Augustins Fundsachen, Folge 6: Gedichte von Carl Zuckmayer

Wo auch immer der Weltreisende in Sachen Poesie“ sich gerade wieder herumtreiben mag: wenn Michael Augustin ein Buchantiquariat erspäht, dann kommt er daran nicht vorbei, ohne wenigstens in haikuhafter Kürze (aber viel lieber in balladenhafter Länge) die dort erhofften mit Lyrik gefüllten Regalmeter auf Überraschendes und Wohlfeiles zu inspizieren. Vom Glück des Findens handelt seine Kolumne, in der er seine liebsten lyrischen Trouvaillen aus Läden und Bücherschuppen, von Flohmarkttischen und Straßenrändern in loser Folge am 3. eines Monats vorstellt.

 

Der Baum (1926)
Gedichte 1916 – 1948 (1948)

Porträtfoto von Carl Zuckmayer

Carl Zuckmayer (Foto: Das Bundesarchiv / Wikipedia)

Es gibt Gedichte, die kriege ich nicht wieder aus dem Kopf, wenn ich sie einmal gelesen oder gehört habe. Eines solcher Werke stammt von Carl Zuckmayer, dem Dramatiker („Der Hauptmann von Köpenick“) und begnadeten Autobiografen („Als wär’s ein Stück von mir“). Als Sprechgesang hat er es in einer Rundfunkaufnahme rezitiert, die mir vor Jahren bei einer Recherche für einen Brecht-Abend im Programm von Radio Bremen zu Gehör gekommen ist (das DRA, also das Deutsche Rundfunkarchiv, ist ein Paradies für Menschen mit Ohren und einer speziellen Liebe zur Literatur … und eben auch zur Lyrik!).

Zuckmayer, Jahrgang 1896, erzählt in dieser Aufnahme davon, wie er mit dem jungen Brecht und anderen Kolleginnen und Kollegen zusammen zu hocken pflegte und wie die ihn dann immer wieder aufforderten, doch bitte einen seiner Texte vorzutragen, zur Klampfe, versteht sich. Worin ja auch Freund B.B. eine gewisse Übung hatte aus seinen allerfrühesten wilden Jahren. Aber statt selber etwas vorzutragen, schloss der sich den Wünschen der anderen nur allzu gern an:

Coverbild "Der Baum – Gedichte" von Carl Zuckmayer

„Der Baum – Gedichte“ von Carl Zuckmayer (Foto: Michael Augustin)

„Das soll der Zuck machen!“ Und wie der das machte, das machte er dann vor in dieser unvergesslichen, Jahrzehnte später nach Rückkehr aus dem amerikanischen Exil entstandenen Aufnahme am Beispiel des hochmelancholischen, bildreich-schönen Gedichts „Cognac im Frühling“: „Ich bin im braunen Cognac-See ertrunken. / Sechs Monde schwimmt mein Leichnam wie ein Fisch, / Mit weißem Bauch noch unverwest und frisch (…)“. Nachzulesen in seinem frühen Gedichtband „Der Baum“, erschienen Anno 1926 im Berliner Propyläen-Verlag, ganze 60 Druckseiten umfassend, zuzüglich Verlagswerbung für Romane und Erzählungen von „Dichtern der Gegenwart“, als da wären Marcel Proust, Jules Romains, Nicolaj Nikitin, Ernst Weiss et al. Nicht zu vergessen der Hinweis auf Zucks grandioses Erfolgsstück „Der fröhliche Weinberg“, zu haben in der 4.Auflage geheftet für 2.50 und in Halbleinen für 1 Mark mehr … „Der größte Lustspiel-Erfolg der letzten Jahre“ und das Entrée-Billet des jungen Autors in die erste Reihe der deutschsprachigen Dramatiker seiner Zeit.

Buchrücken der Gedichtbände von Carl Zuckmayer

Gedichtbände von Carl Zuckmayer (Foto: Michael Augustin)

Das kleine Bändchen ist antiquarisch als Erstausgabe immer noch relativ leicht und zum Schnäppchenpreis aufzustöbern. Für meine Ausgabe habe ich einst 5 DM über den Büchergebrauchtwarenhändlertresen geschoben und liebe es auch in den heutigen Euro-Zeiten immer noch, mir gelegentlich laut daraus vorzulesen, Zucks prachtvolle, vor Lebenslust strotzende Erzähler- und Rezitatorenstimme im Ohrgedächtnis. Viele Gedichte hat Carl Zuckmayer nicht geschrieben in seinem Leben (er starb 1977 in der Schweiz). Die meisten davon hat er bereits 1948 unter dem Titel „Gedichte 1916 – 1948“ versammelt, gedruckt auf schlechtem Nachkriegspapier und erschienen im „Suhrkamp Verlag vorm. S. Fischer, Berlin und Frankfurt am Main“ in einer 5000er Auflage unter „Zulassung US-W-2022″ mit dem „Copyright beim Bermann-Fischer Verlag Amsterdam“.

Titelseite "Gedichte 1916 – 1948" von Carl Zuckmayer

Titelseite „Gedichte 1916 – 1948“ von Carl Zuckmayer (Foto: Michael Augustin)

Auch dieser knapp 140 Seiten starke (und damit immer noch ziemlich schmale) Band ist nach wie vor leicht zu finden in Antiquariaten allüberall oder im Internet im ZVAB, in das sich so viele der Antiquare, die in den letzten Jahren (oder aktuell Corona bedingt) ihre Läden schließen mussten, mitsamt ihren Grabbeltischen, Kartoffelkisten und Bananenkartons zurückgezogen haben, zur großen Trauer aller die papierene Handfestigkeit liebenden Bücherwühlmäuse.

Den 1948er-Band, der auch Gedichte aus Exil in Vermont enthält, habe ich 1984 erstanden für 3 Dollar in einem Antiquariat in einer der Hauptstädte der US-amerikanischen Literaturszene …

Gedenkbriefmarke Carl Zuckmayer

Gedenkbriefmarke Carl Zuckmayer (Deutsche Post AG)

Nein, nicht in New York City oder bei Lawrence Ferlinghetti in San Francisco, sondern mittenmang im Lande, in Iowa City, an dessen Universität sich schon seit den 1940er Jahre junge und alte amerikanische und internationale Dichter die Klinke in die Hand geben.

Und wo, wenn ich nicht irre, auch der deutsche Exilautor und spätere US-Staatsbürger Carl Zuckmayer zu Gast weilte, der seine Tochter übrigens auf den Namen Winnetou taufen ließ. Seine Gedichte empfehle ich aus vollstem Herzen. „Der Leib verwest. Lebendig bleibt das Wort.“ Howgh!

 

 

 

Porträt Michael Augustin von Jenny Augustin

(Bild: Jenny Augustin)

 

Der gebürtige Lübecker Michael Augustin hat in Dublin, in Kiel, auf Vancouver Island und in Carlisle, Pennsylvania, gelebt. Bei Radio Bremen hat er als Kulturredakteur ungezählte Literatursendungen über den Äther geschickt und war Leiter des internationalen Literaturfestivals „Poetry on the Road“.
Seit 2019 widmet er sich vorrangig seiner eigenen literarischen und künstlerischen Arbeit.

 

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