Das knifflige Poesiepuzzle, Folge 5: Unfug

Achim Raven veröffentlicht in loser Folge am 13. eines Monats Überlegungen zu Möglichkeiten und Unmöglichkeiten des Gedichteschreibens. Im ersten Beitrag geht es um den Vers, der weder Zeile noch Satz ist und in der Ambivalenz seiner Möglichkeiten höchsten Scharfsinn oder aber bodenlose Dumpfheit befördern kann.

 

Unfug

Gedichte sind Unfug. Unfug ist zum einen die Weigerung, sich zu fügen, zum anderen mutwilliges Handeln ohne Vor- und Rücksicht. Gern wird dem Unfug immer noch das Attribut grob verpasst, damit ist die Belästigung der Allgemeinheit gemeint, nach deutschem Recht eine Handlung, die geeignet ist, den äußeren Bestand der öffentlichen Ordnung unmittelbar zu stören oder zu beeinträchtigen, so dass die Öffentlichkeit belästigt wird. (Wikipedia)

Gedichte sind Unfug, weil sie mit der Macht nicht zurechtkommen und diese nicht mit ihnen, sogar wenn sie die Macht mit mächtigen Worten verherrlichen sollen. Denn Gedichte sind so ohnmächtig, dass es wehtun könnte. Sachen wie Die Wacht am Rhein (→ Anhang 1) stehen auf tönernen Füßen. Macht bekommen sie allein durch melodisches Männergebell bei todernsten Anlässen. Gedichte haben das Problem, dass sie keine Machtworte sind. Dichter*innen, die das vergessen, machen sich lächerlich, wie jener Max Schneckenburger, der Die Wacht am Rhein gedichtet hat. Diese Dichter*innen wollen freudig sich fügen und treiben ohne Vor- und Rücksicht groben Unfug.

Jenseits der Gedichte ist der Sprachgebrauch durchsetzt von Machtworten. Sätze sind immer auch Handlungen, die Konsequenzen haben. Deshalb ist die Sprache so ein wichtiges Machtmittel für Militär, Familie, Wirtschaft, Religion: Befehl, Zwangsemotionalisierung, Zweckrationalismus, Liturgie.

Das eigentümlichste sprachliche Machtinstrument aber ist die Information: Sie übt keinen unmittelbaren Zwang aus, sie erweitert das Wissen und überlässt das Weitere dem Entscheidungsvermögen der Informierten. Und jede*r, der/die Informationen hat, darf informieren. Das ist alles sehr demokratisch, aber zugleich auch ein Machtspiel. Ich informiere euch: Subjekt, Prädikat, Objekt, zackzackzack. Am Ende seid ihr die Informierten. (Fast scheint es, als gäbe es einen Zusammenhang zwischen Information und Lackmeierung.) Gibt es irgendwo einen Staat, der nicht ein gewaltiges Interesse an der Regulierung von Informationsflüssen hätte? Der Zwang der Informationsgesellschaft ist nicht mehr die archaische Gewalt, die die Unversehrtheit des Leibes bedroht (diese bleibt als Grundlage jeglicher Macht gleichwohl unhintergehbar), dieser Zwang sickert in den Leib ein und erzeugt Selbstzurichtung: Bin ich nicht hinreichend informiert, muss ich mich informieren, damit ES, was immer das sei, mich nicht unvorbereitet trifft. Sonst wäre ES nämlich meine eigene Schuld! Damit wird auch der Informationshunger erzeugt: Ich muss mich informieren, sonst falle ich aus meinem System. Gebt mir Informationen, damit ich bleiben darf, wo und was ich bin.

Die freie Information ist ein Paradox: Sie ist die Grundbedingung freier Kommunikation, indem sie es Menschen möglich macht, sich vernünftig über Sachverhalte auszutauschen, und zugleich ist sie ein Machtspiel, das Gewinner*innen und Verlierer*innen produziert. Die Informationsgesellschaft ist nicht das Reich der Freiheit, ihr Leitmedium, das Internet, nicht die Praxis herrschaftsfreier Kommunikation. Ihre Abschaffung aber wäre ein Rückfall in ein Mittelalter, von dessen Finsternis das historische Mittelalter gleißend abstäche.

