Augustins Fundsachen, Folge 2: »Botschaften des Regens« von Günter Eich

Wo auch immer der Weltreisende in Sachen Poesie“ sich gerade wieder herumtreiben mag: wenn Michael Augustin ein Buchantiquariat erspäht, dann kommt er daran nicht vorbei, ohne wenigstens in haikuhafter Kürze (aber viel lieber in balladenhafter Länge) die dort erhofften mit Lyrik gefüllten Regalmeter auf Überraschendes und Wohlfeiles zu inspizieren. Vom Glück des Findens handelt seine Kolumne, in der er seine liebsten lyrischen Trouvaillen aus Läden und Bücherschuppen, von Flohmarkttischen und Straßenrändern in loser Folge am 3. eines Monats vorstellt.

 

Als ich das schmale in Leinen gebundene Lyrikbändchen aus dem Regal des Buchantiquariats gezogen hatte und es aufschlug, war mir für einen Moment, als hätte ich die Hände auf einen Elektroschocker gelegt. Günter Eich: Botschaften des Regens, erste Auflage 1955 … ohne Schutzumschlag zwar – ABER signiert. Von Günter Eich im Vorsatz signiert! Ich holte erstmal tief Luft und schlenderte so nonchalant und pokerfacemäßig als irgend möglich vom stattlichen, immerhin gut 2 x 3 Meter messenden Lyrikregal hinüber an den Verkaufstresen, hinter dem die Antiquarin damit beschäftigt war, Zahlen in eine Rechenmaschine zu hämmern. „Herr Augustin … haben Sie was gefunden?“, fragte sie lächelnd, und ich stellte meine unvermeidbare Preisfrage in etwas gekünstelter und eigentlich leicht zu durchschauender Beiläufigkeit. „Einer Ihrer Lieblingsautoren … stimmt’s, Herr Augustin? Günter Eich?“ Warum sollte ich lügen. Ja, sagte ich. Was natürlich nur den Preis hochtreiben würde. Dachte ich. „Geben Sie mir fünf Euro“, sagte sie.

Fotocollage Günter Eich

Fotocollage Günter Eich (Fotos/Collage: Michael Augustin)

Kaum hatte ich wort- und atemlos bezahlt und sie mir das Bändchen ausgehändigt, da platzte es auch schon aus mir heraus: „Der Band ist signiert!“ „Ich weiß …“, sagte sie mit einem Hauch von hörbarer Melancholie, die ich mir in dem Moment noch gar nicht erklären konnte, genau so wenig wie den sensationell niedrigen Preis meiner grandiosen Trouvaille. Erst gut zwei Monate später, als ich mal wieder das Regal inspizieren wollte, wurde mir klar, dass es sich tatsächlich um Melancholie gehandelt haben muss, und dass sie, im Gegensatz zu mir, naturgemäß längst wusste, welch grausames Schicksal ihrem Laden und all ihren Kunden unmittelbar bevorstand. Kurzum: bei meinem nächsten Besuch war der Laden leer. Ratzekahl leergeräumt. Das große grausame onlinehandelbedingte Buchantiquariatesterben hatte ein weiteres Opfer gefordert, jetzt auch mal wieder in Bremen! Und die fünf Euro für das Büchlein, die erkläre ich mir bis auf den heutigen Tag als eine Art Trostpreis, wenn man das so sagen kann.

Botschaften des Regens, ein Klassiker des Klassikers, der Günter Eich schon immer für mich gewesen ist, schon als er noch lebte – und nach seinem Tod 1972 erst recht. Als er starb, war ich neunzehn Jahre alt und quietschbegeistert von Eich, dem Autor der im Laufe der vorangegangenen fünf Jahre erschienenen, von uns jungen Literaturfreaks bejubelten, dreisten, surrealen, subversiven und hoch inspirierenden Maulwürfe. Über die Lektüre dieser fabelhaften prose poems entdeckten wir natürlich auch seine Lyrik und saßen tatsächlich (mehrere Mann hoch) vor dem Radio, wenn eines seiner Hörspiele über den Äther ging – zuletzt kurz vor seinem Tod, als sein Seume-Stück Zeit und Kartoffeln urgesendet wurde.

Botschaften des Regens, ein schmales Bändchen, war Günter Eichs dritte Lyriksammlung nach Abgelegene Gehöfte (1948) und Untergrundbahn (1949). Die Gedichte dieses Bandes sind entstanden zwischen 1949 und 1955. Aus einer Frühfassung des Manuskripts hatte Eich, der sich damals anschickte, als (gelegentlich skandalumtoster) Hörspielautor eine Berühmtheit zu werden, schon 1950 bei der Tagung der Gruppe 47 vorgelesen und prompt den begehrten Jahrespreis erhalten, zwei Jahre vor seiner zukünftigen Frau, der österreichischen Holocaustüberlebenden Ilse Aichinger. Gedichte, die sehr wohl und in reichem Maße mit der Natur zu tun haben, die aber radikal mit dem brechen, was Eichs zeitgenössische Leser damals gewöhnlich serviert bekamen von der lyrischen Naturkostspeisekarte seiner Kolleginnen und Kollegen. Gedichte, die freilich auch verstörende Botschaften an uns heutige Leser enthalten: Betrachtet die Fingerspitzen, ob sie sich schon verfärben! warnt Eich, denn eines Tages kommt sie wieder, die ausgerottete Pest.

Und da ist natürlich das Titelgedicht über die Botschaften des Regens – ein Gedicht, das für mich zu den eindringlichsten Arbeiten Günter Eichs gehört. Wer es genau liest und sich darauf einlässt, wird nie wieder das Trommeln des Regens auf dem Dach vernehmen können, ohne zumindest einen Versuch zu unternehmen, die geheimen (oder vielleicht offensichtlichen?) Botschaften zu entschlüsseln. In diesem Sinne ist es wahrhaftig ein Bewusstsein veränderndes Gedicht:
Bestürzt vernehme ich / die Botschaften der Verzweiflung, / die Botschaften der Armut /
und die Botschaften des Vorwurfs. / Es kränkt mich, daß sie an mich gerichtet sind, / denn ich fühle mich ohne Schuld. Es lohnt sich, diesen Band zur Hand zu nehmen – ein antiquarisches oder ein druckfrisches Exemplar aus dem Suhrkamp Verlag. Das komplette Titelgedicht, neben etlichen weiteren vom Autor höchstpersönlich für den Rundfunk eingelesen, was seinen geschriebenen Worten noch eine zusätzliche Intimität verschafft, ist auf lyrikline.org zu hören und nachzulesen.

 

 

Porträt Michael Augustin von Jenny Augustin

(Bild: Jenny Augustin)

 

Der gebürtige Lübecker Michael Augustin hat in Dublin, in Kiel, auf Vancouver Island und in Carlisle, Pennsylvania, gelebt. Bei Radio Bremen hat er als Kulturredakteur ungezählte Literatursendungen über den Äther geschickt und war Leiter des internationalen Literaturfestivals „Poetry on the Road“.
Seit 2019 widmet er sich vorrangig seiner eigenen literarischen und künstlerischen Arbeit.

 

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