Der Poesie-Talk – Folge 2: Manfred Chobot

Es muss nicht immer nur Schreiben sein – über manches lässt sich einfach am besten sprechen. Deshalb lassen wir am 20. eines jeden Monats Autorinnen und Autoren aus DAS GEDICHT zu Wort kommen. Timo Brandt unterhält sich mit ihnen über Gedicht und Welt, Profanes und Arkanes.

 

Manfred Chobot Geboren 1947 in Wien. Von 1991 bis 2004 Herausgeber der Reihe »Lyrik aus Österreich«. Redakteur der Literaturzeitschrift »Podium« (1992 bis 1999) und »Das Gedicht« (1999 bis 2002). gefallen gefällt, Gedichte (edition art science 2012); Lebenslänglich Wichtelgasse – Wiener Erkundungen (Löcker 2012); Mich piekst ein Ameisenbär – Weltgeschichten (Löcker 2013); Doktor Mord. Mini-Krimis und Das Killer-Phantom. Mini-Krimis (Löcker 2015); Nur fliegen ist schöner. Ausgewählte Gedichte (Löcker 2017); Franz – Eine Karriere. Erzählungen (Löcker 2017). 2017 Kathak Literary Award, Dhaka/ Bangladesch. Homepage: www.chobot.at

1. Anfang März ist neues Buch von dir erschienen – »Nur Fliegen ist schöner«, eine Auswahl aus 40 Jahren und etlichen Gedichtbänden. Wie fühlt es sich an schon so lange dabei zu sein und jetzt auf dieses Werk zurückzublicken? Kannst du selbst eine Entwicklung ausmachen?

Vorweg: So manche Leute wissen noch immer nicht, wie man meinen Namen ausspricht, daher: Chobot wie Christkind – spanisch Sprechende dürfen »Tschobot« sagen, französisch Sprechende »Schoboo«. Für deutsch Sprechende gilt aber Christkind! Oder Chemnitz. Der Name stammt nämlich aus dem Tschechischen und bedeutet Rüssel bzw. Meerbusen. (Darüber habe ich mich auch in einem Gedicht ausgelassen /geäußert.)

Es fühlt sich sehr gut an und bereitet Freude, einen Band mit fast 200 Gedichten in Händen zu halten – einerseits an die Vielfalt, andererseits an die Vielzahl von Gedichten erinnert zu werden, die man im Laufe von Jahrzehnten verfasst hat. Hinzu gesellt sich eine gewisse Genugtuung, dass diese Gedichte nach wie vor aktuell sind, kaum irgendwo Staubpartikel angesetzt haben. Lange wollte ich es nicht glauben, dass auch Literatur der Mode unterliegt, dass sich Ästhetik verändert.

Manche Gedichte habe ich auch wiederentdeckt, denn man vergisst im Laufe der Zeit das eine oder das andere von all dem, was man dereinst geschrieben hat. Wenn ich in dem Buch blättere, denke ich mir: Das ist doch ein ansehnlicher Teil eines Lebenswerks, jedenfalls eine zufriedenstellende Zwischenbilanz. Da ich beharrlich Gedichte schreibe, habe ich mit meinem Verleger vereinbart, dass in einigen Jahren ein neuer Gedichtband erscheinen wird, sobald genügend neues Material vorliegt.

2. Wenn es eine (bekannte) Persönlichkeit gäbe (nicht zwingend ein/e Autor/in; nicht zwingend real), mit der du einfach so auf einen Kaffee oder ein Bier gehen könntest – wer wäre das?

Bob Dylan, John Lennon, Jim Morrison – in dieser Reihenfolge. Diese drei Herren halte ich nämlich für geniale Poeten.

3. Sachen, die dir bei Texten von anderen AutorInnen auf die Nerven gehen?

Es nervt, wenn manche Autoren (♂ & ♀) sich gebärden, als hätten sie soeben die Literatur erfunden – während andere wiederum glauben, sie hätten soeben etwas entdeckt, was es bereits gibt, entweder weil ihnen die Werke von Erneuerern und Vorgängern nicht bekannt sind, oder weil sie unsereins unterstellen, mit anderen Schreibstilen wie Dadaismus, Surrealismus oder der »Wiener Gruppe« nicht vertraut zu sein, bloß weil man Epigonentum vermeidet.

