Von Zeitfressern und vergessenen Wörtern

Franziska Röchter stellt die Lyrikbände »Denn das Herz ist eine Vogelfeder« und »Am Ende der sichtbaren Welt« von Erich Jooß vor

Erich Jooß (*1946)

  • Lyriker aus Miesbach

Erich Jooß. Foto: Sankt Michaelsbund


Dr. Erich Jooß ist seit 1989 Beauftragter der Bayerischen Konferenz für Neue Medien, seit 2003 Vorsitzender des Medienrats und nunmehr Berater der Publizistischen Kommission der Deutschen Bischofskonferenz. Der erste Lyrikband des 1946 in Hechingen geborenen Lyrikers ist optisch dezent gestaltet: »Denn das Herz ist eine Vogelfeder« (Verlag Sankt Michaelsbund, München 2010) zeigt auf dem in Graustufen gekörnten Cover lediglich eine am Himmel dahinfliegende Möwe. Zunächst irritiert der Titel ein wenig, weil er vordergründig in Diskrepanz zum eher bedeckt gehaltenen Einband steht. Wenn ein Mensch nach einem Jahrzehnte währenden stressigen Berufsleben sein Herz immer noch als federleicht empfinden kann, ist er glücklich zu schätzen; vielen liegt es dann eher wie ein Stein in der Brust. Es kommt nicht von ungefähr, dass jenes Gedicht, dem der Buchtitel entnommen ist, »Kinderlied« heißt. In einem weiteren Gedicht des Autors heißt es:

Ich weiß, mein Liebes,
uns fehlt die Leichtigkeit,
mit der ein Vogel gegen das
Fenster schlägt.

In der Mythologie haben Vogelfedern verschiedene Bedeutungen. Die Feder ist ein uraltes Symbol des Heiligen Geistes, des höchsten Gottes. Der Vogel, dem Federn wachsen, hat den Wind gemeistert und ist eins mit ihm.

Bereits in der ägyptischen Mythologie hatten Federn eine sakrale Bedeutung: Die Seele des Verstorbenen wurde nach diesem Glauben mit der Feder der altägyptischen Göttin Maat (dargestellt als Frau mit einer Straußenfeder auf dem Kopf und dem ägyptischen Kreuz Anch in der Hand) aufgewogen. Seelen, die so leicht wie jene Feder waren, wurden nicht von Sünden belastet. In der Hieroglyphenschrift stand das Feder-Zeichen deshalb für Wahrheit. Bei den Kelten symbolisierte die Feder Reisen zu anderen Welten, in andere Bewusstseinszustände. In all diesen Kulturen scheint der spirituelle Aspekt durch, das Diesseits zu überwinden und mit Weisheit in anderen Welten, in einem veränderten Bewusstseinszustand, eins mit Gott zu werden.

In »Denn das Herz ist eine Vogelfeder« lässt Erich Jooß über vierzig Jahre seines Lebens Revue passieren, zumeist in Erstveröffentlichungen. Dabei ist es ihm wichtig, verstanden zu werden; er möchte seine Leser nicht durch »Hermetik ratlos« zurücklassen. Seine Gedichte wollen »auf poetische Weise das Leben erzählen«, und genau das gelingt ihnen. Sie sind nicht auf große Pointen, Effekthascherei und verblüffende Sprachspielereien aus, sondern wirken durch ihre zurückhaltende Beobachtung des Lebens, das Einfangen verschiedener Stimmungen und Situationen. Der Dichter geht mit einer poetischen Grundempfindung durchs Leben.

Viele Gedichte stellen sich als innere Vorbereitung auf eine befristete Lebenszeit, auf ein »Leben vor dem Tod« dar.

Immer seltener
misslingt der Versuch,
an den Sonntagnachmittagen
Leben vorzutäuschen.

Dennoch nimmt die Freude ein starkes Moment ein, wenngleich diese mit einem inneren Rückzug vom lauten Leben – hier durch die Beschäftigung mit Büchern – einhergeht.

Sehr berührend sind die »traurigen Zeilen« über das »dunkle Land der Menschen«. In wenigen Worten kommt hier ohne Bitternis zum Ausdruck, dass da jemand weiß, wie die Menschen sind. Immer wieder eingestreut sind Gedichte über das »Tier«, »das die Zeit frisst«, Gedanken über die Endlichkeit des irdischen Daseins.

Kapitel zwei widmet sich Reise- und Wandererlebnissen und spiegelt die tiefe Verbundenheit des Autors mit der Natur wider sowie die Erkenntnis, dass »die Erde« der »Himmel« ist. Das dritte Kapitel handelt von der Verarbeitung des Lebens in der Bildenden Kunst und in der Literatur; auch Erinnerungen an seine Kindheit thematisiert Erich Jooß.

