Unwirksame Zaubersprüche: »Lyrik von Jetzt 3: Babelsprech«

rezensiert von Hellmuth Opitz

Anthologien zu rezensieren, ist eine undankbare Aufgabe. Man wird in eine Rolle gezwungen, die der eines Weinkritikers nahekommt, der etwas Allgemeines über einen Weinjahrgang sagen soll. In dieser Rolle gehen manche Kritiker allerdings gern auf. Beim aktuellen »Jahrbuch der Lyrik 2015« schnalzten sie mit den Hosenträgern und verrissen diese von Nora Gomringer mitedierte Anthologie rundweg als misslungen. Heike Kunert empfahl in der ZEIT, dann »lieber Einkaufszettel« zu lesen. Auch Ko-Herausgeberin Nora Gomringer hatte sich vorsichtshalber im Nachwort vom Inhalt abgesetzt, indem sie meinte, dass man halt mit dem Material arbeiten müsse, das einem vorliege. Also wenig Differenzierung und dafür mehr Fliegenklatsche. Hat das Jahrbuch der Lyrik mittlerweile 30 Bände auf dem Buckel, kommt »Lyrik von Jetzt« auf immerhin drei Ausgaben. Das Prinzip von »Lyrik von Jetzt« ist einfach: Hier wird der jungen Generation Platz eingeräumt; die nach Meinung der Herausgeber relevanten Stimmen unterliegen deshalb einer Altersbeschränkung. War beim ersten Band, herausgegeben von Björn Kuhligk und Jan Wagner, der Geburtsjahrgang 1965 der Ältestmögliche, so machte der zu früh herausgegebene zweite Band (ebenfalls verantwortet von Kuhligk & Wagner) mit dem Jahrgang 1970 Schluss, der aktuelle dritte Band zieht die Grenze bei 1980. Zu Beginn führte dieses Prinzip zu Quengeleien bei älteren PoetInnen, die der Meinung waren, der Titel »Lyrik von Jetzt« signalisiere einen Gegenwartsaufriss poetischer Stimmen, der sich nicht durch Geburtsjahrgänge einordnen lasse. Ich fand dieses Prinzip allerdings immer objektiv und nachvollziehbar, also kein Problem.

Der dritte Band akzentuiert manches etwas anders als seine Vorgängerbände: Kündigte Band 1 noch 74 Stimmen an und Band 2 immerhin noch 50, so trägt Band 3 »Babelsprech« als Untertitel. Erst der Klappentext auf der Rückseite apostrophiert »die wichtigsten Stimmen«, worauf es aufgrund des wertenden Adjektivs gleich wieder Maulereien von Leuten gab, die diesen oder jenen im Aufgebot vermissten. »Lyrik von Jetzt 3« versammelt erstmals auch junge Stimmen aus Österreich und der Schweiz, deshalb gibt es neben Max Czollek mit Michael Fehr (Schweiz) und Robert Prosser (Österreich) zwei weitere Kuratoren. Und?? Wie ist er nun, der dritte Band? Wenn ich einmal winzermäßig böse die Hosenträger schnalzen lasse, würde ich sagen, er trägt den Titel »Babelsprech« zu Recht: Alle reden durcheinander, niemand versteht etwas und niemand hat einen Plan. Gerhard Falkner, der den ersten Band »Lyrik von Jetzt« befür- und bevorwortete, konnte noch von einer neuen Generation sprechen, die sich in diesem Band präsentierte: »…die Generation, die hier zum ersten Mal in solcher Vollständigkeit sich vorstellt, besitzt eine Verknüpfungsdichte und einen Beobachtungsumfang, der erst durch die Hypertrophierung von Kommunikation in allerletzter Zeit überhaupt möglich wurde und die es so bisher nie gegeben hat.« Das war 2003. Heute, bei der aktuellen Ausgabe, will sich das Generationengefühl nicht einstellen. Zu heterogen, zu aufgesplittert das Ganze. Aber auch: Nichts wirklich Neues oder Herausragendes. Natürlich gibt es auch hier einige Stimmen, die bereits verlegt und damit etabliert sind, übliche Verdächtige wie Carolin Callies, Dagmara Kraus, Martin Piekar, Marie T. Martin. Aber ansonsten überwiegt das Gefühl, »die Nischen für Ausreifungszeiten« (Falkner) würden weniger und stattdessen nehme das »Überfischen der Jugendgewässer« (ebenfalls Falkner) deutlich zu. Da gibt es eben auch viel Beifang, der dann – zu früh an die Oberfläche geholt – halb betäubt wieder in die tückischen Strudel und Unterströmungen des lyrischen Betriebs zurückgeworfen werden muss.

