigen Welt« (muc Verlag 2016) und die von ihm herausgegebene Lyriksammlung »Der schmunzelnde Poet – neue komische Gedichte« (Candela 2013). Hier auf DAS GEDICHT blog zeichnet er für mehrere Online-Anthologien verantwortlich, u. a. »Wenn Liebe schwant I & II« (2014 & 2015) sowie die seit 2015 laufende Reihe »Gedichte mit Tradition«. www.Textzuechterei.de
 
 

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