»Konzentrische Kreise« mit Schwindelgarantie in der Mitte

Alfons Schweiggert im Gespräch mit Franziska Röchter über das Phänomen einer multiplen Begabung

Alfons Schweiggert (*1947)

  • Schriftsteller aus München
  • www.alfons-schweiggert.de

Alfons Schweiggert. Foto: Gerd Pfeiffer, München

»Eigentlich darf man in Deutschland ja als ernst zu nehmender Schriftsteller keine unterhaltsamen Texte schreiben.«
Alfons Schweiggert

dasgedichtblog: Alfons Schweiggert, neben Ihrer schriftstellerischen Tätigkeit waren Sie unter anderem Lehrbeauftragter an der Universität München? Wie sah Ihre berufliche Laufbahn ganz konkret aus?

Alfons Schweiggert: 1973 wurde mir von Professor Rudi Seitz (Präsident der Akademie der Bildenden Künste, München), der auf meine ersten Buchveröffentlichungen aufmerksam geworden war, ein Lehrauftrag an der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität München angeboten. Bei diesem von mir geleiteten »Kinderbuch-Seminar« machte ich Studenten mit den unterschiedlichsten Aspekten des Kinder- und Jugendbuches vertraut. Dazu lud ich auch Verleger ein wie Willi Weismann (Parabel Verlag), Hans Joachim Gelberg, (Beltz & Gelberg Verlag), Maria Friedrich (dtv-Verlag) sowie Christa Spangenberg (Ellermann Verlag), außerdem zahlreiche Kinderbuchautoren wie Janosch, Irina Korschunow, Ali Mitgutsch, Binette Schroeder, Wilfried Blecher, Reinhard Michl und viele andere, die uns interessante Einblicke in ihre Arbeit gewährten. Sechs Jahre lang leitete ich dieses Seminar. Danach entschloss ich mich zum Leidwesen von Prof. Seitz, diese arbeitsintensive Veranstaltung einzustellen, um mich fortan eingehender dem Schreiben und Illustrieren eigener Bücher widmen zu können. Von 1974 bis 1979 war ich zudem freier Mitarbeiter des satirischen Magazins »Pardon« und 1978 Mitglied der Jury zum Deutschen Jugendbuchpreis. Nach mehrjähriger Arbeit an verschiedenen Schulen für lernbeeinträchtigte und verhaltensgestörte Kinder und Jugendliche arbeitete ich von 1993 bis 2009 als Institutsrektor am Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung in München und danach als freischaffender Schriftsteller.

»An unseren Schulen kommt die Förderung kindlicher Kreativität viel zu kurz.«

dasgedichtblog: Wie konkret findet die Forderung nach Förderung der kindlichen Kreativität Eingang in den Lehrplänen bayerischer Schulen?

Alfons Schweiggert: Leider kommt an unseren Schulen, bedingt durch den zunehmenden Leistungsdruck, die Förderung kindlicher Kreativität noch viel zu kurz, obwohl sie in den Lehrplänen gefordert wird. Ein ganzheitlicher pädagogischer Ansatz begreift junge Menschen als eine Einheit aus Körper, Geist und Seele. Denken, Handeln, Bewegen und Erleben werden dabei gleichermaßen berücksichtigt. Wichtig ist, dass diese kreativen Bereiche nicht isoliert bleiben, sondern miteinander verzahnt sind und zueinander in Beziehung stehen. Durch experimentelles Ausprobieren und durch das Erleben und Gestalten gemeinsam mit anderen könnte die Schule alternative kreative Lern- und Erfahrungsprozesse durchaus vermehrt bieten. Erlebnisorientiertes Lernen bedeutet, Freiräume zum Nachdenken, Handeln, Entdecken und Erproben von Fähigkeiten ohne Leistungsdruck zu schaffen. Und das müsste an allen Schulen weitaus mehr geschehen.