Kurt Pinthus bringt die Sache auf den Punkt, wenn er im Vorwort zu seiner Expressionismus-Anthologie »Menschheitsdämmerung« 1959 schreibt: »Aber wie die Epigonen der älteren Dichtung, so durften auch die Nachläufer der jüngsten Dichtung nicht aufgenommen werden, die glauben neu und jung zu sein, wenn sie Vorbilder programmatisch nachahmen.«

Es nervt auch, wenn Journalisten und Medien Antitalente anhimmeln und hochstilisieren, als wären sie soeben erstmals nach Amerika gesegelt oder zum Mars geflogen, dabei sondern sie nichts als Banalitäten ab, wann und wo und wie viele Biere oder sonstiges sie gesoffen haben.

Ebenso nervt es, wenn »Sound Poetry« in eine pränatale Phase zurück kippt, womöglich in eine Zeit, als die Menschheit der Sprache noch nicht mächtig war, und der »Sound« weder der Musik zugerechnet werden kann noch der Literatur, sondern sich damit begnügt, ein Geräusch zu sein. Arbeiter, die einer Lärmbelästigung ausgesetzt sind, erhalten eine Gehaltszulage und von der Firma Ohrenschützer zur Verfügung gestellt.

4. Was liest du gerade? Oder welches Buch liest du immer wieder? (+ deine Impressionen dazu?)

Immer wieder lese ich gerne Daniil Charms, Karel Čapek, Ivan Cankar, Klabund und Franz Jung, am Anfang seines Schreibens war er Mitbegründer der Dada-Bewegung, hat er sich im Laufe der Jahre vom Expressionismus zur politischen Zustandsbeschreibung gewandelt. Dazwischen hatte er ein Dampfschiff entführt, weil er keine Ausreisegenehmigung aus Deutschland erhielt, jedoch im Sinn hatte, mit Lenin ein Gespräch zu führen. Seine Idee war nämlich, dass die Arbeiter möglichst nahe ihrer Arbeitsstelle in eigenen Siedlungen wohnen. Damals noch keine Selbstverständlichkeit. Die beiden Herren waren einander aber nicht allzu sympathisch, der Asket Lenin und der starke Trinker und Kettenraucher Jung.

Weiters sind mir die Beat Poets jederzeit willkommen. Derzeit beschäftigt mich ein zweisprachiger Band von John Giorno, der sowohl die englischen Originale als auch spanische Übersetzungen enthält.

Weitere Favoriten sind: Max Frisch: Homo Faber; Ernst Weiß: Georg Letham – Arzt und Mörder; Rachel Sanzara: Das verlorene Kind; Pitigrilli: Kokain; Wolfgang Koeppen …

Ich lese sehr viel. Seit ich aufgehört habe (nach mehr als tausendfünfhundert Seiten) Rezensionen zu schreiben, lese ich jene Bücher, die mich langweilen nicht mehr zu Ende, denn es gibt derart viel Lesenswertes, dass ich die Fülle bis an mein Lebensende nicht bewältigen werde können.

5. Was hältst du von Literaturzeitschriften und Anthologien? Gibt es Literaturzeitschriften, die du regelmäßig kaufst und liest?

Ich habe eine Menge Literaturzeitschriften abonniert, z. B. Literatur und Kritik, Wespennest. Hinzu kommen Zeitschriften, mit denen ich mich verbunden fühle, wie das »Podium« und »Das Gedicht«.

6. Anfang Februar bekamst du in Bangladesch den Kathak Literary Award 2017 verliehen und es erschien auch ein Gedichtband von dir auf Deutsch und Bangla. Wie kam es dazu? Wie kann man sich die Preisverleihung vorstellen? Was ist deine Verbindung zu Bangladesch?

