Das flüchtige Schöne einfangen – Folge 9: Oliver Füglister »Traum vom Huronen«

Für eine neue Netz-Anthologie hat sich das Online-Forum der Zeitschrift DAS GEDICHT, www.dasgedichtblog.de, auf die Suche nach dem Schönen gemacht. Schließlich ist die Kunst seit Jahrhunderten auch eine Instanz der Ästhetik.
Und wenngleich seit längerem eine gewisse Scheu vor dem Schönen im modernen Kunstbetrieb herrscht und Schönheit heute oft reduziert wird auf den schönen Schein, auf das Streben nach Idylle oder die Anbetung getrimmter Körper – möchte die neue Netzanthologie von Redakteurin Sandra Blume der Schönheit in der Kunst einen besonderen Platz einräumen.
Über 40 Autorinnen und Autoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz haben mehr als 100 Gedichte zum Thema »Das flüchtige Schöne einfangen« eingereicht. 16 ausgewählte Texte werden jeden Mittwoch zum Lesen und Hören auf DASGEDICHTblog veröffentlicht und laden dazu ein, jener Schönheit, die beim Betrachter Freude, Trost und Glück – wenigstens für kurze Augenblicke – auszulösen vermag, auf die Spur zu kommen.

 

Sandra Blume liest: »Traum vom Huronen« von Oliver Füglister

 

Oliver Füglister

Traum vom Huronen

Ich liebe die Mitte von Sinfonien
In denen sich verschiedene Melodien tummeln
Wie am Anfang der Welt
Sich im Dickicht der Töne verlieren
Die Konfusion ist am Grössten
Bevor das Thema
Gereinigt und strahlend
Wie eine klimpernde Blechbüchse
Oder die Türklinke eines Museums
Sich öffnet. Vielleicht sind diese Minuten der Geduld
Diese aus- und andauernde Entscheidungslosigkeit
Wie die glatten Treppen eines Blocks in Auschwitz…
Und ich wäre gerne ein Hurone

Und ich denke an den Sternenhimmel über Bergün im Oktober
An meine erste Liebe
An meinen mir entgegen laufenden Jungen
Die Arme ausgebreitet und Papa
Wie eine Fahne durch den Februarabend schwenkend.
Ich denke an die
Jünger als ihre Tochter neben ihr
Angezogene Mutter
Mit ihrer sonnenstudioverlebten Fratze
Auf der Gerbergasse –
An die fliegenden Bilder Miyazakis
An den schweigenden Sex der Ehepaare
Denen selbst die gemeinsame Geschichte nicht mehr ähnlich ist.
Ich denke an den alten Mann am Nebentisch
Der unbedingt mit mir schwatzen möchte…
An die herumgekarrten Kinder
Und an den Schleier
Hinter dem die Eltern das Schöne
Das im Grunde immer
Voller Wehmut und Schmerz ist
Um schön zu sein
Vor ihren Kindern verbergen…

Wäre ich ein Hurone
Denke ich oben am Wasserturm
Im Rücken die Jugendlichen
Zwischen Röhren und Flöten
Ich läse all diese Spuren
In eine Fährte zusammen
Bündelte sie in das Metall der Bläser
In das Wirbeln der Harfe
Und ließe sie erstrahlen
In einer einzigen Lüge.

 

© Oliver Füglister, Basel (Schweiz)

 

 

 

 

Sandra Blume. Foto: Yvonne Bartsch

Sandra Blume. Foto: Yvonne Bartsch

Sandra Blume (Jahrgang 1976) hat Geschichte, Kulturwissenschaften und Journalistik studiert. Sie arbeitet seit 2005 als freie Texterin, PR-Beraterin und Theaterdramaturgin. Seit 2013 ist sie Pressesprecherin des Wartburgkreises in Thüringen. Sie hat bei zahlreichen Lese-, Radio- und Theaterveranstaltungen mit einer »lyrischen Zärtlichkeit des Lauschens und Staunens« dem Publikum so manches Gedicht neu eröffnet. 2017 hat sie auf DAS GEDICHT blog bereits die Online-Anthologie »Lyrik rettet den Montag« herausgegeben und hörbar gemacht. Gedichte der Autorin sind in diversen Anthologien zu finden, 2018 hat sie im Landstreicher Verlag den Wandkalender „Beginnende Tage“ mit Texten und Fotografien veröffentlicht.

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