Das knifflige Poesiepuzzle, Folge 2: Der Reim (Teil 1)

Achim Raven veröffentlicht in loser Folge am 13. eines Monats Überlegungen zu Möglichkeiten und Unmöglichkeiten des Gedichteschreibens. Im ersten Beitrag geht es um den Vers, der weder Zeile noch Satz ist und in der Ambivalenz seiner Möglichkeiten höchsten Scharfsinn oder aber bodenlose Dumpfheit befördern kann.

 

Der Reim

O Damon schöner mitgespan/
Den pfeiffen/ vnd schalmeyen
Vns lasset heut auff grünem plan
Den athem süß verleyhen.
Vns laßt mit bestem hirten-klang;
Mit best-gefügten reymen/
Daß meisterlich zun ohren prang/
Auff hirtisch weidlich leimen.

Friedrich Spee, Trutznachtigall, Halle a.d.S. 1936, S. 189

 

[…]„Kommt doch rüber!“ riefen uns in Gagra die tafelnden Arbeiter im großen Tanzpalast zu, die irgend etwas feierten, „wollt ihr nicht ‚rüberkommen?“ Aber zu diesem Zeitpunkt hatten wir alle schon zu viele Flaschen Wein und Cognak getrunken, und wir sprachen, georgische Arbeiter und deutsche Poeten – nun, über was schon?: Über die Poesie! Die sieben von zwölf- oder dreizehntausend des Metallurgischen Kombinats in Rustawi überboten sich gegenseitig in Rezitationen aus neuer und alter georgischer Lyrik, bis wir reimend zu Boden sanken. […]

Adolf Endler, Zwei Versuche über Georgien zu erzählen, Halle a.d.S. 1976, S. 58

 

1 Der Reim als Ärgernis

Klopstock verachtet solche Reimgelage:

Versk[unst]. Was ist denn das vor ein Gelärm, nach dem ihr euch umsehet?

Ch[oreus]. Der Reim will herein, und sie wollen es ihm nicht zulassen.
Reim. Ich will, und ich muß hinein! Kommt stehet mir bei, meine Begleiter. Ihr weiblichen müßt bitten; und ihr männlichen, ihr droht! Soll ich euch unter allen meinen Schaaren und Heeren umsonst ausgesucht haben? Helft ihr mir bald hinein? Kommt, kommt, Suaso-Naso, Mante-Tante, Duße-Fuße, Volto-Polto.
Der Jonier. Wer sind diese?

Didymäus. Es sind der Klingler, vor welchen die Redekunst zu warnen pflegt.

Reim. Trolle-Molle, L’ire-Bire, Fini-Crini-Bini, Omba-Tromba Bomba, Prime-Prime-Prime, Cia-Cia-Cia! Wo bleibt ihr, ihr männlichen? Kommt, steht mir bei, Krown-Own, Driv’n- Heav’n, Pours-Showrs, Strength-Length.

Did[ymäus]. Wo willst du hin, Jonier?

Jon.[ier]. Jch trete nur ein wenig zurück Die schreyende Eintönigkeit fährt mir durch alle Glieder.

Reim. Hurl’d-World, Spoke-Stroke, Wrong-Tongue, Sound-Round-Drow’nd. Endlich sind wir denn doch herein gekommen!

Versk[unst]. Was willst du hier, Reim?

Reim. Ich will mich in meiner musikalischen Größe zeigen! Will den Übelklang, den man mir andichtet, weil man Gras wachsen hört, und weil, ich weiß nicht welches alte Volk auch so gehört haben soll, ich will den erhorchten Übelklang, als Wohlklang ausrufen lassen. Das will ich hier!

Versk[unst]. Wohlklang, oder nicht; das Metrische gehet dich gar nichts an. Unterbrich uns jetzt nicht weiter. Komm wieder, so bald der Ausruf vor sich gegangen ist.

Reim. Ihr habt es gehört, und sollt’s bezeugen, Sound-Round-Drow’nd, Cia-Cia-Cia, daß sie mich nach dem Ausrufe verlassen will![1]

Johann Heinrich Voß variiert und pointiert die Aussage, indem er gleich die Probe aufs Exempel macht:

Kling
Klang
Singt;

Sing-
Sang
Klingt.[2]

