Augustins Fundsachen, Folge 8: DEM BÖSEN ÜBERLEGEN – Erich Frieds erstes Buch Anno 1944

Wo auch immer der Weltreisende in Sachen Poesie“ sich gerade wieder herumtreiben mag: wenn Michael Augustin ein Buchantiquariat erspäht, dann kommt er daran nicht vorbei, ohne wenigstens in haikuhafter Kürze (aber viel lieber in balladenhafter Länge) die dort erhofften mit Lyrik gefüllten Regalmeter auf Überraschendes und Wohlfeiles zu inspizieren. Vom Glück des Findens handelt seine Kolumne, in der er seine liebsten lyrischen Trouvaillen aus Läden und Bücherschuppen, von Flohmarkttischen und Straßenrändern in loser Folge am 3. eines Monats vorstellt.

 

Michael Augustin und Erich Fried

Michael Augustin (l) und Erich Fried Foto: privat

„Das war mein erstes Buch“, sagte Erich Fried, als er mir vor vielen Jahren diese kleine, mit hellblauem Pappeinband versehene Broschüre in die Hand drückte: ERICH FRIED / DEUTSCHLAND / GEDICHTE, LONDON 1944, AUSTRIAN P.E.N. – 37 Gedichte auf 30 Seiten mit Klammerheftung. Copyright by the Author. Printed by Richard Madley Ld., Newton Works, Fitzroy Court, London, W.1. – Price Two Shillings – All correspondence to Lore Koch, 64b Belsize Park Gardens, London, N.W.3.

"Deutschland - Gedichter" von Erich Fried

Buchcover-Abbildung

„Davon habe ich noch einige Exemplare“, sagte er dann, „dieses kannst du gern behalten, wenn du möchtest.“ Und ob ich mochte (und vergaß prompt, mir eine Widmung hineinschreiben zu lassen)! Eine eigenständige Veröffentlichung! Das muss ihm viel bedeutet haben damals im vorletzten Jahr des 2.Weltkrieges. Zweiundzwanzig Jahre alt war er da und schon seit sechs Jahren im englischen Exil.

Als Flüchtling, nicht als Exilant. Diese Unterscheidung war ihm wichtig, denn ins Exil kann ein Mensch sich auch aus freien Stücken begeben, wer hingegen flüchtet, versucht sein Leben zu retten und weiß keinen anderen Ausweg, der Verfolgung, der Ermordung, der Vernichtung zu entgehen. Wie eben der unbegleitete siebzehnjährige Jugendliche Erich Fried, dessen jüdische Eltern in Wien nach dem „Anschluss“ Österreichs von den Nazis verhaftetet worden waren und dessen Vater an den Folgen der Misshandlungen durch seine Peiniger gestorben war.

"Deutschland" von Erich Fried: Inhaltsverzeichnis

„Deutschland“ von Erich Fried: Inhaltsverzeichnis

Am 4.August 1938 war Erich von Wien aus in London angekommen und engagierte sich in einigen der dort operierenden sozialistischen und kommunistischen Flüchtlingsorganisationen. Eines war ihm schon bei Ankunft klar: er wollte „ein deutscher Dichter“ werden, eine Lebensplanung, die bei der absoluten Mehrheit seiner rund 30 000 aus Österreich nach Großbritannien geflüchteten jüdischen Landsleute vermutlich eher für Befremden gesorgt hätte. Doch er schlug sich durch als Fabrikarbeiter, Milchchemiker, Entwerfer von Glasknöpfen, Bibliothekar und – last but not least – er sammelte Erfahrungen als Autor in den unterschiedlichsten Genres.

Vor allem aber schrieb er Gedichte. Einige davon, aber nur versuchsweise, in englischer Sprache. (Anders als der um einige Jahre jüngere, mit seiner Familie nach England geflüchtete gebürtige Berliner Michael Hamburger ist Erich Fried kein englischer Dichter geworden, obwohl er bis an sein Lebensende 1988 in London gelebt und gearbeitet hat, als Schriftsteller und als Übersetzer von Shakespeare, Dylan Thomas, T. S. Eliot et.al.)

"Deutschland" von Erich Fried: Einleitung

„Deutschland“ von Erich Fried: Einleitung

Erichs Gedichte erschienen in Londoner Exilzeitschriften wie Young Austria, Zeitspiegel oder Freie Deutsche Kultur. In seinem Landsmann, dem Dichter Theodor Kramer, fand er einen großzügigen und zugeneigten Fürsprecher und Förderer. Im Juni 1939 gelang Erichs Mutter nach Entlassung aus der Haft in Wien ebenfalls die Flucht nach London. In ihren letzten Lebensjahren lebte sie im Haus Erich Frieds und seiner Familie in der Dartmouth Road, wo ich die alte Dame selbst noch kennen gelernt habe ganz zu Anfang der 1970er Jahre.

„Gesammelte Werke“ von Erich Fried: Buchrücken

Das kleine Büchlein bzw. die Broschüre mit dem Titel DEUTSCHLAND, enthält Gedichte, die er zwischen September 1943 und Juli 1944 verfasst hat und die zum Teil zunächst in den bereits erwähnten Exilpublikationen abgedruckt waren. Er hatte sich damals schon von manchen der unter stalinistischer Gedankenkontrolle stehenden Organisationen losgesagt. Bei Lesungen vor Landsleuten hatte er die Wirkung seiner hochpolitischen (auch an Arbeiten Brechts erinnernden) gereimten und schnell eingängigen Gedichte zu Themen wie Krieg, Verfolgung und Nazidiktatur überprüfen können. Antifaschistische Gedichte, aber doch kein Agitprop, durchzogen von Empathie und einem bereits sehr ausgeprägten zutiefst humanistischen Grundton, den Erich Fried nie wieder aufgegeben hat.

Die Herausgabe dieser ersten Einzelveröffentlichung durch den österreichischen Exil P.E.N. in London haben damals Freude wie David Martin und Joseph Kalmer ermöglicht. Von London aus schickte Erich Fried ein Exemplar dieser kleinen Gedichtsammlung an den damals im kalifornischen Exil lebenden Thomas Mann, der es sich nicht nehmen ließ, dem jungen Dichter unter dem Datum des 24.Juli 1945 einige liebenswürdige Dankeszeilen zukommen zu lassen. Er fühle sich „namentlich angezogen durch den oft anklingenden Volksliedton“ der Gedichte und attestiert dem Verfasser „eine gewisse künstlerische und moralische Vergnügtheit, die wohl aus einem guten Ueberlegenheitsgefühl über das Böse kommt“.

Damit hat mein Lübecker Landsmann eigentlich recht genau das getroffen, was auch den späteren Erich Fried auszeichnen sollte. Oder sehe ich das falsch?

Buchveröffentlichungen von Erich Fried

Buchveröffentlichungen von Erich Fried

 

© Michael Augustin, 2021

 

 

Porträt Michael Augustin von Jenny Augustin

(Bild: Jenny Augustin)

 

Der gebürtige Lübecker Michael Augustin hat in Dublin, in Kiel, auf Vancouver Island und in Carlisle, Pennsylvania, gelebt. Bei Radio Bremen hat er als Kulturredakteur ungezählte Literatursendungen über den Äther geschickt und war Leiter des internationalen Literaturfestivals „Poetry on the Road“.
Seit 2019 widmet er sich vorrangig seiner eigenen literarischen und künstlerischen Arbeit.

 

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