Illustration Alfons Schweiggert: Gelächter / Ohrflügler



dasgedichtblog: Herr Schweiggert, Ihr Werk ist so umfangreich und vielseitig, dass einem schwindelig werden kann. Über 100 eigene Bücher in allen möglichen Genres haben Sie geschrieben – und auch teilweise selbst illustriert. Romane, Essays, Märchen, Kinder- und Jugendbücher, Lyrik, Theaterstücke, Bavarica. Darüber hinaus verfassten Sie Biografien über Franz Kafka, Edgar Allan Poe, König Ludwig II. von Bayern, Karl Valentin, Erich Kästner oder Papst Benedikt XVI. Auch sehr ausgefallene Sachbücher, etwa über den Maibaum, über Wilderer oder über den Viktualienmarkt sind in Ihrer Werkliste zu finden. Hinzu kommen Fachbücher aus dem pädagogischen Bereich, so schrieben Sie zum Beispiel ein Buch über autistische Verhaltensweisen bei Kindern. Wie schaffen Sie es, solche eine enorme Vielseitigkeit und Bandbreite an den Tag zu legen? Bleibt da noch Zeit für weitere Interessen oder gar für Familie?

Alfons Schweiggert: Ich selbst weiß auf diese oft gestellte Frage eigentlich nicht so recht eine Antwort. Aber als mir 1995 im Münchner Cuvilliés-Theater der »Bayerische Poetentaler« verliehen wurde, versuchte Prof. Rudi Seitz in seiner humorvollen Laudatio eine Erklärung, die ich hier zitieren möchte:

»Man fragt sich natürlich: wie geht denn so etwas? Zunächst scheint der Autor einen Sondervertrag mit dem lieben Gott zu haben, nach dem Motto: Der Tag hat 24 Stunden, wenn er nicht reicht, verwende man die Nacht. Hinter so einem Werk steht ein Mensch mit einer eisernen Arbeitsdisziplin … Er hat das unverschämte Glück, dass er auch als Erwachsener Kind bleiben durfte mit all den herrlichen Eigenschaften. Er ist grenzenlos neugierig, seine Sinne sind offen, nichts verbaut seinen Zugang zur Welt, die kleinste Anregung reicht aus, um seine Bilder, Ideen, Worte und Geschichten anzukurbeln. Nichts ist für ihn endgültig und festgelegt. Alles könnte auch noch einmal ganz anders sein. Er liebt es, sich zu äußern, das heißt seine Vorstellungen nach außen kommen zu lassen und ihnen Form zu verleihen. Und er hat Humor … Neben seinem Lehrberuf war und ist er tätig als Schriftsteller, Kritiker, Lyriker, Kinder- und Jugendbuchautor, Satiriker, Romanschriftsteller, Verfasser von Sachbüchern und Fachbüchern. … Aber – und jetzt beginnt schon wieder das Schwindelerregende – er zeichnet ja selbst auch. Viele Bücher hat er selbst illustriert … Die bildnerisch künstlerische Begabung ist vom Vater vererbt und die Freude am Fabulieren wohl eine mütterliche Mitgift. … In Alfons Schweiggert hat sich alles getroffen, verknotet, verdichtet, ausgeformt, und die Phantasie hat ein Nest gefunden ohne Grenzen.«

Doch genug der deutenden und lobenden Worte von Prof. Seitz. Bezüglich der Frage nach »der Zeit für weitere Interessen und die Familie« verweise ich an meine Frau und unsere beiden Söhne.

»Wer behauptet, über Valentin sei alles Wesentliche bekannt, hat nicht die reiche Persönlichkeit begriffen, die in diesem seltsamsten aller Künstler steckt. Und deshalb schreibe ich Bücher über ihn.«

dasgedichtblog: Dann sind Sie ja auch noch Vorsitzender der 2007 von Ihnen gegründeten Karl-Valentin-Gesellschaft und haben den Großen Karl Valentin-Preis ins Leben gerufen. Bitte erzählen Sie, wann und wodurch Ihre große Faszination für diesen münchnerischsten aller Münchner entstanden ist, sodass Sie ihm gleich sieben eigene Publikationen gewidmet haben? Kommt nicht in diesem Sommer erneut etwas über Karl Valentin aus Ihrer Feder auf den Buchmarkt?

Alfons Schweiggert: Meine Bücher über Karl Valentin sind nichts anderes als Protokolle einer Spurensuche: Dieses Multimediagenie stolperte in unnachahmlicher Weise durch das weite Feld der Künste und produzierte sich meisterhaft als skurriler Moritatensänger, als urkomischer Liedparodist und Instrumentalmusiker, als eigenwilliger Philosoph, als unvergleichlicher Schauspieler und Clown, als innovativer Filmemacher, sprachgewitzter Schriftsteller, leidenschaftlicher Sammler, phantasievoller Museumsschöpfer, dem längst die Ehrentitel Avantgardist und Dadaist zugesprochen wurden. Karl Valentin setzte mit seiner Person ein groteskes Gesamtkunstwerk in Szene; er irritierte und beeinflusste damit vor allem die Künstler selbst, von denen sich heute ganze Heerscharen auf ihn als geistiges Vorbild berufen.