Bei internationalen Poesiefestivals lernt man stets eine Menge Kollegen (♂ & ♀) kennen. Man tauscht Mail-Adressen aus und hört meistens nie wieder voneinander. Aminur Rahman aus Bangladesch erwies sich als Ausnahme. Er schrieb mir ein Mail, was ich davon hielte, dass er meine Gedichte ins Bangla übersetzt und ich seine ins Deutsche. Übersetzer-Puristen heulen jetzt gleich auf, denn die »Brücke« war Englisch, zumal die Oberschicht in Bangladesch ausgezeichnet Englisch spricht und auch Gedichte liest.

Wir hatten uns 2002 beim Poesiefestival in Medellin (Kolumbien) kennengelernt, einem der großartigsten Festivals, da hören 4000 Leute vier Stunden lang Lesungen der aus aller Welt Eingeladenen zu. Die Dichter (♂ & ♀) lesen in ihrer Muttersprache, jemand von den Organisatoren trägt die spanischen Übersetzungen vor.

Also wir schickten einander unsere Gedichte. Dann Aminurs Vorschlag: Jetzt machen wir ein Buch mit den Übersetzungen. Ich dachte: Bitte, wenn du meinst. Einige Zeit verstrich – mit einem Mal seine Mitteilung: Ich mache eine Europa-Reise, komme auch nach Wien. Das Buch bringe ich mit. Überlege dir, wo wir es präsentieren können. Und ich grübelte, denn bis zu seiner Ankunft in Wien waren es bloß noch wenige Wochen. Unmöglich bei einer der etablierten Institutionen anzufragen, die lange im Voraus planen, die hätten mich für bescheuert gehalten. Also in unserer Wohnung. Ich telefonierte mit möglichen Interessenten, Freunden, Künstlern, Musikern, Architekten, Kollegen (♂ & ♀). Ich insistierte: »Bitte sage nur zu, wenn du auch tatsächlich kommst.« Der Abend mit 30 Gästen war großartig.

Aminur bestand darauf, dass ich jetzt nach Dhaka kommen müsse. Zwei Jahre später reiste ich in Begleitung meiner Frau Dagmar, für die Aminur eine Spezialaufgabe parat hatte: Sie solle Arbeiten österreichischer Künstler mitbringen, um in einer Galerie eine Ausstellung zu gestalten. Die Künstler waren ausgewählt, und wir maßen den Koffer ab, wie groß die Grafiken sein durften. Über Nacht wurden in Dhaka Rahmen angefertigt, ein Katalog war gedruckt worden – und es fanden sich etliche Käufer zur Freude der beteiligten Künstler (♂ & ♀). Ich las am Goethe-Institut, an zwei Universitäten, zwei Fernsehstationen sendeten Interviews, damals 2007.

Zehn Jahre später kam die Einladung, ich würde den Kathak Literaturpreis 2017 erhalten. Und wiederum ein dichtes Veranstaltungsprogramm, jeden Tag eine oder sogar zwei Lesungen. Ich solle eine Rede (auf Englisch) vorbereiten, um an einer Universität über Lyrik zu sprechen. Außerdem würde ich bei der Eröffnungsfeier der Dhaka Buchmesse mit der Frau Premierministerin am Podium sitzen. Fünf Minuten Redezeit wurde allen ♂ & ♀ zugestanden. Sicherheitschecks, 3000 Menschen im Publikum, jede Menge Fernsehkameras. »Vergiss nicht dein Redemanuskript!« – »Ich habe keines, ich werde frei reden (englisch).« Mehrfacher Zwischenapplaus. Ich hatte das Glück, dass der Muezzin nicht während meines Auftritts seinen Ruf erschallen ließ. Der Redner schwieg so lange. (Hätte ich nämlich nicht gemacht, ich wusste ja nicht, dass dies der Respekt vor der Religion erfordert.) Dafür überreichte ich der Frau Premierministerin das neue Buch, denn Aminur hatte neue Gedichte von mir übersetzt, die bei einem großen Verlag erschienen. Die Dhaka Buchmesse findet stets im Freien statt und dauert einen Monat. Die Premierministerin soll eine begeisterte Leserin sein.