Kapitel vier lässt immer wieder eine tiefe spirituelle Verbundenheit mit einem Du erkennen – eine die Zeiten überdauernde Hinwendung. Die Gedichte übertragen Momentaufnahmen in die Vorstellungskraft des Lesers und verbreiten bei aller Melancholie dennoch Zuversicht im Hinblick auf einen transzendentalen Sieg über den materiellen Verfall.

Erich Jooß‘ lyrisches Debüt ist ein Buch voller Gedichte für stille Stunden, um Ruhe zu finden und über die Bedeutung des Lebens nachzudenken.

Wohin die Reise geht

Bereits ein Jahr später veröffentlichte Erich Jooß seinen zweiten lyrischen Einzeltitel. »Am Ende der sichtbaren Welt« (Verlag Sankt Michaelsbund, München 2011) stellt in gewisser Weise eine Fortführung der Thematik des Vorgängerbandes dar. Bereits im ersten Gedicht wird das Bild der Vogelfeder(n), die sich noch ein letztes Mal sträuben, »bevor auch sie zur Ruhe kommen«, aufgegriffen. Wenngleich auch in diesem Band Stimmungsbilder gezeichnet werden, kann man nun nicht mehr umhin, vielen beschriebenen Erscheinungen eine symbolhafte Bedeutung zuzuschreiben, sei es der blendenden Sonne, den erwarteten Zügen im U-Bahnhof, den Bahnsteigen, den Fischen im Netz, den aus dem Teer brechenden Margeriten. Der Mensch ist nur »Gast« im »Garten«; Verse wie »Wer jetzt noch schwimmt /
verliert das Ufer / aus den Augen« (aus: »Kirchsee«) erinnern ständig daran, dass es auf andere Dinge ankommt als auf aktionsgeladene Unruhe.

Reminiszenzen an glückliche Momente eines Lebens durchziehen die Gedichte. Mit häufig gebrauchten Worten wie »damals«, »früher«, »gestern«, aber auch »manchmal«
und »vielleicht« scheint der Autor nach Interpretationen des Erlebten zu suchen. Viele Verse sind im Präteritum verfasst; der Blick ist rückwärts gerichtet. Jene Texte, die vorausschauen, sehen schon ein erwartetes Ende:

Wer greift
nach einer Frucht,
wenn sie in ihrem Glanz
schon die Nacht
ankündigt?

Besonders die letzten Gedichten des Bandes fokussieren das Ende des natürlichen Kreislaufes: Das Wort »Tod« wird direkt ausgesprochen, »die Zeiger der Uhr / laufen
rückwärts«, das Lyrische Ich kann den »Pfeil / hören, bevor er / trifft«. Vögel – Symbole der Befreiung vom Gewicht der physischen Ebene – prallen gegen Strommasten und Eisdecken. Das Buch endet mit einem Gedicht über »Lazarus aus Bethanien«. Dieser wurde nach dem Johannes-Evangelium (Joh. 11 EU) durch Jesus von den Toten auferweckt. Verschiedene Kirchen verehren ihn als Heiligen. Der Name Lazarus geht auf den hebräischen Namen Elʿazar (»Gott hat geholfen«) zurück. So endet das Buch von Erich Jooß, welches eine sehr intensive Auseinandersetzung mit der eigenen Vergänglichkeit darstellt, mit einem tiefen Bekenntnis an seinen Glauben und mit einer spirituellen Zuversicht.

Trotz der ernsthaften Thematik und der angestrebten »bewusst einfachen Sprache« sind diese Gedichte keineswegs simpel. Den Texten gelingt es, dem Leser die Stimmungen und Überzeugungen des Verfassers intensiv zu vermitteln. Trotz der Leichtigkeit der Worte stimmen die Verse nachdenklich. Der Band ist dazu angetan, ihn immer wieder zur Hand zu nehmen.

Jooß, Erich
Denn das Herz ist eine Vogelfeder

Verlag St. Michaelsbund, München, 2010
136 Seiten
ISBN 978-3-939905-56-1
Euro 14,50 [D]

Jooß, Erich
Am Ende der sichtbaren Welt

Verlag St. Michaelsbund, München, 2011
104 Seiten
ISBN 978-3-920821-88-7
Euro 12,90 [D]

Ein Kommentar

  • Siegfried Völlger

    „Der Band ist dazu angetan, ihn immer wieder zur Hand zu nehmen.“ – genau so ist es.
    Hätte ich die zwei Bücher nicht schon, dann würde ich sie jetzt haben wollen –

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