Augustins Fundsachen, Folge 3: »DESTILLATIONEN« von Gottfried Benn

Wo auch immer der Weltreisende in Sachen Poesie“ sich gerade wieder herumtreiben mag: wenn Michael Augustin ein Buchantiquariat erspäht, dann kommt er daran nicht vorbei, ohne wenigstens in haikuhafter Kürze (aber viel lieber in balladenhafter Länge) die dort erhofften mit Lyrik gefüllten Regalmeter auf Überraschendes und Wohlfeiles zu inspizieren. Vom Glück des Findens handelt seine Kolumne, in der er seine liebsten lyrischen Trouvaillen aus Läden und Bücherschuppen, von Flohmarkttischen und Straßenrändern in loser Folge am 3. eines Monats vorstellt.

 

Man muss schon fast Glück haben, oder doch zumindest das Regal mit den B-Autoren (also jenen, deren Nachname mit dem Buchstaben B beginnt) besonders aufmerksam durchforsten, will man seine Chance wahrnehmen, dieses Buch überhaupt zu entdecken und es aus seiner Reihe zu ziehen. Der Rücken, wenn man überhaupt von einem Rücken sprechen kann, eher von einem Rückleinchen, ist weder mit dem Titel noch dem Autorennamen bedruckt. Das heißt: ist es überhaupt ein Buch? Laut UNESCO-Definition muss eine Banane zwar nicht krumm sein, aber ein Buch muss einen Mindestumfang von 49 Seiten aufweisen. Also ist dieses Buch, das Literaturgeschichte gemacht hat, eigentlich gar kein Buch. Es umfasst insgesamt 40 Seiten, von denen die letzte unbedruckt ist – und der Texteil beginnt auf Seite 7. Neununddreißig minus sieben macht zweiunddreißig. Auf 32 Seiten also verteilen sich die Gedichte. 23 an der Zahl. Und die haben es allerdings gewaltig in sich. In jeder Hinsicht.

"DESTILLATIONEN" von Gottfried Benn

„DESTILLATIONEN“ von Gottfried Benn, Foto: Michael Augustin

Erschienen ist das Werk unter dem hochprozentigen, in Großbuchstaben gesetzten Titel DESTILLATIONEN, dem eine Art Info-Untertitel folgt: Neue Gedichte 1953 von Gottfried Benn im Limes Verlag. Hinzufügen ließe sich, dass diese hier versammelten Gedichte vom lesenden Publikum heiß erwartet wurden, zwei Jahre nach der wohl endgültigen Rehabilitation des alternden Meisters, dem man Anno 1951 den Georg-Büchner-Preis zuerkannt hatte und an dessen Tintenspur sich bereits Scharen junger Dichter hefteten. Über das Erscheinungsjahr der DESTILLATIONEN, das Jahr 1953 also, habe ich vor fast zwei Jahrzehnten ein langes Gedicht geschrieben, in dem ich, übrigens angeregt ausgerechnet durch Gottfried Benns Gedicht 1886, genau das versucht habe, was auch er im Sinn hatte, nämlich die wichtigsten Tendenzen, Ereignisse, Verrücktheiten und wie aus weiter, schon fast geschichtlicher Ferne herüber schimmernden Alltäglichkeiten des Geburtsjahres einzufangen und abzubilden. In Benns fein recherchiertem Geburtsjahresgedicht ist von Paul Heyse die Rede, von Ibsen, Hauptmann, Tolstoi, dem Deutschen Radfahrbund und dem Norddeutschen Lloyd, in meinem Gedicht von der deutschen Fußballnationalmannschaft, dem Eisernen Vorhang, Thomas Mann, Samuel Beckett, Bert Brecht und – na klar – Gottfried Benn.