Schließlich die Preisverleihung. Der Tourismusminister übernahm die Übergabe. Man hängte mir eine Art Schal um. Darauf, wie ich später belehrt wurde, sämtliche Buchstaben des bengalischen Alphabets. Eine vergoldete Medaille (auch Olympia-Medaillen sind bloß vergoldet) wurde mir um den Hals gehängt. Außerdem eine »Trophäe« in Form einer stilisierten Schreibfeder, schließlich eine gerahmte Urkunde. Fotografen, Fernsehkameras und eine kleine Lesung meinerseits.

An einem anderen Tag wurde jenes Buch präsentiert, das zusammen mit den englischen Originalen meine Übersetzungen ins Deutsche der Gedichte von Aminur Rahman enthielt.

Als ich beim Einchecken auf der Rückreise der Dame am Schalter erzählte, dass ich mit der Premierministerin auf der Bühne saß, schenkte sie uns (Dagmar und mir) ein Upgrading in die Business Class, die bei Etihad überaus komfortabel ist.

7. Was würdest du antworten, wenn man dir vorwerfen würde, nicht politisch genug in deiner Kunst zu sein?

Auf diesen Vorwurf könnte ich nur antworten, dass es sich bei dem Vorwerfer offensichtlich um einen blinden und tauben Analphabeten handeln kann, der nichts von mir gelesen hat.

Manfred Chobot. Foto: privat

Manfred Chobot. Foto: privat

8. Welche Frage sollte man dir öfter stellen?

Da sollen sich doch die Fragesteller etwas überlegen. Ich bin jedenfalls bereit, jede Frage zu beantworten.

9. Welche Themen(-felder) und Aspekte sind deiner Meinung nach in der zeitgenössischen Literatur und/oder im aktuellen literarischen Diskurs unterrepräsentiert?

Diese Frage zu beantworten fällt mir einigermaßen schwer, denn ich fühle mich nicht als Schulmeister meiner Kollegen (♂ & ♀). Wiewohl ich glaube, dass in der österreichischen Geschichte genügend Stoffe verborgen liegen, die einer literarischen Aufarbeitung wert wären.

Überrepräsentiert empfinde ich jedenfalls Krimis, schon bald verfügt jedes Nest über einen eigenen Ermittler, der die massenhaften Morde in z.B. Hinterhugelhapfing gnadenlos aufklärt.

Obwohl ich zwei Bücher mit Mini-Krimis veröffentlicht habe, sind die keine Krimis im allgemeinen Metier, vielmehr Kurzgeschichten mit einem »kriminellen« Hintergrund. Manche der Mini-Krimis sind mehr satirisch, andere wiederum politisch oder gesellschaftskritisch.

10. Bald erscheint ein weiteres Buch von dir: »Franz – eine Karriere«. Wie würdest du jemandem das Buch beschreiben? Gibt es ein Konzept oder ein größeres Thema hinter den Erzählungen?

Meiner Meinung nach sollte eine Erzählung über ein paar wesentliche Kriterien verfügen, eines davon ist, dass mit den ersten Sätzen Interesse geweckt wird, das andere ist, dass man die Handlung – oder den Plot, wie man heute sagt – in wenigen Sätzen zusammenfassen kann, wobei man die Pointe preisgeben oder verschweigen kann.

