Das flüchtige Schöne einfangen – Folge 13: Björn Kaltenbach, Gedicht aus der Sammlung »Über die Schönheit oder Die Kunst, Wasser zu trinken«

Für eine neue Netz-Anthologie hat sich das Online-Forum der Zeitschrift DAS GEDICHT, www.dasgedichtblog.de, auf die Suche nach dem Schönen gemacht. Schließlich ist die Kunst seit Jahrhunderten auch eine Instanz der Ästhetik.
Und wenngleich seit längerem eine gewisse Scheu vor dem Schönen im modernen Kunstbetrieb herrscht und Schönheit heute oft reduziert wird auf den schönen Schein, auf das Streben nach Idylle oder die Anbetung getrimmter Körper – möchte die neue Netzanthologie von Redakteurin Sandra Blume der Schönheit in der Kunst einen besonderen Platz einräumen.
Über 40 Autorinnen und Autoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz haben mehr als 100 Gedichte zum Thema »Das flüchtige Schöne einfangen« eingereicht. 16 ausgewählte Texte werden jeden Mittwoch zum Lesen und Hören auf DASGEDICHTblog veröffentlicht und laden dazu ein, jener Schönheit, die beim Betrachter Freude, Trost und Glück – wenigstens für kurze Augenblicke – auszulösen vermag, auf die Spur zu kommen.

 

Sandra Blume liest: Ein Gedicht aus der Sammlung »Über die Schönheit oder Die Kunst, Wasser zu trinken« von Björn Kaltenbach

 

Björn Kaltenbach

Gedicht aus der Sammlung „Über die Schönheit oder Die Kunst, Wasser zu trinken“

Wir brauchen keine Geschichte.
Wir warten und stricken uns was aus Momenten,
die, so nehmen wir mal an, unsere sind.
Und du schreist auf, so nehmen wir mal an,
zum aller aller allerersten Mal.

Mit den Füßen durch Hundehaufen scharren,
Hand in Hand und weißt du noch?

Diese scheißlangen Augenblicke:
Frühstück im Bett am Sonntagmorgen mit
Brötchen und Butter und steinharten Eiern,
das war doch so lustig, weil wir ganz vergessen hatten,
dass das Wasser kocht.
Frühstück im Bett mit Erdbeermarmelade,
und dann etwas Herzhaftes dazu
für alle (das warst du), die’s nicht so süß mögen.
Dann wirft der Speck Falten, es knistert, guck,
das Röschen
im Väschen
auf dem Tischchen
im Bettchen.
Ein Schlürfen, ein Mümmeln, ein Kichern, ein Quieken,
ein Zischen, ein Auge zu und eins Richtung Decke,
und eins schielt zur Tür und eins zum Fenster.
Diese scheißlangen Augenblicke:
Die Rotweinzigarette auf meiner Zunge vor
zwanzigtausend Jahren auf den Tag genau,
und ich stand mit einem Ordner voll Kram unterm Arm
in Teufels Küche und wunderte mich aus dem Fenster auf die Straße,
wo sie sich sammelten, die Nacht zu begrüßen,
und du.

Unvollständige Träumereien, Erinnerungen, gelb wie unsere Zähne,
scheißlange Augenblicke, Momente an Ketten,
die sechs Gedichte und
die fünfhundertsiebenundsechzig Versuche.

 

© Björn Kaltenbach, Esslingen-Zell

 

 

 

Sandra Blume. Foto: Yvonne Bartsch

Sandra Blume. Foto: Yvonne Bartsch

Sandra Blume (Jahrgang 1976) hat Geschichte, Kulturwissenschaften und Journalistik studiert. Sie arbeitet seit 2005 als freie Texterin, PR-Beraterin und Theaterdramaturgin. Seit 2013 ist sie Pressesprecherin des Wartburgkreises in Thüringen. Sie hat bei zahlreichen Lese-, Radio- und Theaterveranstaltungen mit einer »lyrischen Zärtlichkeit des Lauschens und Staunens« dem Publikum so manches Gedicht neu eröffnet. 2017 hat sie auf DAS GEDICHT blog bereits die Online-Anthologie »Lyrik rettet den Montag« herausgegeben und hörbar gemacht. Gedichte der Autorin sind in diversen Anthologien zu finden, 2018 hat sie im Landstreicher Verlag den Wandkalender „Beginnende Tage“ mit Texten und Fotografien veröffentlicht.

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