Was auffällt: Die Enigmatiker sind in der Überzahl, ihre Gedichte verschließen alle Zugänge bewusst und schwingen sich stattdessen an den Lianen willkürlicher Assoziationen durch den Vokabeldschungel. Manche wirken schon visuell abweisend wie etwa die monolithischen Texttafeln von Richard Duraj, die wie Steilwände vor dem Leser aufragen und ihm keine Möglichkeit zum Einstieg bieten. Auch die heterogenen Elementarteilchen von Charlotte Warsen fliegen wirr umher, ohne sich jemals zu einem Ganzen zusammenzusetzen. Die »Plugs« genannten quadratisch umlaufenden Texte von Andreas Bülhoff sehen zwar schön aus, bieten aber inhaltlich in keiner Weise eine Notwendigkeit für ihre optische Extravaganz.
Léonce W. Lupette erhebt Stammeln und Stottern zum Stilprinzip seiner hier vorgestellten Gedichte: »& sadden-su-suddenly auch in Jena-ja-jena der Jebel na Nebel die Nebel…« oder: »kein Kosen-ko-Kosen-ko-komo to-tosen die Dämpfe ent-/ krämpfe sich etwas Toskana la Thema la Therma la kontra la toz…« usw. Ein ostentativ Gassi geführtes palatales Handicap macht noch kein gutes Gedicht, möchte man gern dazwischenrufen. Und so gibt es viele Gedichte, die sich durch extremes Vokabeldoping aufgepumpt haben, aber sich dennoch an den oft nur fraktal angerissenen Bedeutungen deutlich verheben. Die Stringenz eines Gedankens oder eines durchgehaltenen Bildes sucht man leider zu oft vergebens. Zaubersprüche müssen nicht verständlich sein, höre ich schon jetzt die gern vorgetragenen Einwände. Mag sein, aber sie sollten verdammt noch mal dann wenigstens ver- oder bezaubern, das ist das Mindeste, was man von magischen oder alchemistischen Poesieformeln verlangen kann!

Aber es gibt – Gottlob! – auch Entdeckungen in diesem Band, beispielsweise die Stilleben-Miniaturen der mir bis dato unbekannten jungen Schweizer Lyrikerin Eva Seck: »irgendwo im haus übt jemand klavier/ die töne sind weit/ und vielleicht sind sie einbildung/ irgendwo fällt/ ein kastanienblatt vom baum/ seine flugbahn gibt aufschluss/ über die letzten geheimnisse/ dieser welt/ doch niemand schaut.« Konventionelle Stilmittel, mögen manche jetzt einwenden. Und wenn schon: Der Blick ist ein erfrischend unkonventioneller, von der Stringenz des Gedankens einmal ganz zu schweigen. Auch das Gedicht von »auf einer toilette in versailles« von Sirka Elspass überzeugt: Das lyrische Ich bekommt dort seine Tage und nimmt dies zum Anlass, Körperlichkeit und die prunkvolle Umgebung in Beziehung zu setzen. Im zweiten Teil des Gedichts geht es vom Fleischlichen hin zu einer imaginierten Luftaufnahme der Schlossanlagen von Versailles. Beeindruckend, mit welcher poetischen Rasanz hier der Perspektivwechsel von körperlicher Intimität zu einem Drohnenblick über die Umgebung gelingt. Auch die Gedichte von Sina Klein, Marie T. Martin und Martin Piekar können gefallen. Insgesamt aber bleibt zu resümieren: »Babelsprech« passt als Titel in jeglicher Hinsicht – es wird viel gesprochen und viel gebabelt.
 

Max Czollek, Michael Fehr und Robert Prosser (Hrsg.): Lyrik von Jetzt 3: BabelsprechMax Czollek, Michael Fehr und Robert Prosser (Hrsg.)
Lyrik von Jetzt 3: Babelsprech

Wallstein Verlag, Göttingen 2015
Softcover, 360 S.
€ 19,90 (D)

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Hellmuth Opitz (Foto: Isabel Opitz)

Hellmuth Opitz (Foto: Isabel Opitz)

Hellmuth Opitz wurde 1959 in Bielefeld geboren, wo er auch heute lebt. Er gilt inzwischen als einer der besten deutschen Liebeslyriker. Nach seinen Anfängen als Rock- und Folkmusiker interviewte er für überregionale Musik-Magazine wie »Musikexpress« oder »Rolling Stone« u. a. Aerosmith, Bad Religion und Wim Wenders. Zusammen mit Matthias Politycki und Steffen Jacobs tourte er mit dem Poesieprogramm »Frauen. Naja. Schwierig«, das auch auf CD vorliegt, durch Deutschland. Bislang erschienen von ihm neun Gedichtbände, zuletzt »Die Dunkelheit knistert wie Kandis« (2011) sowie »Aufgegebene Plätze. Verlorene Posten« (Künstlerbuch, 2013).

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