Dichterbriefe – Folge 7: Ein fast ungeschriebener Brief – Christophe Fricker schreibt Ron Winkler

Christophe Fricker schreibt jeweils am 1. des Monats einem Dichterfreund, dessen Buch er gerade gelesen hat. Die Texte sind eine Mischung aus Offenem Brief zu Lyrik und Gesellschaft, bewusst parteiischer Rezension und vertrautem Austausch. Und damit hoffentlich auch weniger langweilig als Rezensionen, die ihre eigene Voreingenommenheit vertuschen.

 

Lieber Ron,

erst einmal will ich Dir von der Musik erzählen. Mit mir und der Musik ist das folgendermaßen: Schumann ist sehr nah an meiner Seele, Schubert auch, die späten Klaviersonaten, die Winterreise, die Klaviertrios. Dann ist da Schostakowitsch: Für mich ist er das Symbol eines künstlerischen Schaffens, das den Gedanken an Öffentlichkeit und Gemeinsamkeit nicht aufgibt, im Inneren aber fast daran verzweifelt. Sein zweites Klavierkonzert, die letzte Symphonie, auch die Präludien und Fugen zeugen davon. Bis hierhin ist mein Musikgeschmack also nicht besonders ausgefallen – konventionell, könnte man sagen, und ich würde es nicht als Beleidigung empfinden. Dann habe ich ein paar musikalische Helden, die völlig unbekannt sind: Guillaume Lekeu zum Beispiel, einen Spätromantiker, der so talentiert ist, dass es einem beim Hören beinahe die Hosen auszieht. Und Arthur Lourié. Er hat verschiedene Stile durchwandert und, bis er Lenins Mann für die Musik wurde, auch ziemlich abenteuerliche Experimente gemacht. Letztlich fasziniert mich die Art und Weise, wie er Tonalität und klassische Formen ins Unheimliche verrückt, sie ins uncanny valley versetzt, ohne sie zu sprengen.

Eine geheime Leidenschaft habe ich allerdings, die diesen Konventionen widerspricht, und das ist Webern. Nicht der Feigenblatt-Webern des Sommerwinds, der manchmal auf Konzertprogrammen steht, sondern die so gut wie nie aufgeführten Cello- und Geigenstücke und die George-Lieder (die der Vertonte noch nicht einmal mit Nichtachtung strafte). Meine Leidenschaft ist weniger das Webern-Hören, da halte ich mich zurück, als das Webern-Spielen. Die Schönheit des einzelnen Tons erspüren.

Webern war musikhistorisch unglaublich einflussreich: Die Avantgarde geht auf ihn zurück. Nur hat er kein Publikum; und dass er auch mir eigentlich widerstrebt, hat mit seinem Abschied von der Tonalität, vom hörbaren Rhythmus und vom nachvollziehbaren Zusammenhang zu tun. (Er und die Seinen würden das anders formulieren, aber hoffentlich zumindest anerkennen, dass es so empfunden wird.) Den Elementen Tonalität, Rhythmus und Zusammenhang entsprechen in der Dichtung das Metrum und die Paraphrasierbarkeit.

Dass man versteht, worum es ungefähr geht, ermöglicht Antworten. Deine Lyrik, auch in Prachtvolle Mitternacht, ist weder metrisch noch paraphrasierbar, und deshalb kann ich Dir, anders als den anderen Adressaten dieser kleinen Serie von Briefen, nicht einfach einen Antwortbrief schreiben. Ich will antworten, wurde aber nicht angesprochen; was kann ich da tun? Ich versuches es, und das soll Dir zeigen, dass Prachtvolle Mitternacht direkt neben Webern im nächtlich aufgesuchten Kühlschrank steht – als geheime Leidenschaft.

Du sagst nämlich, die Garderobieren in der Bibliothek »haben Schweigekittel für Klienten | jeder Größe. || fragt jemand nach dem Lexikon, | weise ich in jede Richtung, die mir noch bekannt | ist.« Das ist sicher richtig, denn da ist ja die Ausdehnung der Stuhlreihen bis zum glasigen Horizont. Stille Versorgung wie auf Station. Getürmte Fassaden über uns und der Himmel in meinem Buch. So ist das eben manchmal.

Deine venezianischen Eindrücke sind durchaus gemischt, zum Beispiel sind im Arsenal »die Hallen doch kühl, | satellitische Räume | des Markusmeers | mit deinen verschiedenen Stimmungen | als Besatzung«. Im Ergebnis »gelangte [ich] | nur sehr salzig voran«. Hier ist guter Rat teuer. Manchmal sehe ich auch die zementierte Kaltfront weit über unserem Milchkaffee und weiß nicht weiter. Tauben und, schlimmer noch, ein zottiges Hundewesen zwischen der Geometrie machen einem vor allem eines klar: das Grauen der Begrenzung.

Aber dann ist da die Liebe, die auch Deinem Buch den Titel gibt, und »schnell kamst du ins Geräusch mit mir, statt vieler Worte | hattest du Ballungszentren, prachtvolle Mitternacht«. Wir sind nicht allein. Ich sehe sie auch. Ihr weißer Hals und ihre weiße Schulter, ihre grüne Perlenkette, große Perlen, und statt des Kopfes nur ein riesengroßer, grüner Schnabel, gesenkt, als sei er fromm, »unter Wolken weißer als Blau.« Meintest Du das? War sie nicht so?

Träumen ist erlaubt. Sei es als Liebender, sei es, was davon nicht zu trennen ist, als Pilot: »schön wäre ein Regen nach oben. || schön || auch ein vollkommen transparenter Aeroplan. || noch zwei Stunden frei || von den Kontinenten.« Oder als Filmvorführer, mit Licht aus dem Hinterkopf, im offenherzigen Lichtspielhaus, tagelang belagert von Rezensenten. Aber dazu wird es nicht mehr kommen.

Wir werden uns daran gewöhnen müssen, nehme ich an. Grüße gleichwohl, geheime, herzliche, von
Christophe
 

mitternachtRon Winkler
Prachtvolle Mitternacht

Gedichte
Schöffling & Co., Frankfurt a. M. 2013
Hardcover, 104 S.
€ 18,95 (D)

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Christophe Fricker. Foto: © Chiara Dazi

Christophe Fricker.
Foto: © Chiara Dazi

Christophe Fricker, geb. 1978, schreibt über die Möglichkeiten von Freundschaft, die Grenzen des Wissens und die Unwägbarkeiten der Mobilität. Mit Tom Nolan und Timothy J. Senior veröffentlichte er den zweisprachigen, illustrierten Gedichtband »Meet Your Party«. 2015 gab er die »Gespräche über Schmerz, Tod und Verzweiflung« zwischen Ernst Jünger und André Müller heraus, die das Deutschlandradio eine »Sensation« nannte. Frickers Buch »Stefan George: Gedichte für Dich«, eine Einführung in das Werk Georges, stand auf Platz 2 auf der NDR/SZ-Sachbuchbestenliste. Für den Gedichtband »Das schöne Auge des Betrachters« wurde er mit dem Hermann Hesse Förderpreis ausgezeichnet.Alle bereits erschienenen Folgen von »Dichterbriefe« finden Sie hier.

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