Prosaische Rede. Poetische Wendung: Stefan Heuers neuer Gedichtband »Herzstück«

rezensiert von Hellmuth Opitz

Das Markenzeichen des Verlagshauses Berlin bei der Covergestaltung seines lyrischen Programms besteht darin, den Autorennamen und den Titel des Bandes durch einen höchst eigenwilligen Umbruch miteinander zu verschmelzen. Das führt zu irritierenden und zugleich erhellenden visuellen Wahrnehmungen. Manchmal tritt noch ein illustratives Element als Accessoire hinzu, in diesem Falle eine Waage mit Fleischerhaken, die an einem Buchstaben des Titels befestigt ist. Gut abgehangen also, das Herzstück.

Normalerweise bezeichnet die Vokabel »Herzstück« das Zentrale, das Essentielle einer Sache. Sie taucht gern in Redewendungen wie »das Herzstück ihrer Politik« oder »Herzstück seiner Philosophie« auf und meint dann stets den Kern eines Anliegens. Wenn ein Dichter seinen Gedichtband so betitelt, erwartet die poetisch konditionierte Leserschaft natürlich vor allem Liebesgedichte. Und dieser schön aufgemachte, mit sehr feinen, fast surrealen Illustrationen von Natalia Weiss versehene Band enthält ja auch klassische Liebesgedichte wie etwa die erotische Trouvaille »nach dem dritten akt«: »…und dein bermuda-dreieck, so als ginge es/ um geometrische orte…«. Im nebenstehenden Gedicht sind Titel und erste Strophe nahtlos verfugt »objet trouvé, wie du// so daliegst, gewärmt von meinem schatten,/ der wie katzengold zu glühen scheint,…«. Wer also den Titel »Herzstück« in erster Linie in dieser amourösen Hinsicht auslegt, wird durchaus fündig, vor allem in dem Kapitel mit der Überschrift »hauch«. Das Titelgedicht selbst hingegen bleibt eher dem rein Organischen verhaftet: »zwischen links und rechts passt/ immer noch eine mitte, ein herz-/ stück (gebietsreform der organe, // eingemeinden auch den stachel/ im fleisch). steht auf stelzen wie/ ein storch im salat, beim wurst-// schnappen in die lippe gebissen.//« Virtuos werden hier verschiedene Bildebenen von Brustkorböffnung bis Kindergeburtstag ineinander verschränkt und wer dennoch unbedingt auf dem Topos »Liebe« beharren will, dem sei gesagt, dass »Herzstück« tatsächlich fast ausschließlich Liebesgedichte enthält – vor allem aber Liebesgedichte an die Sprache.

Wer sich in die Gedichte von Stefan Heuer versenkt, wird feststellen, wie viele Redewendungen, Sprichwörter und Idiome sie enthalten. Redewendungen sind die Treppengeländer der Sprache, mit denen sie dem Leben Orientierung liefert, Konventionen vermittelt, kurz: sie sind rhetorische Passepartouts für jede Lebenslage. Vor allem aber sind sie eine exzellente Reibefläche für poetische Zündfunken. »sprich. wörtlich« heißt ein Kapitel in Stefan Heuers Band und manche Gedichte darin hangeln sich von Wendung zu Wendung: »auf der reeperbahn nachts// mit karl-heinz, und eben der kennt/sich mit vögeln aus, ein kalauer im schwarzen/ frack/ und sicher: EINE SCHWALBE MACHT/ NOCH KEINEN SOMMER, doch kachelmann/ und kalender sind sich sicher, der winter nimmt/ seinen hut, und auch die ornithologen jubilieren.// der schnee geschmolzen, im schmelzwasser/ schwimmen nüsse, in ihnen fromme wünsche// allmorgendlich der Straßenkehrer, kleenex und// kondome, die mücken über dem fluss – komm,/ komm und segne unser haus mit deinem nest.« Stefan Heuer fängt in diesem Gedichte feststehende Redewendungen quasi mit dem Schleppnetz ein, die Herkunft der Wendungen spielt dabei keine Rolle, ob sie dem Schlager, einem Flachjoke, Bauernregeln und christlichen Fürbitten entstammen, ist dabei gleichgültig. Ich weiß nicht, ob Stefan Heuer mit solchen Redewendungen groß geworden ist, bei mir waren es vor allem seitens der Mutter gern gebrauchte Weisheiten, die einen moralisch einnorden sollten, Sätze wie »Dummheit und Stolz wachsen stets auf einem Holz« oder das bekannte »Wer einmal lügt…«. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass der übermäßige Einsatz von Sprichwörtern zu pädagogischen Zwecken beim Kind zu subversivem sprachlichen Widerstand führt. Man fängt an, Wendungen und Sprichwörter zu verballhornen. Auch Stefan Heuer flippert und zockt mit ihnen: »Viele köche verderben den brei// der heute als salat daherkommt, weil die hälfte/ brei nicht mag./« Natürlich rutscht da der eine oder andere Kalauer mit durch, das trübt aber die Spielfreude des Autors und die Lesefreude des Rezensenten keineswegs. Heuer liebt das Parlando, den prosaisch-saloppen Ton, seine Gedichte kommen unprätentiös daher, sie brauchen nicht unbedingt den Sockel eines Titels, genauer gesagt, der Titel markiert gleichzeitig den Einstieg, das schafft Unmittelbarkeit und Direktheit. Im Geröll sprachlichen Materials sind Redewendungen so etwas wie abgerundete bzw. angeschliffene Steine, man kann sie nehmen und über die Oberfläche des Gedichts hüpfen lassen, sie verbinden das leichte Kräuseln eines Wortwitzes mühelos mit dem tiefen, ja manchmal auch abgründigen Ernst dieser Gedichte. Bloß ganz zum Schluss parodiert Heuer noch mal die Verzweiflung eines großen Künstlers. Natürlich beginnt das letzte Gedicht des Bandes so: »etwas wie einen anfang machen, den anfang/ vom ende vielleicht. sich ein ohr abschneiden/ vielleicht, sich vincent nennen oder nennen/ lassen, und sich stück für stück verschenken.//« Dementsprechend lautet die Lektüre-Empfehlung: stückweise genießen.

Stefan Heuer HerzstückStefan Heuer
Herzstück

Gedichte
Verlagshaus Berlin, Berlin 2016
Softcover, 96 S.
€ 13,90 (D)

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Hellmuth Opitz (Foto: Isabel Opitz)

Hellmuth Opitz (Foto: Isabel Opitz)

Hellmuth Opitz wurde 1959 in Bielefeld geboren, wo er auch heute lebt. Er gilt inzwischen als einer der besten deutschen Liebeslyriker. Nach seinen Anfängen als Rock- und Folkmusiker interviewte er für überregionale Musik-Magazine wie »Musikexpress« oder »Rolling Stone« u. a. Aerosmith, Bad Religion und Wim Wenders. Zusammen mit Matthias Politycki und Steffen Jacobs tourte er mit dem Poesieprogramm »Frauen. Naja. Schwierig«, das auch auf CD vorliegt, durch Deutschland. Bislang erschienen von ihm neun Gedichtbände, zuletzt »Die Dunkelheit knistert wie Kandis« (2011) sowie »Aufgegebene Plätze. Verlorene Posten« (Künstlerbuch, 2013).

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