Weihnachtsgruß: »Einsiedlers Heiliger Abend« von Joachim Ringelnatz

  Joachim Ringelnatz Einsiedlers Heiliger Abend Ich hab’ in den Weihnachtstagen – Ich weiß auch, warum – Mir selbst einen Christbaum geschlagen, Der ist ganz verkrüppelt und krumm. Ich bohrte ein Loch in die Diele Und steckte ihn da hinein Und stellte rings um ihn viele Flaschen Burgunderwein. Und zierte, um Baumschmuck und Lichter Zu sparen, ihn abend noch spät Mit Löffeln, Gabeln und Trichter Und anderem blanken Gerät. Ich kochte zur heiligen Stunde Mir Erbsenuppe mit Speck Und gab meinem fröhlichen Hunde Gulasch und litt seinen Dreck. Und sang aus burgundernder Kehle Das Pfannenflickerlied. Und pries mit bewundernder Seele […]

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Eingestreute Gedichte: quotenkiller

  fitzgerald kusz quotenkiller glei nachm aufwachn es morgenroud dou dämiid koosd ka quoten houchdreim di wolgn laichdn zoädrosa dei marktanteil is doch gleich null und wäi des rosa schäi langsam väschwind ohne werbeblöck bisd doch värradzd und di wolgn widdä schnäiweiß werrn wou bleibdn dei zielgrubbm wolgn nix wäi wolgn   quotenkiller gleich nach dem aufwachen das morgenrot damit kannst du keine quoten hochtreiben die wolken leuchten zartrosa dein marktanteil ist doch gleich null und wie das rosa schön langsam verschwindet ohne werbeblöcke bist du doch verratzt und die wolken wieder schneeweiß werden wo bleibt denn deine zielgruppe wolken […]

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»das Patriarchat, die Lyrik, der Weg aller Dinge usw.« von Karsten Paul

  Karsten Paul (*1970) das Patriarchat, die Lyrik, der Weg aller Dinge usw. sag ich zu Pythia sie soll mal die Fenster putzen ich brauch Klarsicht sagt sie mach das doch selber ist ja schließlich dein Gedicht und fügt eine Weissagung an (immer das Gleiche mit ihr): Ein mächtiger rotköpfiger Herrscher Gekitzelt vom Liebreiz Wird erst stolz sich erheben Erobern alle Hügel Wälder und Höhlen Dann zucken in Krämpfen Und verschrumpeln Zu einem Hängsel na danke dann bleiben die Fenster halt dreckig   © Karsten Paul, Nürnberg    

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Zwei Gedichte zu »30 Jahre Mauerfall«: ein lyrisches Innehalten am heutigen Jubel-9.-November

  Sabine Minkwitz Sesam, Märchen Die Mauer war da betoniertes System Aber von beiden Seiten rannten wir an gegen sie Dann hatten wir das Wort unverzüglich und das Tor öffnete sich endlich brandenburgisch © Sabine Minkwitz, Erkrath   Maik Lippert Herbert Wehner für immer Damals am 19. März 1970 Gehörte mein Vater nicht Zu den Willy-Rufern Unterhalb vom Fenster im Erfurter Hof, Sondern rückte Getränkekästen Im Dorfkonsum, Bis der Gemeindearbeiter erschien: Schon gehört? Für Vater war aber Herbert Wehner der einzige, Der noch glaubwürdig die Faust ballen konnte. Gegen Bonzen in Ost und West, Wollte Vater gerade sagen. Da sprang […]

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