Mund-Art und Spoken-Word-Poetry

Fitzgerald Kusz im Gespräch mit Franziska Röchter über Mundart in der Lyrik und am Theater

Fitzgerald Kusz (*1944)

  • Lyriker aus Nürnberg
  • www.kusz.de

Fitzgerald Kusz. Foto: Karoline Glasow

»Meine Musik ist und bleibt die Sprache!«
Fitzgerald Kusz

dasgedichtblog: Fitzgerald Kusz, Sie sind einer der meistgespielten deutschsprachigen lebenden Bühnendichter der letzten 30 Jahre. »Schweig, Bub!« (1976) war Ihr erstes Theaterstück und gleich ein Erfolg. In wie viele Sprachen wurde es übersetzt?

Fitzgerald Kusz: Es waren keine Sprachen, wenn man von Flämisch absieht, es waren 13 deutsche Dialekte von Nord nach Süd, von Plattdeutsch bis Schwyzerdütsch.

dasgedichtblog: In »Schweig, Bub!« lassen Sie den Zuschauer einen Blick hinter die Fassade einer kleinbürgerlichen Spießergesellschaft werfen. Sie sagten einmal, dieses Stück hätte Ihrer eigenen Befreiung von ›bösen Geistern‹ gedient. Gleichzeitig beschreiben Sie Ihre Kindheit als wundervoll. Wie entstand diese Diskrepanz in Ihrer Wahrnehmung, was brachte die Idylle Ihrer Kindheit ins Wanken?

Fitzgerald Kusz: Ich glaube, das ist nur ein scheinbarer Widerspruch. Ich hatte liebevolle Eltern, eine glückliche Kindheit und grenzenlose Freiheit. Das ganze Dorf, der Bach und die Wälder ringsum waren unser Spielplatz, wo wir herumtoben und Cowboy und Indianer spielen konnten. Aber da war auch noch das gesellschaftliche Umfeld. Die Engstirnigkeit der Fünfziger Jahre. Der immer noch latente Faschismus in den Köpfen. Die Kunstfeindlichkeit, die Ablehnung alles Neuen, die Spießig- und Kleinkariertheit. Die Konflikte, in die man geriet, waren also vorprogrammiert. Und ohne Konflikt kein Drama.

dasgedichtblog: Sie stammen aus einer Musikerfamilie. Wäre es da nicht naheliegend gewesen, selbst Musiker zu werden?

Fitzgerald Kusz: Ich hatte Klavierunterricht, aber nicht das Zeug zum Pianisten wie mein ungarischer Großvater Ferenc, der vier Jahre vor meiner Geburt verstarb. Mein Vater war Opernsänger, kurze Zeit an der Berliner Staatsoper. Der Krieg beendete seine Karriere. Darunter litt er Zeit seines Lebens. Meine Musik ist und bleibt die Sprache!

dasgedichtblog: Sie sagten einmal, Theaterstücke schreibe man »mit den Füßen« …

Fitzgerald Kusz: Das ist ein Ausspruch von Heiner Müller. Stücke entstehen nicht am Schreibtisch, sie entstehen unterwegs, beim Herumgehen und Herumhören, immer da, wo Menschen anzutreffen sind. Ich habe manchmal einfach mitgeschrieben. Die Dialoge flossen in meine Stücke ein.

dasgedichtblog: Herr Kusz, wollten Sie immer schon Theaterautor werden?

Fitzgerald Kusz: Um Gottes Willen, nein! Ich wollte immer dicke Romane schreiben. Zum Theater kam ich wie die Jungfrau zum Kind. Ich verstand nichts vom Theater, ich bin durch »Schweig, Bub!« in die Welt des Theaters hineinkatapultiert worden. Die hat mich dann aber nicht mehr losgelassen. Dicke Romane wird’s von mir nicht geben.

dasgedichtblog: Sie schreiben ja Gedichte und Theaterstücke im fränkischen Dialekt. Sind Ihre Mundarttexte für den Nicht-Franken überhaupt verständlich?

Fitzgerald Kusz: Wenn man sie laut vorliest, sind sie absolut verständlich. Wer sich selber davon überzeugen möchte, kann sich einmal die Hörproben auf meiner Website anhören.

Die geschriebene Mundart ist meines Erachtens immer nur ein Notbehelf mit einem gewissen ästhetischem Reiz, aber diese im Buch gefangenen Texte leben erst, wenn man sie frei lässt, das kann nur heißen, wenn man sie rezitiert. Mund-Art, wie ich sie verstehe, ist ›Spoken-Word-Poetry‹. Die Lyrik ist ja nur ein Teil meiner Arbeit. Und je älter ich werde, desto mehr kehre ich zu dem zurück, womit ich angefangen habe: zum Gedicht.

dasgedichtblog: Welche Möglichkeiten eröffnet der Umgang mit dem Dialekt im Gegensatz zur Hochsprache?

Fitzgerald Kusz: Im Grunde habe ich das schon beantwortet. Es ist der Klang, die Musik, der Groove, der Swing, der Rhythmus, den das Hochdeutsche nicht hat. Das klingt immer nach »Hacken zusammenschlagen«, nach »Offizierskasino«, um ein Gedicht von Hellmuth Opitz sinngemäß zu zitieren.