Die schreyende Eintönigkeit kann auch Eintracht genannt werden. Wo Eintracht herrscht, ist Zwietracht nie fern und keimt stets schon die Niedertracht im Verborgenen. Eintracht beeinträchtigt. Familienfeiern, Stammtische und Jahreshauptversammlungen bestätigen dies. Deshalb haben derartige Veranstaltungen immer ein formelles oder informelles Reglement, das alles glättet und die Herrschaft der Eintracht sichern soll: Die Familienmitglieder versichern einander ihrer Zusammengehörigkeit. Weh dem, der diesen Versicherungsschutz entzogen kriegt. Der Stammtisch produziert gewaltige Zustimmungskaskaden, da haben Stänkerer keine Chance, bzw. wer keine Chance haben soll, ist eben ein Stänkerer. Auf der Jahreshauptversammlung wird eine gemeinsame Zukunft, wie immer auch die Bilanz ausfallen mag, als glanzvoll heraufbeschworen. Wer‘s nicht glaubt, wird auch nicht selig. Dabei gilt: Je lautstärker, desto Eintracht. Je Eintracht desto selbstbesoffen.

Dieser Harmoniezwang hat in der fiktionalen Welt zwei Pendants. Das eine ist der Krimi: Wie sehr die Welt auch durch das Verbrechen aus den Fugen gerät, die Berechenbarkeit der Verhältnisse bleibt trotz aller Blessuren gesichert. Wehe, der Fall bleibt am Ende ungeklärt, ambivalent, widersprüchlich! Dann hat der Krimi sein Ziel verfehlt.

Das andere Pendant ist der Reim: Sein Zwangscharakter, der sich in buchstäblicher Eintönigkeit offenbart, wird am deutlichsten in seiner nichtsnutzigsten Gestalt: als Schüttelreim.

 

2 Der Schüttelreim

Kommt dieser hell und schnell (Robert Gernhardt) daher, lässt man ihn sich gefallen, er ist verblüffend und lustig:

Du bist
Buddhist.

(anonym)

Kommt er aber auf gedrechselten Stelzen daher, erzeugt er Fremdscham. Wie bei Benno Papentrigk [=Anton Kippenberg]:

[…]
Da steigt an seinem Wiesenrand
Empor die erste Riesenwand;
Verfallner Schlösser Mauern trist
Der späte Blick mit Trauern mißt.
Manch Fräulein, um den Ritter bang,
Die Hände droben bitter rang;
Sie winkte von den Zinnen hoch
Ihm nach, wenn er von hinnen zog.
Im Tal die Mosel flimmernd schießt,
Sie kräuselt ihre Wellen heiter
Und eilet froh im Hellen weiter,
Bis in den Rhein sie schimmernd fließt.
[…][3]

Das ist nur noch ärgerlich. Wir lesen Wiesenrand und haben die Gewissheit, dass eine Riesenwand unweigerlich kommen muss. Wir lesen Mauern trist und haben die Gewissheit, dass ein Trauern mißt unweigerlich kommen muss. Wir lesen Ritter bang und haben die Gewissheit, dass ein bitter rang unweigerlich kommen muss. Das ist auf Dauer nicht auszuhalten. Der Schüttelreim ist selbstbesoffen und niederträchtig. Die klangliche Ähnlichkeit ist Anlass für sportlich verbissene Regelbefolgung. Syntax und Semantik werden zu diesem Zweck gnadenlos zurechtgebogen. Verquaste Inversionen (Verfallner Schlösser Mauern trist / Der späte Blick mit Trauern mißt), verhauene Metaphern (Im Tal die Mosel flimmernd schießt) sind unumgänglich. Und weil eh schon alles egal ist, schleichen sich auch Falschmeldungen ein, wie die, dass es über der Mosel nie dunkel wird (Wellen heiter / im Hellen weiter).
Die spezifische Gedankenlosigkeit des Schüttelreims war durchaus beliebt, als es noch den Bildungsbürger nebst Gattin gab. Man gab sich launigen, mit Bildungsgut befrachteten Konsonantenvertauschungsaktionen hin. Da durfte der Verstand im Stand-by-Betrieb laufen. Wie zum Beispiel bei Herrn Professor Weischedel:

[…]
Indes im Raum das Plätschern seines Bades hallt,
schaut Goethe, wie sich Nebel aus dem Hades ballt.
„Ach, Schiller ist es, er, der nie vergeßne Meister
des tiefen Denkens. Beide wir, vermeßne Geister,
wie nutzten dialogisch wir die Frist der Zweiheit,
wie überwuchsen wir uns in dem Zwist der Freiheit!
O Schiller, der du mich, wie keiner, hast gefaßt,
wie hab‘ ich dich geliebt zugleich und fast gehaßt!
Du sahst mich nackt. Hüllt‘ ich mich auch in Schimmer ein,
du schautest die Idee; der Rest war immer Schein.“
[…][4]

Solche Reimereien sind natürlich humoristisch gemeint und wurden seinerzeit auch so aufgefasst, galten vielleicht sogar als „leicht“. Womöglich aber war die Lage ernster als sie schien, der Geist musste einfach durch strikte Befolgung sturer Regeln im Gleis gehalten werden, denn er war damals so eine Art Dampflokomotive: Schwerfällig und von geringem Wirkungsgrad, einmal in Bewegung jedoch kaum aufzuhalten, mächtig unter Druck (stets droht Kesselzerknall!), und nicht zuletzt überall voll Schmierfett und Ruß. Dies würde die Blüte des Schüttelreims im Dampfmaschinenzeitalter erklären.