Karl Valentin ist unfassbar und je intensiver sein Werk interpretiert wird, um so unfasslicher scheint er zu werden, sind doch hinter jeder aufgestoßenen Türe, die scheinbar Zugang zu seiner äußerst widersprüchlichen Persönlichkeit verspricht, nur viele weitere Türen verborgen. Valentinesk ist die wohl unzulängliche Bezeichnung, die für dieses Phänomen erfunden wurde. Wer behauptet, über Valentin sei alles Wesentliche bekannt, hat nicht die reiche Persönlichkeit begriffen, die in diesem seltsamsten aller Künstler steckt. Und deshalb schreibe ich Bücher über ihn. Mein jüngstes Buch mit dem Titel »Karl Valentin. Ich bin ja auch kein Mensch, ich bin ein Bayer« befasst sich mit unbekannten Facetten aus seinem Leben, mit Skurrilem und Rätselhaftem, darunter auch Neues zu Valentins Privatbibliothek, über sein extremes Lampenfieber und seinen rätselhaften Tod.

dasgedichtblog: Welche Ziele genau möchte die Karl Valentin-Gesellschaft verfolgen, die ja über sehr prominente Mitglieder wie beispielsweise Gerhard Polt, Django Asül, Fritz Wepper oder Janosch verfügt?

Alfons Schweiggert: Zu den Mitgliedern der Karl Valentin-Gesellschaft gehören neben den Nachkommen Valentins, Leiter von Museen, Valentin-Archiven und Künstlervereinigungen, Schriftsteller, Wissenschaftler und Verleger, Schauspieler, Regisseure, Kabarettisten und Liedermacher, Journalisten aus Funk und Fernsehen, bildende Künstler und Karikaturisten. Jeder von ihnen hat auf ganz individuelle Weise bereits Unterschiedliches für Valentin geleistet und entscheidet selbst, auf welche Weise sie / er sich weiterhin für den Komiker und seine Partnerin Liesl Karlstadt einsetzen möchte. Zusammengefasst lassen sich die Ziele der KVG folgendermaßen bündeln.
Die Karl Valentin-Gesellschaft will

  • die Erforschung und Darstellung von Valentins Werken, seiner Person und seiner Zeit fördern,
  • das Leben und Wirken seiner Partnerin Liesl Karlstadt dokumentieren,
  • das Verständnis für den Tragikomiker und seine Partnerin vertiefen,
  • Valentins geistiges Erbe lebendig erhalten,
  • in allen Medien immer wieder auf die Bedeutung Valentins und seiner Partnerin hinweisen.

Die Karl Valentin-Gesellschaft unterstützt Veranstaltungen, wie

  • Darbietungen von Schauspielern, Komikern und Kabarettisten,
  • Lesungen, Vorträge und Tagungen,
  • Aufführungen der Stücke Valentins,
  • Ausstellungen.

Die Karl Valentin-Gesellschaft

  • plant Publikationen über Leben und Werk Karl Valentins sowie seiner Partnerin Liesl Karlstadt.
  • unterstützt Vorhaben des Münchner Valentin-Karlstadt-Musäums, des Stadtarchivs, des Stadtmuseums und der Monacensia, in denen viele Valentiniana archiviert sind.
  • pflegt engen Kontakt zur Leitung der Theaterwissenschaftlichen Sammlung Schloss Wahn in Köln, in der wichtige Teile des Nachlasses von Karl Valentin aufbewahrt werden.
  • setzt sich dafür ein, dass München endlich zur Karl Valentin-Stadt wird, was dadurch geschehen kann, dass der Multimediakünstler und seine Partnerin nicht nur durch Ausstellungen und Aufführungen in all ihren künstlerischen Facetten präsentiert werden, sondern vor allem auch durch Aktivitäten zeitgenössischer Künstler aus allen Kunstsparten immer wieder aufs Neue zum Leben erweckt werden.