»Kommunikation war das Ziel.«

dasgedichtblog: Was trug Ihnen in Ihren Anfangsjahren die Bezeichnung »Pop-Art-Poet« ein? Hatten Sie eine rebellische Ader?

Fitzgerald Kusz: Ich war als 68er im SDS. Wir hatten damals auch ein Seminar »Pop-Art« und »Agit Prop«. Was uns vorschwebte, war »Agit Pop«: Polit-Happenings als theatraler Protest. Und in der Sprache hieß das: weg von der Literatur-, hin zur Alltagssprache und der innovativen Sprache der Werbung, die ständig auf uns einstürmte. Kommunikation war das Ziel, nicht deren Verweigerung wie in der Lyrik der Nachkriegszeit.

dasgedichtblog: Was hat es für Ihre Entwicklung bedeutet, in den 70er Jahren in den Verlag der Autoren aufgenommen zu werden?

Fitzgerald Kusz: Es war mein ›Durchbruch‹, wie man’s auch dreht und wendet. Und ich hatte einen wunderbaren Lehrmeister: Karlheinz Braun, eine Legende im deutschen Theater, der mit so unterschiedlichen Autoren wie Rainer Werner Faßbinder, Peter Handke und Botho Strauß gearbeitet hat. Lyrik schreibt man ganz allein, im Theater braucht man einen Sparringspartner.

dasgedichtblog: Inwieweit hat die legendäre Wiener Gruppe Sie beeinflusst? Haben Sie mit Künstlern aus dieser Literatenvereinigung noch persönlich zusammengearbeitet?

Fitzgerald Kusz: Ich durfte zweimal mit dem von mir bewunderten H. C. Artmann auftreten, einmal mit Ernst Jandl! Aber in meinen Anfängen hat mich am meisten Konrad Bayer beeinflusst. Man muss sich ja erst mal mit seinem Material, mit der Sprache, beschäftigen. Da habe ich mir vieles von Konrad Bayer abgeschaut.

»Auf der Bühne gibt’s keine Harmonie.«

dasgedichtblog: Herr Kusz, in Ihrem 2010 entstandenen Theaterstück »Lametta« geht es ›heiß‹ her (Videoclip zur Fränkischen Inszenierung, Staatstheater Nürnberg, Videoclip zur Hessischen Inszenierung, Volkstheater Frankfurt). Das Weihnachtsfest innerhalb einer Patchworkfamilie bietet allerhand Zündstoff. Woher nehmen Sie die Vorlagen für solchen Stoff?

Fitzgerald Kusz: Natürlich aus der Wirklichkeit, die ich aber zuspitze, in den Konflikt treibe. Auf der Bühne gibt es keine Harmonie, in der Lyrik schon.

dasgedichtblog: Begreifen Sie sich in erster Linie als Lyriker oder als Dramatiker?

Fitzgerald Kusz: Das kommt drauf an, wechselt je nach Stimmung. Nach jeder guten Theaterkritik bin ich Dramatiker, nach jedem Verriss Lyriker. In meinen Arbeiten für das Puppentheater kann ich Lyrik und Dramatik verbinden. Da gibt es eine große Schnittmenge. Die Puppen brauchen die Poesie.

dasgedichtblog: Herr Kusz, haben Sie nicht auch den Begriff »Häkelmusterlyrik« geprägt? Was ist genau damit gemeint?

Fitzgerald Kusz: Wenn das Gedicht nur aus reiner Rhetorik besteht, reinem Wortgeklingel. Die Rhetorik ist ja nur eine ›Magd‹ der Poesie. Ein Gedicht kann die Rhetorik benutzen, sie darf aber niemals Selbstzweck sein, dann entstehen Häkeldeckchen!

dasgedichtblog: Im Oktober erscheint ihr neuer Band »Zwedschgä«. Ihre Frau hat einmal öffentlich gesagt, Sie hätten im Hinblick auf Haus- und Gartenarbeit eher zwei ›linke‹ Hände. Deshalb nehme ich an, dass es sich nicht um ein Kochbuch handeln wird?

Fitzgerald Kusz: Nein, da haben Sie Recht. »Zwedschgä« ist fränkisch für »Pflaume«. Das Wort hat mehrere Bedeutungen. Zu einem kleinen Kind sagt man z. B. den Kosenamen »klanner Zwedschgä«, man verwendet es mitunter auch für das weibliche Geschlechtsteil und, last not least, gibt es wie in meinem Gedicht »baradies« die »sieben Zwetschgen«, damit meint man seine Habseligkeiten oder seinen Verstand. Man muss in Zeiten wie diesen seine »siem zwedschgä beieinander ham«.

dasgedichtblog: Herr Kusz, herzlichen Dank für das Gespräch.

Fitzgerald Kusz
Der Vollmond über Nämberch
ars vivendi, Cadolzburg, 2009
224 Seiten
ISBN 978-3-89716-985-2
Euro 14,95 [D]

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