Ein spannendes Unterfangen, sich das eigene Geburtsjahr als etwas real Existierendes zu vergegenwärtigen – ein Rechercheprojekt, zu dem ich jedem Literatur- und Zeitgeschichtsinteressierten nur raten kann. Benns DESTILLATIONEN, um die es ja hier in wenigen Zeilen eigentlich gehen soll, erweisen sich als 1953er-Füllhorn. Das Berlin der Nachkriegszeit, Pop-Musik und Ami-Bar, Wildlederschuhe und Sex-Appeal, dazu der auch sprachlich immer berauschende Benn`sche Trostcocktail aus Fusel, Funk und Flaschen, die gesuchte Schäbigkeit in abendlicher Kneipe und Destille, in Zwang, in Trieb, in Flucht / Trunk … Und natürlich wehen durch dieses späte vorletzte Lyrikbändchen seines Lebens die Wolken der Melancholie, gereimt und ungereimt; da steht der Alternde – (mein Gott! Gerade merke ich, dass Benn damals genau so alt war, wie ich es jetzt bin! Zu Hülfe!!) – inmitten seiner Nebelbänke aus Erinnerungen und gedämpften Zukunftshoffnungen. Gedämpft auch, was die Gedanken zur Liebe angeht … obwohl ihm – was er noch nicht weiß, der Benn-Biografie-Kenner aber schon – noch mindestens zwei Lebensenderotikaffären bevorstehen. Wunderbar, wie Benn gelegentlich seinen gefährlich spitzen Degen zieht oder seinen chilischarfen Säbel schwingt und austeilt gegen die lächerliche große Politik oder gar gegen die Nachgeborenen, bzw. die sich erfrechende Jugend: Allons enfants, tut nicht so wichtig, / die Erde war schon vor euch da / und auch das Wasser war schon richtig – / Hipp, hipp, Hurra!

Ein großes kleines Buch, das, wie gesagt, ja eigentlich nur eine Broschüre und im Regal des Antiquariats leicht zu übersehen ist. Für meine Erstausgabe von 1953 habe ich, wenn ich mich recht erinnere, vor einer Handvoll Jahren 6 Euro auf den Tresen gelegt. Sehr viel mehr kostet dieses Originalkleinod auch heute nicht, wie ich im Internet sehe. Nicht schlecht, sagt der Specht.

DESTILLATIONEN enthält übrigens auch eines meiner persönlichen Lieblingsgedichte von Gottfried Benn, abgedruckt unter dem Titel Was schlimm ist, endend mit den Zeilen: Am schlimmsten: / nicht im Sommer sterben, / wenn es hell ist / und die Erde für Spaten leicht. Benn starb übrigens am 7.Juli 1956, 70jährig. Mitten im Sommer!

 

 

Porträt Michael Augustin von Jenny Augustin

(Bild: Jenny Augustin)

 

Der gebürtige Lübecker Michael Augustin hat in Dublin, in Kiel, auf Vancouver Island und in Carlisle, Pennsylvania, gelebt. Bei Radio Bremen hat er als Kulturredakteur ungezählte Literatursendungen über den Äther geschickt und war Leiter des internationalen Literaturfestivals „Poetry on the Road“.
Seit 2019 widmet er sich vorrangig seiner eigenen literarischen und künstlerischen Arbeit.

 

Ein Kommentar

  • christian engelken

    Wenn ich mich nicht irre, hat Benn nicht nur die Jahreszeit und das wetter seines Beerdigungstages vorhergesehen, sondern auch, dass er 70 Jahre alt würde. Irgendwo hat er die Zahl erwähnt. Für Hinweise wäre ich dankbar. „Unser Leben währet siebenzig Jahre, und wenn’s hoch kommt, so sind’s achtzig Jahre“ war da sicher nicht sein einziger Anhaltspunkt. Zusammen mit dem Gedicht „Krebsbaracke“ und dem Tod der Mutter durch ebendiese Krankheit dürfte er so ziemlich alles geahnt haben. Naja, er war ja auch Arzt. Verbunden mit der Intuition des Künstlers.

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