»Ein Umschwung von Zeit zu Zeit ist unerlässlich.«

dasgedichtblog: Seit dem Jahr 2000 sind Sie Präsidiumsmitglied der Münchner Turmschreiber, einer renommierten, seit 1959 bestehenden Literatenvereinigung in München, die jährlich den Bayerische Poetentaler an Institutionen und Personen vergibt, an Autoren, Schauspieler, Kabarettisten, Sänger und Gesangs- und Musikgruppen. Sogar die Augsburger Puppenkiste, Ottfried Preussler, der Kabarettist Bruno Jonas, Gerhard Polt und Konstantin Wecker haben diese Auszeichnung schon bekommen. 1995 erhielten auch Sie selbst den Poetentaler für Ihre Verdienste um die bayerische Literatur und Kultur. Wie darf man sich die Aufnahmepraktiken der Turmschreiber vorstellen?

Alfons Schweiggert: Um eine Mitgliedschaft in unsere Gruppe kann man sich nicht bewerben. Die Einladung erfolgt nach Beschluss der Mitglieder an ausgewählte, Literatur schaffende Persönlichkeiten. Voraussetzung ist also stets, dass sich die betreffende Person bereits literarische Verdienste erworben hat. Nie wurde jemand zuerst Turmschreiber und dann im Nachgang, sozusagen infolge seiner Zugehörigkeit zu dieser Gruppe, ein Autor, dem man Beachtung schenkt.

Was den Bayerischen Poetentaler betrifft – er wird seit 1961 jährlich an Persönlichkeiten oder Institutionen vergeben, die sich um Kunst und Kultur in Bayern herausragende Verdienste erworben haben. So erhielten diese Ehrung, die von der Presse sogar als »Bayerischer Nobelpreis« bezeichnet wurde, unter anderen Schriftsteller wie Marieluise Fleißer, Eugen Roth und Gerd Heidenreich, Kinder- und Jugendbuchautoren wie Michael Ende und Janosch, Musiker wie Wolfgang Sawallisch und Haindling, Komponisten wie Carl Orff und Wilfried Hiller, Kabarettisten wie Dieter Hildebrandt und Frank-Markus Barwasser, Filmregisseure wie Werner Herzog und Jo Baier, Schauspieler wie Jörg Hube und Fritz Strassner und Karikaturisten wie Franziska Bilek und Ernst Maria Lang. Inzwischen wurden mehr als 200 Persönlichkeiten oder Institutionen ausgezeichnet – eine ganz eigenständige und widerständige Art bayrischer Kulturpolitik.

dasgedichtblog: Speziell in den vergangenen zwei Jahren hat sich eine Menge bei den Münchner Turmschreibern getan. Die Homepage erscheint frischer und jünger. Im Buchshop der zugehörigen Autoren findet man Titel wie »Die Geschichte der Frauenbewegung«. Bitte erzählen Sie, was der Auslöser für diesen Umschwung war? Es gibt ja sehr spannende Neuzugänge bei den Turmschreibern.

Alfons Schweiggert: Wenn eine Autorengruppe wie die der Münchner Turmschreiber seit mehr als 50 Jahren besteht, ist ein Umschwung von Zeit zu Zeit unerlässlich. Gegründet im Isartorturm – daher der Name – setzte die damals noch rein männliche Autorengruppe unter der Führung von Hanns Vogel von 1959 bis 1979 in ihren Arbeiten zunächst die traditionell geprägte bayerische Literatur fort, wobei sie sich an Thoma, Queri oder Oskar Maria Graf orientierte. Nach einigen Jahren kam es zu kontroversen, aber äußerst fruchtbaren Diskussionen zwischen einzelnen Turmschreibern und Mitgliedern des Friedl-Brehm-Kreises über Literatur. Friedl Brehm, freiberuflicher Lokaljournalist, hatte in Feldafing am Starnberger See den Friedl Brehm Verlag gegründet und zahlreiche junge Autorinnen und Autoren um sich geschart. Dieser Friedl-Brehm-Kreis, zu dem ich auch gehörte, wurde »zu einem Sammelbecken all jener literarischen Stimmen, die damals für ein ›anderes Bayern‹ standen«, wie es Bernhard Setzwein formulierte. »Bald war der Friedl Brehm Verlag ausgewiesen als Forum einer neuen, avantgardistischen, progressiven und kritischen bayerischen Dialektliteratur.«

Unter der Leitung von Kurt Wilhelm verbreitete sich ab 1980 der Bekanntheitsgrad der Turmschreiber innerhalb der folgenden 20 Jahre über Münchens und Bayerns Grenzen hinaus und dies vor allem durch zahlreiche gut besuchte Leseveranstaltungen.