Es sind dreizehn Erzählungen, bei der Titelgeschichte begeht ein junger Mann einen Fehler, indem er sich »zu weit aus dem Fenster lehnt«, wofür ihn die Gesellschaft gnadenlos abstraft. Die Rolle eines Täters verwandelt sich in die eines Opfers. Ebenso – oder ähnlich – bei der »Coverversion« nach Schnitzlers »Fräulein Else«, einst das Opfer, wird sie zur Täterin. Den Opfer-Tätern oder Täter-Opfern gemeinsam ist ein Scheitern durch fremde oder hausgemachte Zwänge. In seinem Vorwort fasst Ulf Birbaumer zusammen: »Chobots Geschichten sind historische wie zeitgenössische Parabeln, scheinbar alltägliche Narrative mit meist unerwartetem Ausgang.« In einigen Geschichten sind es Spiele mit einem Doppelleben, Verwandlungen, die sich durch bestimmte Umstände als notwendig erweisen. Andererseits sind es oftmals Erotik, Sexualität und Macht, die sich in verschiedenen Konstellationen äußern. Mehr soll nicht verraten werden.

11. Wie wichtig ist dir, dass etwas rezipiert wird, das du geschrieben hast?

Selbstverständlich ist es mir wichtig, rezipiert zu werden, schließlich ist das der Hauptgrund weshalb ich schreibe. Mit meinen Geschichten und Gedichten möchte ich Menschen etwas mitteilen, ihnen wenn möglich auch Vergnügen bereiten beim Lesen. Satire ist dafür ein probates Mittel.

12. Wie kam es dazu, dass du Autor wurdest? Wie lange steht für dich schon fest, dass Schreiben das ist, was du tun willst/musst?

Eigentlich schon bald nach der Matura. Da ich Bedenken hatte, mich der Germanistik zu widmen, denn ich wollte mich von keinem Professor »versauen« lassen, begann ich das Studium der »Kulturtechnik und Wasserwirtschaft«, das ist ein Wasserbau-Bauingenieur, der sich um sauberes und verschmutztes Wasser kümmert, Trinkwasser und Kläranlagen, Wildbachverbauungen, Flussregulierungen, Bewässern und Entwässern etc. Ich war unter den Jahrgangsbesten, bis ich mich entschied, zwei oder drei Semester vor dem Diplom auf die Bremse zu steigen und versuchen, ob das mit dem Schreiben klappt. Drei Jahre gestand ich mir zu. Ich dachte mir, dass es besser rüberkommt, zu sagen, ich habe länger studiert, weil ich zwischendurch auch gearbeitet habe, als zu verkünden: Ich wollte vom Schreiben leben. Die meisten im Technik-Umfeld halten einem in einem solchen Fall für einen Spinner.

Ich schickte einige Texte an die »Musikbox«, das war die Sendung für junge Leute, die Spielwiese für ein wenig fortschrittlicheres Radio in einem konservativen Ambiente. Meine Texte wurden für eine Sendung angenommen – und mir gefiel das Funkhaus. Damals wurden englische Texte von Liedern oftmals ins Deutsche übersetzt, da zu dieser Zeit die Leute nicht besonders gut Englisch beherrschten. Schon bald war ich Mitglied der Redaktion und für die Literatur zuständig. Später schrieb ich Hörspiele und gestaltete Features für verschiedene Programme, verfasste Rezensionen. Dazumal war die Literatur noch weitaus großzügiger im Rundfunk präsent. Fast zwanzig Jahre war ich freier Mitarbeiter des ORF. Hinzu kamen Stipendien und sehr viele Lesungen.

Gleich in der Anfangsphase meines Schreibens kam ich zum »Arbeitskreis österreichischer Literaturproduzenten« (1972 bis ca. 1975), da lernte ich in kürzester Zeit die heute bekannten Autoren kennen (♂ & ♀), darunter Jandl, Mayröcker, Jelinek, Okopenko, Gerstl, Scharang, Pataki … Henisch und die Wespennest-Leute kannte ich bereits. Und schon erschien die erste Veröffentlichung, ein Buch mit Marie-Thérèse Kerschbaumer und Thomas Losch unter dem Titel »neue autoren 1«.

Vom Abschließen des Studiums war keine Rede mehr.

