Gedichte mit Tradition, Folge 55: »Der arme Poet«

»Gedichte mit Tradition – Neue Blätter am Stammbaum der Poesie«: eine fortlaufende Online-Anthologie, zusammengestellt von Jan-Eike Hornauer

 

Michael Hüttenberger

Der arme Poet

Ein Mensch, beruflich Architekt,
schreibt Texte, die kaum einer checkt.
Er selbst bewundert sie frenetisch,
für andre sind sie fast hermetisch,
nach Sinn gefragt, zuckt er die Schulter.
Er kann sich’s leisten, denn weil Kult er
in jenen bessren Kreisen ist,
erklärt ein Doktor – Germanist –
die Tiefe seiner Poesie
auf jeder Lesung, dort und hie.
Beizeiten nervt ihn das Getue,
der Mensch hätt gern mal seine Ruhe.

Der Mensch ergänzt nun sein Bestreben
und sucht nach tiefrem Sinn – im Leben.
Drum schaut er sich im Publikum
nach reichen schönen Frauen um,
die ohnehin ja für ihn schwärmen,
um sich für eine zu erwärmen.
So kommt er neben Ruhm zu Geld,
weil er sie, sie ihn unterhält
und er sich fügt ganz ihrem Willen.
So kann er schreiben oder chillen
gerade so, wie es ihm schmeckt,
der Mensch, nun nicht mehr Architekt.
 

© Michael Hüttenberger, Stedesdorf / Darmstadt

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Zu dieser Reihe: »Gedichte mit Tradition – Neue Blätter am Stammbaum der Poesie« ist eine Online-Sammlung zeitgenössischer Poeme, die zentral auf ein bedeutendes Werk referieren, ob nun ernsthaft oder humoristisch, sich verbeugend oder kritisch. Jeden Freitag erscheint eine neue Folge der von Jan-Eike Hornauer herausgegebenen Open-End-Anthologie. Alle bereits geposteten Folgen finden Sie hier.

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