Als Kurt Wilhelm 2000 die Leitung niederlegte, übernahm ein Dreierteam – Norbert Göttler, Erich Jooß und ich – die Verantwortung. Die Absicht neben Bewährtem durch Reformen eine Weiterentwicklung der Autorengruppe zu forcieren ist bis heute Programm. So öffnete sich der Kreis endlich auch Schriftstellerinnen sowie Autorinnen und Autoren, die dem »Friedl-Brehm-Kreis« angehörten, der sich nach dessen Tod im April 1983 aufgelöst hatte. All diese Maßnahmen hatten auf die Gruppe der Turmschreiber eine belebende und befruchtende Wirkung.

»Wissenschaft und Lehre sollten sich immer auf der Basis von Freiheit und Kreativität abspielen.«

Illustration Alfons Schweiggert: Täglich Buch – Buch-Flug

dasgedichtblog: Herr Schweiggert, ab wann wussten Sie, dass sich Wissenschaft und Lehre sehr gut mit der Freiheit und Kreativität einer Künstlerseele vereinbaren lassen?

Alfons Schweiggert: Wissenschaft und Lehre sollten sich immer auf der Basis von Freiheit und Kreativität abspielen. Und es wäre wünschenswert, wenn sich das, was Sie als »Künstlerseele« bezeichnen, auch in Menschen, die sich mit Wissenschaft und Lehre befassen, fest einnisten würde. Für meine Person war und ist das seit jeher eine unabdingbare Kombination.

dasgedichtblog: Sie scheinen ein sehr humorvoller Mensch zu sein. Etliche Ihrer Bücher, speziell die Bavarica, beinhalten Witze und humorvolle Anekdoten auf bayerisch. Nehmen wir zum Beispiel das Büchlein »Ein echter Bayer red’t nicht viel – Die schönsten Wortkargheiten, weißblau«, (Bayernland, 8. Auflage, 2001). Sind die kleinen Szenen darin von Ihnen gesammelt und zusammengetragen, oder erfinden Sie derartige Dialoge selbst?

Alfons Schweiggert: Also eigentlich darf man in Deutschland ja als ernst zu nehmender Schriftsteller keine unterhaltsamen Texte schreiben. Wie sagte Marcel Reich-Ranicki in seinem Aufsatz »Ist das Leichte gleich verächtlich?«: »Das Amüsante gilt als unseriös, dem Charme misstraut man, das Leichte hat es schwer, das Spannende wird als dubios empfunden und das Witzige als undeutsch denunziert. […] Bringt also das Kurzweilige den deutschen Autor in Verruf? Nein das wäre natürlich übertrieben. Aber das Langweilige, das sich würdig gibt, hat in Deutschland immerhin die größere Chance, ernst behandelt zu werden.« Und dann zitiert Ranicki Dürrenmatt, der forderte »Die Literatur muss so leicht werden, dass sie auf der Waage der heutigen Literaturkritik nichts mehr wiegt: Nur so wird sie wieder gewichtig.« Ranickis bedenkenswerter Beitrag schließt mit den Worten: »Wir können, denke ich, nicht oft genug daran erinnern, dass es das Geschäft der Künste ist, die Leute zu unterhalten, Auch der modernen Künste.« Mit meinen satirischen und humorvollen Büchern widme ich mich immer wieder auch dieser Disziplin und das ohne schlechtes Gewissen. Bei der Realisierung dieser Projekte schaue ich den Leuten natürlich auch häufig aufs Maul.

dasgedichtblog: Was würden Sie sich für die deutsche Sprache, für die deutsche Literatur insgesamt – also auch für die bayerische – wünschen?

Alfons Schweiggert: Spontan fällt mir dazu ein: Offenheit, Experimentierfreude, Geist, Substanz, Klarheit, Einfachheit, Schönheit, Inspiration, Wahrheit, kritisches Denken, Unsagbares sagbar machen, »jeder Satz ein Menschengesicht« … und … und …

dasgedichtblog: Herr Schweiggert, ganz herzlichen Dank für das Gespräch.

Alfons Schweiggert
Jeden Tag ein Gedicht! Eine fröhliche Gedichtesammlung rund ums Jahr für die Schule. 1.-4. Klasse
Brigg Pädagogik Verlag, Augsburg, 2012
244 Seiten
ISBN 978-3-87101-735-3
Euro 19,80 [D]

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