Poesie. Meditationen – Folge 16: Über das Mögliche, den Geschmack, den Horizont und das Versagen der Worte

In den »Poesie. Meditationen« treffen Sie Timo Brandt: Der junge Lyriker und Lyrik-Kritiker (Jahrgang 1992) lässt Sie teilhaben an seinem ganz persönlichen Zugang zur Lyrik: Bei der Lektüre von Gedichten fließen Eindrücke zum Tagesgeschehen und poetische Impressionen zusammen. Der Leser begibt sich in einen beinahe meditativen Zustand, ganz im Hier und Jetzt und achtsam gegenüber den Phänomenen im gegenwärtigen Augenblick. Der Verknüpfung von Gedicht und Gedankenfluss geht Brandts Kolumne nach.

 

Mittlerweile schreibe ich schon eine ganze Weile über Lyrik und wenn man das eine Weile getan hat, gelangt man irgendwann zu der Ahnung – die später vielleicht mal zu einer Einsicht wird –, dass man vieles über Gedichte sagen kann, das stimmig klingt, aber das Phänomen dadurch nur weitere Aspekte erhält, keine Definition, keine klare Kontur.

Nun sind Aspekte ja durchaus schön (ich persönlich halte sie sogar für die wichtigste und beste Erscheinungsform der Wirklichkeit) und man könnte sogar so weit gehen, zu sagen, dass Lyrik aus versprachlichten Aspekten besteht, mit ihnen hantiert, sie aufdeckt und dann und wann innerhalb dieser Aspekte etwas Wesentliches herausarbeitet.

Aber Lyrik und Poesie, sie sind so sehr Geschmackssache und, was ich mir bis heute nicht richtig eingestehen will, auch ein Hort der Missverständnisse. Ich will jede Poesie immer auf ihre Weise würdigen, aber manchmal finde ich nur einen schmalen, kaum auszuformulierenden Zugang, wo bei anderen Dichtern eine breite Verständigung bereits vorliegt, wenn ich ihre Gedichte das erste Mal lese. Ich hielt das lange für Bequemlichkeit (und fürchte immer noch, dass es in diese Richtung geht) und wollte mich nicht mit meinem Horizont zufriedengeben. Die Gedichte, die nicht zu mir sprachen – es musste einen Weg geben, sie zum Sprechen zu bringen.

Ich versuchte im Schreiben herauszuarbeiten, was Gedichte, die ich nicht verstand, bedeuten könnten; was die Ansätze sein könnten, mit denen diese Gedichte mich aus etwas heraus und in etwas hinein führen wollten. Konnte es denn sein, dass Worte, die etwas aufzeigen, die kommunizieren wollen, versagen? Musste es nicht an mir liegen?

Es gab auch Zeiten, in denen ich glaubte, es würde wiederum schlicht an den Gedichten liegen; sie wären Heuchler, poetologische Irrwege, Verkrampftes, das man als Sprache rechtfertigen, an der Sprache auslassen wollte. Diese Ansichten hielten sich aber nie lange, denn ich empfinde sie meist sofort als vermessen. Und oft haben sich auch Ansichten zu Gedichten geändert. Manchmal bedurfte es nur der wiederholten Lektüre oder einer gewissen Zeit.

Als ich selbst begann, Gedichte zu publizieren, war ich mit den Reaktionen von anderen Menschen konfrontiert, die mal positiv, mal negativ ausfielen, wobei es für beide Wertungen vernünftige Argumente gab, wenn man das Gedicht unter diesem oder jenem Aspekt betrachtete. Bis heute weiß ich nicht, ob der Aspekt, der ein Gedicht wertvoll und lesenswert macht, einem bei der Lektüre einfach ins Gesicht springen muss, oder ob es wichtiger ist, dass man diesen Aspekt herausarbeiten kann. Kann ein Gedicht, das erklärt werden muss, denn ein gutes Gedicht sein? Schon. Ich muss aber gestehen: ich fürchte mich vor solchen Gedichten – habe aber gleichzeitig auch Angst, die ganze Thematik zu einseitig zu sehen, wenn ich mich nicht mit ihnen auseinandersetze.

Das alles führt für mich auch zurück zu der Frage, ob Worte auch versagen können. Um diese Frage kreist ein jeder meiner Texte über Lyrik, jede Formulierung meiner Gedichte entsteht unter dem Druck dieser Frage, all die Worte wollen einstehen dafür, dass Poesie sich durchsetzen kann. Natürlich schafft sie das auch sehr leicht ohne mich. Aber ich könnte nicht schreiben, wenn ich mich nicht immer wieder an dieser Frage abarbeiten würde.
 

Timo Brandt

Timo Brandt

Die »Poesie. Meditationen« werden Ihnen von Timo Brandt (Jahrgang 1992) präsentiert. Er studiert derzeit an der Universität für angewandte Kunst in Wien, am Institut für Sprachkunst. Er schreibt Lyrik und Essays, außerdem veröffentlicht er Literatur-Rezensionen auf seinem Blog lyrikpoemversgedicht.wordpress.com, Babelsprech.org und Amazon. 2013 war er Preisträger beim Treffen junger Autoren.

Alle bereits erschienenen Folgen der »Poesie. Meditationen« finden Sie hier.

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