Während jedoch in Deutschland immer noch Dampflokomotiven unterwegs waren und tüchtig geschüttelreimt wurde, entstand in Frankreich Oulipo. Auch dort waren noch Dampflokomotiven in Betrieb, und es galten Zwangsregeln und Handicaps bei der sprachlichen Gestaltung. Mais quelle différence! Die contraintes (Zwänge) der Franzosen (z.B. Georges Perecs berühmter Roman La Disparition, in dem kein einziges e vorkommt) sind nicht ausgerichtet auf berechenbare Effekte, sie befördern vielmehr gerade die Unberechenbarkeit des künstlerischen Ausdrucks. Da kann ein Raymond Queneau auch mal eben Cent mille milliards de Poèmes (Hunderttausend Milliarden Gedichte) hinzaubern.

Die Abgeschmacktheit des Schüttelreims zeigt, aus welchen armseligen Verhältnissen der Reim überhaupt stammt. Er gehört zur Familie der Kalauer. (Was ist gelb und knallt? – Die Banone)

 

3 Der Kalauer

sorgt für schlichten, meist schlechten Spaß und benimmt sich oft daneben. Die Zote zählt zur engeren Verwandtschaft.

Ordnung in solch verzwickte Verwandtschaftsverhältnisse (Cissi Kraner) bringt der Begriff Paronomasie: Der bezeichnet in der Rhetorik Wortverbindungen, die eine Verbindung zwischen ähnlich (oder gleich) klingenden Wörtern herstellen, ohne dass vorab ein semantischer Zusammenhang besteht. Der wird erst im Nachhinein erzwungen. Und das gilt sowohl für den Schüttelreim wie für den Kalauer.

Kalauer:

Sagt ein Weißer zu einem Dunkelhäutigen: Du schwarz. Sagt der Dunkelhäutige: Ich weiß. (Nach einem Cartoon von Brösel)

Weiße Farbe und Wissen werden durch Klanggleichheit in einen semantischen Zusammenhang gezwungen.

Schüttelreim:

Wer andern eine Zange leiht,
vermisst sie oft für lange Zeit. (anonym)

Ein verliehenes Werkzeug und ein Zeitraum werden durch Klangähnlichkeit in einen semantischen Zusammenhang gezwungen.

Allerdings kann der Kalauer auch schon mal genial geraten:

Time flies like an arrow, fruit flies like a banana.

(Groucho Marx)