Gedichte sind Unfug, weil sie sich nicht in die Verfahrensweisen von Information und Kommunikation fügen. Sie sind aber auch das Gegenteil von Barbarei. Zum einen, weil sie so ohnmächtig sind, zum anderen, weil ihre Verweigerung von Information und Kommunikation nicht dumpfem Ressentiment entspringt, sondern einem produktiven Eigensinn. Gedichte bringen nichts zur Sprache. Es ist Aufgabe des Journalismus, Sachen zur Sprache zu bringen. In Gedichten kommt die Sprache zur Sache, indem sie in einer Art chemischem Prozess Worte mit der Wirklichkeit reagieren lassen. Solche Reaktionen würden durch Fügsamkeit verhindert.

Sich fügen heißt lügen!, heißt es in Erich Mühsams Gedicht Der Gefangene. (→ Anhang 2) Nebenbei: Bei allem Zorn und allem Pathos versucht sich Mühsam im Gegensatz zu Max Schneckenburger nicht an Machtworten, er halluziniert sich nicht in einen Rausch von Omni- und Präpotenz hinein, Mühsam formuliert das Trotz Alledem der von der Macht Ausgeschlossenen. Der Unterschied von Mühsam und Schneckenburger ist der von Han Solo und Darth Vader. Aber das – wie gesagt – nur nebenbei. Wenn aber sich fügen lügen heißt, muss die Wahrheit mit dem Unfug sein, der Verweigerung von Information und Kommunikation. Das heißt nicht, dass in Gedichten die Wahrheit steht. Die steht sowieso nirgendwo geschrieben, die erschließt sich höchstens, und zwar eher aus dem Unfug als aus den Machtworten. Da das Gedicht nichts ab- und verhandelt, muss es die Gestalt des Monologs haben. Sehr frei kann man Monolog durchaus auch mit Eigensinn übersetzten. Überdies ist der Monolog nicht nur Selbstgespräch, sondern auch eine Kunstform, die immer an Adressat*innen gerichtet ist. Er entsteht, wenn der permanente innere Fluss von assoziierten Gefühls- und Gedankenfragmenten sich artikuliert. Das innere Rauschen und Flimmern muss sich entkörperlichen, also äußern, dazu kann es nur die Zeichensysteme benutzen, die die Konvention bereitstellt, sonst ginge die Äußerung ins Leere. Diese Äußerung kann kein distanziertes Sprechen über etwas sein, sie ist Ausdruck des ungeschiedenen Inneren im Spiel der Vorstellungen und Lautbilder, die – einmal geäußert – mit der Wirklichkeit reagieren. Die primäre Reaktion darauf ist Irritation, denn was so entsteht, ist buchstäblich unerhört. Deshalb lachen, weinen oder staunen wir, bevor wir uns an die Verstehensarbeit machen können. Diese Verstehensarbeit können wir tatsächlich leisten, denn die Artikulation ist ja, wenn auch nicht immer verständlich, so doch verstehbar.

Mit seiner Verstehbarkeit steht und fällt das Gedicht. Dabei sind deren Grenzen äußerst flexibel, denn die Verstehbarkeit hängt ja nicht nur von den Produzierenden ab, sondern auch von den Rezipierenden, das konventionelle System Sprache bilden beide Seiten gemeinsam. Damit ist der Monolog von vorn herein Teil des gesamtsprachlichen Geschehens und der Unfug immer schon Bedeutungsträger. Nur Verstehbares kann die Kommunikation verweigern. Unverstehbares bleibt autistisch, es kann nicht negieren. Dass für Manche das unverständliche Verstehbare geeignet ist, den äußeren Bestand der öffentlichen Ordnung unmittelbar zu stören, ist nachvollziehbar.

Gedichte sind also ein erhabener Unfug, aber nichts für empfindsame Gemüter. Es ist wie beim Kuchenbacken: der angerührte Teig mit seinen schwer verdaulichen Zutaten muss in die ihm gemäße Form gegeben und dann unter kontrollierter Energiezufuhr ausgebacken werden. D.h. Die eigentliche Arbeit beim Schreiben wie beim Lesen der Gedichte ist die an der Form. Dazu braucht es eine emotionale Robustheit. Wer, im Überschwang der Gefühle, nur vom Brei der rohen Zutaten nascht, verdirbt sich den Verstand und die Gefühle.

