Poesietransfer I:
Drei Gedichte von Daniel Simon

In dieser unregelmäßigen Reihe wird der deutsch-amerikanische Lyriker Paul-Henri Campbell Blicke über die Sprachgrenzen werfen und internationale Stimmen in deutscher Übersetzung präsentieren.
 

Drei Gedichte von Daniel Simon

übersetzt von Paul-Henri Campbell
 

Zerstäuben

nach einem Besuch von »Le cimetière marin«

Das Gefühl zu schlürfen
Salz von meiner Hand
Rückstände der Gischt schäumende
weinrote Spur der See
am Kirchhof läppend
die satte Süße des Muskats
Reiskörner gehäuft
zwischen unreinen Fingern –
tee- und nikotinverfärbt
der gewandelte Körper
Wunden abgeschürft
in der hohlen Hand behütet
ein fadenscheiniges Tuch
ein Blutstropfen
fortgestoßen
in steigende Wogen dunst-
wolkig wie Weihrauch
safrangefärbt
des Tages Salzlache
aufwallend wie des Pulses
Kontraktionen, sein Erinnern
das schwankende Bewusstsein
sich verströmende Reverie
zeitverwachsen
 

Oklahoma in Flammen

als sei das Wasser eine Transmutation des Feuers
– Elizabeth Bishop

Was wir uns vorstellen, was Wissen wohl sei,
schreibt Bishop – irgendetwas, das
fliegt. Meint sie denn im Flug oder im Fluss
hinab, ein heraklitischer Strom des Wandels
oder das augenblickliche flüchtige Schwinden von etwas
das in Reichweite unserer Fingerspitzen herumspringt,
jene Gewissheit, die kommt
mit Stasis? Ein Wissen nicht gewusst,
doch im Fluss, eine Erkenntnis gezogen
aus den steinigen Brüsten der Welt,
ein kalter harter Mund
anstrengender als geschmeidige
Labiale von rissigen Lippen, unlöschbar
ausgetrocknet durch eine Flamme, die sowohl tief
in der Erde ist als auch frei,
gefräßig, gestirnzerreißend,
die nicht fließt, sondern ertränkt
in dieser Atmosphäre,
atemlos, gebeugt, hinab, geblasen.
 

Foul!

Rein oder raus – klar,
die Grenze zwischen
fair und foul,
eine Trennlinie, markiert
den Saum zwischen
schön und grotesk,
bist du fair, bist du drin,
bist faul, bist du draußen
kein Schwanken auf der Linie.

Behalte es im Auge
und Urteile im Geist,
Verachte im Herz.

Teilung, die große Verungleicherin,
Messers Schneide gestoßen
in die kreide-

weiße Linie –
schwarz der Abgrund
diesseits wie jenseits.
 

Daniel Simon ist stellvertretender Leiter und Chefredakteur von World Literature Today an der University of Oklahoma, wo er auch Literaturwissenschaft lehrt. Er ist Mitglied des Rats amerikanischer Herausgeber von akademischen Periodika, dem National Book Critics Circle, sowie dem PEN American Center. Er kommt aus Nebraska und wohnt in Norman (Oklahoma) mit seiner Frau und drei Töchtern.

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