Was auf den ersten Blick als unsinniger rhetorischer Parallelismus erscheint („Die Zeit fliegt wie ein Pfeil, Obst fliegt wie eine Banane.“), erscheint auf den zweiten Blick kabarettmäßig doppelsinnig und erzeugt zustimmendes Lustigfinden: Ah ja, „flies“ heißt ja „Fliegen“ und „sie fliegen“, und „like“ heißt ja „wie“ und „sie mögen“, und „fruit flies“ heißt ja „Obst fliegt“ und „Fruchtfliegen“. Was der Groucho Marx auch immer für Einfälle hat, köstlich! Aber ehrlich gesagt, Sinn ergibt das ja immer noch nicht. Ist eben doch bloß so‘n blöder Kalauer wie „Kuchen backen“ und „Arschbacken“. Für viele ist spätestens hier Ende der Fahnenstange. Dabei geht es mit dem dritten Blick erst richtig los: Der Satz hat zwei Bedeutungen, jeweils zur Hälfte sinnvoll und zur Hälfte unsinnig. Erstens: „Die Zeit fliegt wie ein Pfeil, Obst fliegt wie eine Banane.“ Zweitens: „Zeitfliegen mögen einen Pfeil, Fruchtfliegen mögen eine Banane.“ Die sinnvollen Teile lassen sich zusammenfügen, und ergeben eine leidliche Aussage: „Die Zeit fliegt wie ein Pfeil, Fruchtfliegen mögen eine Banane.“ Diese Aussage ist sinnvoll, aber banal, überdies inkohärent: Was hat ein philosophisches Bild zu tun mit einer biologischen Tatsache? Das Sein ist, das Huhn ist stets aufmerksam? – Was soll das! Aber auch die unsinnigen Teile lassen sich zusammenfügen: „Die Zeitfliegen lieben einen Pfeil, Obst fliegt wie eine Banane.“ Hier ist die Inkohärenz das geringste Problem, weil schon die Semantik der beiden Sätze absurd ist. Weder die Kombination Sinn, Unsinn / Sinn, Unsinn noch die Kombination Sinn / Sinn, Unsinn / Unsinn erweist sich als besonders ergiebig, aber beide Kombinationen eröffnen dem vierten Blick eine weitere Wahrnehmung: Wie kommt es, dass der erste Blick, sei er auch schon leicht irritiert, auf „Die Zeit fliegt wie ein Pfeil, Obst fliegt wie eine Banane“ kommt und dann erst auf die anderen Möglichkeiten? Der Grund kann nur darin liegen, dass für die unmittelbare sprachliche Wahrnehmung die Rhetorik als Bedeutungsträger gleichberechtigt neben der Semantik steht. Die parallele Struktur (x flies like y) wird schneller erfasst als die semantischen Schichten, und kurzschlüssig wird das flies like / fliegen wie auf den zweiten Satz übertragen. Und erst im zweiten Schritt wird die alternative und viel sinnvollere Bedeutung des zweiten Satzes bewusst, die dann im dritten Schritt rückübertragbar auf den ersten Satz wird. Verstehen hat also das Erfassen der gesamten Struktur zur Voraussetzung, die auch den Banalitäten und Absurditäten ihre Funktion zuweist.[5]

Der Kalauer erweist sich in diesem Ausnahmefall als virtuoses Spiel mit der Dialektik von Sinn und Unsinn. So wird er zum Medium der Antikunst, die von Dada über Beckett bis Pop die Kunst so lange getriezt hat, bis beide bis zur Ununterscheidbarkeit ineinander verschmolzen sind. Kurzum: Groucho Marx versteht sich auf die Transmutation von Trödelkram in Kunst.

Dass auch dem Schüttelreim solche Sternstunden vergönnt sind, ist zumindest nicht auszuschließen…

 

4 Vorläufiges Resümee

Der Reim tut gern so, als wäre er etwas Besseres, er gehört schließlich zu den Kabinettstücken der Verskunst. Doch ist und bleibt er ein Parvenü, ein Kalauer im Maßanzug. Aber es heißt ja, dass Kleider Leute machen. Und tatsächlich:

Gebirgig schuf dich Gott und klösterreich,
Tibet des Okzidentes, Österreich.[6]

Hier wird durch die Klangleichheit ein semantischer Zusammenhang zwischen Katholizismus und Alpenland nicht erzwungen, sondern offengelegt.

(Fortsetzung folgt)

 

[1] Friedrich Gottlieb Klopstock, Grammatische Gespräche. Erste Abtheilung. Die Kühr. Siebentes Gespräch, sämmtliche Werke, neunter Band, Leipzig 1855. S 200f
[2] Johann Heinrich Voß, Klingsonate 1. Grave., Ausgewählte Werke, Göttingen 1996, S. 157
[3] Benno Papentrigk, Moselfahrt (Auszug), in: Die schönsten Schüttelgedichte gesammelt und herausgegeben von Manfred Hanke, Stuttgart 1967 (DVA), S. 32 f
[4] Wilhelm Weischedel, Lotteleien fern von Weimar, (Auszug) in: Die schönsten Schüttelgedichte, a.a.O. gesammelt und herausgegeben von Manfred Hanke, Stuttgart 1967 (DVA), S. 58 ff
[5] vgl. Achim Raven, Plappern Macht Schule, Düsseldorf 2017 (onomato), S. 103 f
[6] Peter Hacks, Werke Band 1 Die Gedichte, Berlin 2003 (Eulenspiegel – Das Neue Berlin), S. 315

 

 

Achim Raven

Achim Raven (Foto: privat)

Achim Raven, geboren 1952 in Düsseldorf, hat von 1984 bis 2015 unter dem Pseudonym Ferdinand Scholz einige Bücher mit Lyrik und Prosa veröffentlicht.
Seither veröffentlicht er unter seinem richtigen Namen, zuletzt: Plappern – Macht – Schule Zwischenbemerkung zu Schule und Sprache, Düsseldorf 2017, onomato verlag. Er hat 40 Jahre an Gymnasien Deutsch, Philosophie und Kunst unterrichtet und 10 Jahre literarisches Schreiben an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf.

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