Das flüchtige Schöne einfangen – Folge 15: Friedrich G. Paff, Gedicht ohne Titel

Für eine neue Netz-Anthologie hat sich das Online-Forum der Zeitschrift DAS GEDICHT, www.dasgedichtblog.de, auf die Suche nach dem Schönen gemacht. Schließlich ist die Kunst seit Jahrhunderten auch eine Instanz der Ästhetik.
Und wenngleich seit längerem eine gewisse Scheu vor dem Schönen im modernen Kunstbetrieb herrscht und Schönheit heute oft reduziert wird auf den schönen Schein, auf das Streben nach Idylle oder die Anbetung getrimmter Körper – möchte die neue Netzanthologie von Redakteurin Sandra Blume der Schönheit in der Kunst einen besonderen Platz einräumen.
Über 40 Autorinnen und Autoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz haben mehr als 100 Gedichte zum Thema »Das flüchtige Schöne einfangen« eingereicht. 16 ausgewählte Texte werden jeden Mittwoch zum Lesen und Hören auf DASGEDICHTblog veröffentlicht und laden dazu ein, jener Schönheit, die beim Betrachter Freude, Trost und Glück – wenigstens für kurze Augenblicke – auszulösen vermag, auf die Spur zu kommen.

 

Sandra Blume liest: Ein Gedicht ohne Titel von Friedrich G. Paff

 

Friedrich G. Paff

***

Wie ich höre hat Pons jetzt eine Kneipe
doch noch immer gehe ich durch
Schilf, Reben, steinige Wege
nach Saint Pargoire zum nächsten Dorf
wo die nächste Kneipe an der
Durchgangsstraße da ist
geschäftig alles flüchtig vorbeieilt
Müllabfuhr, Blumen, Gasflascheneinkauf
schepperndes Blech, Asphalt
hastiges Treiben und doch irgendwie
verschlafen da alles kurz ein Verweilen
Alltag normal ohne Abwechselung
Jung und Alt hastig ein Drink
finde Ruhe ich fremd hier allein
inmitten kleinstädtischen Treibens
Kinderwagen, Hundegebell, Tratsch
über die neue Frisur, Verabredungen
hastiges Zeitungsdurchblättern
fremd hier bleib ich weil ich
eine Zeit habe die nie vergeht
ohne Uhr da am Arm andauert
Glas da für Glas ein alter Mann
sieht mich an, überall sein Plakat
ich habe seinen Namen vergessen
gesucht wird er, vermißt,
ist je er wieder aufgetaucht
nie hab ich es erfahren
doch die Plakate zeigen, daß er
zum Dorf gehört, zur Gegend
die er verlassen, aus der er
wie auch immer verschwand,
wieso ist er mir plötzlich so nah
er der doch nicht zugegen
es ist die Abwesenheit, die mich
reizt, die ich lebe, die stets mir
da bleibt in den schwindenden
Farben des Herbstes, Dörfer zu
wechseln, auf dem Weg da zu sein,
hier und auch dort, welcher Vagabund
bin ich, der ich atme das Leben
im Vorübergehen und doch da
verweile, es an mir vorbeiziehen
lasse, auf dem Rückweg brennen
die Reben, zittert der Farn und die
Sonne spiegelt sich auf den Steinen
und ich weiß nicht, soll eine Rose
oder eine Distel ich brechen,
eine Eidechse huscht vorbei
und ich ahne, wenn der Mond
beginnt seine Bahn, fallen all
die roten Hagebutten mir
in den Traum

 

© Friedrich G. Paff, Marburg

 

 

 

Sandra Blume. Foto: Yvonne Bartsch

Sandra Blume. Foto: Yvonne Bartsch

Sandra Blume (Jahrgang 1976) hat Geschichte, Kulturwissenschaften und Journalistik studiert. Sie arbeitet seit 2005 als freie Texterin, PR-Beraterin und Theaterdramaturgin. Seit 2013 ist sie Pressesprecherin des Wartburgkreises in Thüringen. Sie hat bei zahlreichen Lese-, Radio- und Theaterveranstaltungen mit einer »lyrischen Zärtlichkeit des Lauschens und Staunens« dem Publikum so manches Gedicht neu eröffnet. 2017 hat sie auf DAS GEDICHT blog bereits die Online-Anthologie »Lyrik rettet den Montag« herausgegeben und hörbar gemacht. Gedichte der Autorin sind in diversen Anthologien zu finden, 2018 hat sie im Landstreicher Verlag den Wandkalender „Beginnende Tage“ mit Texten und Fotografien veröffentlicht.

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