Zum Schluss ein Gruß aus der Unfugbäckerei:

Wunsch Dichter zu werden sehr dicht an Franz Kafka

Wenn man doch ein Dichter wäre gleich bereit
Und auf jagenden Versen schief in der Luft
Immer wieder kurz erzitterte über den zitternden Worten
Bis man das Metrum ließ
Denn es gab kein Metrum
Bis man die Verse wegwarf
Denn es gab keine Verse
Und kaum den Text vor sich
Als glatt geschliffene Sprachfläche sah
Schon ohne Wörter und Sätze

(→ Anhang 3)

 

 

Anhang 1: Max Schneckenburger, Die Wacht am Rhein

(Quelle: Wikipedia)

Es braust ein Ruf wie Donnerhall,
Wie Schwertgeklirr und Wogenprall:
Zum Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein!
Wer will des Stromes Hüter sein?

Refrain:
Lieb’ Vaterland, magst ruhig sein,
Fest steht und treu die Wacht, die Wacht am Rhein!

Durch Hunderttausend zuckt es schnell,
Und Aller Augen blitzen hell,
Der deutsche Jüngling, fromm und stark,
Beschirmt die heil’ge Landesmark.

Refrain

Er blickt hinauf in Himmelsau’n,
Wo Heldengeister niederschau’n,
Und schwört mit stolzer Kampfeslust:
„Du Rhein bleibst deutsch wie meine Brust.“

Refrain

„Und ob mein Herz im Tode bricht,
Wirst du doch drum ein Welscher nicht;
Reich wie an Wasser deine Flut
Ist Deutschland ja an Heldenblut.“

Refrain

„Solang ein Tropfen Blut noch glüht,
Noch eine Faust den Degen zieht,
Und noch ein Arm die Büchse spannt,
Betritt kein Feind hier deinen Strand.“

Refrain

Der Schwur erschallt, die Woge rinnt,
Die Fahnen flattern hoch im Wind:
Zum Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein!
Wir Alle wollen Hüter sein!

Refrain

 

 

Anhang 2: Erich Mühsam, Der Gefangene (August 1919)

(Quelle: Erich Mühsam, Sammlung, Berlin o.J., S. 179)

Ich hab’s mein Lebtag nicht gelernt,
mich fremdem Zwang zu fügen.
Jetzt haben sie mich einkasernt,
von Heim und Weib und Werk entfernt.
Doch ob sie mich erschlügen:
Sich fügen heißt lügen!

Ich soll? Ich muß? — Doch will ich nicht
nach jener Herrn Vergnügen.
Ich tu nicht, was ein Fronvogt spricht.
Rebellen kennen bessre Pflicht,
als sich ins Joch zu fügen.
Sich fügen heißt lügen!

Der Staat, der mir die Freiheit nahm,
der folgt, mich zu betrügen,
mir in den Kerker ohne Scham.
Ich soll dem Paragraphenkram
mich noch in Fesseln fügen.
Sich fügen heißt lügen!

Stellt doch den Frevler an die Wand!
So kann’s euch wohl genügen.
Denn eher dorre meine Hand,
eh ich in Sklavenunverstand
der Geißel mich sollt fügen.
Sich fügen heißt lügen!

Doch bricht die Kette einst entzwei,
darf ich in vollen Zügen
die Sonne atmen — Tyrannei!
Dann ruf ich’s in das Volk: Sei frei!
Verlern es, dich zu fügen!
Sich fügen heißt lügen!“

 

 

Anhang 3: Franz Kafka, Wunsch, Indianer zu werden

(Quelle: Franz Kafka, Erzählungen, Frankfurt/Main 1986, S. 34f)

Wenn man doch ein Indianer wäre, gleich bereit, und auf dem rennenden Pferde, schief in der Luft, immer wieder kurz erzitterte über dem zitternden Boden, bis man die Sporen ließ, denn es gab keine Sporen, bis man die Zügel wegwarf, denn es gab keine Zügel, und kaum das Land vor sich als glatt gemähte Heide sah, schon ohne Pferdehals und Pferdekopf.

 

© Achim Raven

 

 

Achim Raven

Achim Raven (Foto: privat)

Achim Raven, geboren 1952 in Düsseldorf, hat von 1984 bis 2015 unter dem Pseudonym Ferdinand Scholz einige Bücher mit Lyrik und Prosa veröffentlicht.
Seither veröffentlicht er unter seinem richtigen Namen, zuletzt: Fehlgänge – Dreizehn Geschichten von der Rückseite des Möbiusbandes, Düsseldorf 2019, edition virgines. Er hat 40 Jahre an Gymnasien Deutsch, Philosophie und Kunst unterrichtet und 10 Jahre literarisches Schreiben an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf.

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