Augustins Fundsachen, Folge 1: »Gedichte Dreier Jahre« von Joachim Ringelnatz

Wo auch immer der Weltreisende in Sachen Poesie“ sich gerade wieder herumtreiben mag: wenn Michael Augustin ein Buchantiquariat erspäht, dann kommt er daran nicht vorbei, ohne wenigstens in haikuhafter Kürze (aber viel lieber in balladenhafter Länge) die dort erhofften mit Lyrik gefüllten Regalmeter auf Überraschendes und Wohlfeiles zu inspizieren. Vom Glück des Findens handelt seine Kolumne, in der er seine liebsten lyrischen Trouvaillen aus Läden und Bücherschuppen, von Flohmarkttischen und Straßenrändern in loser Folge am 3. eines Monats vorstellt.

 

Ich weiß gar nicht mehr, wo genau ich dieses kleine Bändchen im Postkartenformat gekauft habe. Wenn ich nicht völlig irre, dann war’s in München. Neun Euro hat es jedenfalls gekostet, das ist noch heute im Vorsatz per Bleistift eingetragen. Immerhin erinnere ich mich des triumphalen Glücksgefühls, das mir das Herz erwärmte, als ich meine Trouvaille in einem Café unweit des Antiquariats aus der Papiertüte zog, um es gewissermaßen in meinem Besitz willkommen zu heißen.

Gedichte Dreier Jahre von Joachim Ringelnatz, erschienen 1932 bei Rowohlt in Berlin als jüngster einer ganzen Reihe von erfolgreichen Titeln des gebürtigen Sachsen aus Wurzen bei Leipzig, der mit seiner Frau Muschelkalk zwei Jahre zuvor aus Schwabing nach Berlin umgezogen war. In die Stadt, in deren Kleinkunstszene er als gefeierter Performance-Poet schon lange zuvor ausgesprochen erfolgreich angekommen war. Seine Turngedichte, das kann man dem Klappentext entnehmen, lag bereits im 13. Tausend vor, seine schon damals legendären Gedichte vom Seemann Kuttel-Daddeldu im 23. Tausend! Verleger Rowohlt ließ also gleich schon mal eine Startauflage von 5000 Exemplaren drucken, was auch in unseren Tagen traumhaft erscheinen mag … Aber bei Ringelnatz war das kein Risiko. Als reisender Poet, als Tourneedichter würde der schon dafür sorgen, die Büchlein unter die Leute zu bringen. (Und ein Exemplar aus dieser 1. Auflage steht jetzt ja sogar bei mir im Regal!)

Rowohlts berühmtes Näschen hatte ihn nicht getäuscht: der Band ging weg wie warme Semmeln! Auch wenn ein gewisser Ernst Lissauer schrieb, die Gedichte Dreier Jahre seien ein entscheidendes Symptom für den Verfall der Dichtung in Deutschland. Da hatte freilich bereits das Jahr 1933 geschlagen, und das Gesamtwerk des Joachim Ringelnatz war auf die fatale „Schwarze Liste“ des Berliner Bibliothekars Dr. Wolfgang Herrmann und damit auf die to do-Liste der Bücherverbrenner geraten. Auftrittsverbote und Ringels Tuberkuloseerkrankung brachten das Ehepaar in große Not und veranlassten Freunde und Kollegen – darunter Asta Nielsen, Johannes Graf Kalckreuth, Paul Wegener und den Verleger Rowohlt – zu einer Spendenaktion aufzurufen, an der sich tatsächlich viele beteiligten.

1934 starb Ringelnatz an den Folgen seiner Erkrankung. Wer weiß schon, welches Schicksal er im weiteren Verlauf des Nazireiches hätte ertragen müssen. Liest man die Gedichte Dreier Jahre im Bewusstsein und in Kenntnis der politischen Großwetterlage und der Erkrankung des Dichters in seinen beiden zum Zeitpunkt des Erscheinens noch verbleibenden Lebensjahren, wirken manche Zeilen (bei allem Humor und aller hallodrihafter Lustigkeit in zahlreichen der Texte) wie düstere Vorahnungen.

 

Buchseite aus "Gedichte Dreier Jahre" von Joachim Ringelnatz

(Foto: Michael Augustin)

SCHIFF 1931

Wir haben keinen günstigen Wind.
Indem wir die Richtung verlieren,
Wissen wir doch, wo wir sind.
Aber wir frieren.

Und die darüber erhaben sind,
die sollten nicht allzuviel lachen.
Denn sie werden nicht lachen, wenn sie blind
Eines Morgens erwachen.

Das Schiff, auf dem ich heute bin,
Treibt jetzt in die uferlose,
In die offene See. – Fragt ihr: „Wohin?“
Ich bin nur ein Matrose.

 

 

Porträt Michael Augustin von Jenny Augustin

(Bild: Jenny Augustin)

 

Der gebürtige Lübecker Michael Augustin hat in Dublin, in Kiel, auf Vancouver Island und in Carlisle, Pennsylvania, gelebt. Bei Radio Bremen hat er als Kulturredakteur ungezählte Literatursendungen über den Äther geschickt und war Leiter des internationalen Literaturfestivals „Poetry on the Road“.
Seit 2019 widmet er sich vorrangig seiner eigenen literarischen und künstlerischen Arbeit.

 

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