13. Gibt es Lyriker*innen und Gedichte, die dir viel bedeuten?

Klabund habe ich bereits erwähnt, hinzuzufügen wäre vor allem Paul Scheerbart, ein Autor, den die Germanistik auf schändliche Weise ignoriert. Weiters erwähnen möchte ich Walter Mehring, die Expressionisten (Albert Ehrenstein, Jakob van Hoddis, Iwan Goll), Peter Hille, Erich Mühsam, August Stramm, Kurt Schwitters. Und nicht zu vergessen Sonka, das ist Hugo Sonnenschein, der das KZ überlebte und in einem stalinistischen Lager krepierte. Schließlich und endlich die beiden Dichter aus Gugging, die im »Haus der Künstler« lebten, nämlich Ernst Herbeck und Edmund Mach, von dem ich ein Buch in der von mir herausgegeben Reihe »Lyrik aus Österreich« zusammengestellt habe.

14. Wenn du die Hauptthemen, um die dein literarisches Schaffen kreist, benennen müsstest, wie würden sie lauten? Gibt es formelle Gesichtspunkte, nach denen sich dein Schreiben immer richten wird?

Immer wieder war mir der Dialekt wichtig, auf der anderen Seite die Satire, eine Tendenz zum Kabarett. Mit Lachen oder Lächeln lassen sich sogar politische Themen vermitteln. Viele meiner Gedichte haben einen erotischen Unterton, sind Liebes- oder Trennungsgedichte (z.B. die Bücher »römische elegien« oder »ich dich und du mich auch«).

Ich stehe meist auf der Seite von Menschen, die Außenseiter sind, die schuldlos in Schwierigkeiten geraten sind oder psychische Probleme haben. Oder merkwürdige Dinge tun, Situationen, in die sie hineingeraten sind. Geschichten – und auch Gedichte – sollten eine Pointe haben, bloß keine Langeweile aufkommen lassen, mit dem Experiment so umgehen, dass sich daraus eine zwingende Notwendigkeit ergibt, niemals experimentieren um des Experiments willen. Ich möchte verständlich schreiben, nämlich so, dass es keines Germanisten bedarf, der sich eine Deutung abringt.

15. Du warst bisher in zwölf Ausgaben von »Das Gedicht« mit lyrischen Beiträgen vertreten. Wie bist du das erste Mal mit der Publikation in Berührung gekommen? Was schätzt du an ihr und der Zusammenarbeit mit Anton G. Leitner?

Anton G. Leitner habe ich kennengelernt in den 1980er-Jahren, als ich damals vorwiegend in München lebte, damals gab es »Das Gedicht« noch nicht. Dann haben wir uns eine Zeitlang aus den Augen verloren, bis ich ein paar frühe Ausgaben von »Das Gedicht« entdeckte und ihm Gedichte schickte. Von Beginn an bestand eine Vertrautheit, eine gegenseitige Wertschätzung, hatten wir doch ähnliche Vorstellungen, wie ein Gedicht beschaffen sein müsse. Und so ist es durch die Jahre hindurch geblieben, sodass ich heute sagen kann, wir sind Freunde. Ich schätze seine Gewissenhaftigkeit, sein Organisationstalent, wobei jedes Detail stimmen muss, seinen Einfallsreichtum, wie man Gedichte populär macht. Da gab es z.B. die Aktion mit den Zuckertüten, darauf ein Gedicht gedruckt. Klingt sehr simpel, aber man muss erst mal auf die Idee kommen und fähig sein, diese Idee auch umzusetzen. Das macht ihm so schnell keiner nach.

 

Timo Brandt

Timo Brandt

»Der Poesie-Talk« wird Ihnen von Timo Brandt (Jahrgang 1992) präsentiert. Er studiert derzeit an der Universität für angewandte Kunst in Wien, am Institut für Sprachkunst. Er schreibt Lyrik und Essays, außerdem veröffentlicht er Literatur-Rezensionen auf seinem Blog lyrikpoemversgedicht.wordpress.com, Babelsprech.org und Amazon. Im Februar 2017 erschien sein Gedichtband »Enterhilfe fürs Universum« in der edition offenes feld. 2013 war er Preisträger beim Treffen junger Autoren.

Alle bereits erschienenen Folgen von »Der Poesie-Talk« finden Sie hier.

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