Das knifflige Poesiepuzzle, Folge 6: Unfug (Nachtrag: Schlagkraft)

Achim Raven veröffentlicht in loser Folge am 13. eines Monats Überlegungen zu Möglichkeiten und Unmöglichkeiten des Gedichteschreibens. Im ersten Beitrag geht es um den Vers, der weder Zeile noch Satz ist und in der Ambivalenz seiner Möglichkeiten höchsten Scharfsinn oder aber bodenlose Dumpfheit befördern kann.

 

Unfug (Nachtrag: Schlagkraft)

Es ist schön, wenn das knifflige Poesiepuzzle gelesen wird. Noch schöner ist es, wenn sich bei der Gelegenheit herausstellt, dass ein Thema mehr hergibt als es zunächst den Anschein hat. Denn ein Aufsatz ist kein Gedicht und also kein Monolog, sondern auf Wechselrede angelegt. Wenn das Angelegte auch allzu oft liegen bleibt.

Dass Gedichte – wie alle Kunst – Unfug sind, buchstäblich nichtsnutzig, erklärt sich aus ihrem grundsätzlichen Mangel an Verwertbarkeit. Sie sind mutwillig ohne Vor- und Rücksicht. Selbst in Warenform gebracht, taugen sie nur ausnahmsweise.

Bei solchem Unfug ist jedoch genauer hinzusehen: Der künstlerische Mutwille ist nicht bloß ein kindischer Übermut, sonst wäre jeder Tweet, den jemand im (ich-)besoffenen Kopf raushaut, ein Kunstwerk. Der künstlerische Mutwille steht in einem besonderen logischen Zusammenhang: Die Gleichsetzung von Kunst und Unfug bezeichnet zunächst einmal die soziale Funktion der Kunst, sie bezeichnet aber zugleich eine Anforderung an den Unfug, ohne die die Gleichsetzung nicht möglich wäre: Wenn Kunst Unfug ist, muss dieser Unfug auch kunstvoll sein.

Und wenn man noch genauer hinschaut, stellt sich heraus, wie sehr die Grenze zwischen dem kindischen Übermut und dem künstlerischen Mutwillen verwischt. Wie so oft erweist sich die scheinbar klar gezogene Grenzlinie in den Details als fließender Übergang.

Der Klingelstreich, den ein paar Achtjährige aushecken, geht bereits über den kindischen Übermut hinaus, er ist ein kleines Kunstwerk, das sorgsam inszeniert sein will: Das Haus darf wegen der Anonymität nicht in unmittelbarer Nachbarschaft liegen. Die Klingel sollte nicht zu einer Parterrewohnung gehören. Das Opfer des Klingelstreichs muss mit Bedacht ausgewählt werden, am besten ein garstiger Mensch, der auch ein bisschen furchteinflößend ist. Vor allem aber muss es einen guten Fluchtweg zu einem nahegelegenen Versteck geben, um die Folgen der Aktion beobachten und die kleine Selbstermächtigung in der Magie des Augenblicks genießen zu können. Wer möchte, kann hierin Nietzsches dionysischen Ursprung der Kunst wiedererkennen:

 

Wir reden über Poesie so abstrakt, weil wir alle schlechte Dichter zu sein pflegen. Im Grunde ist das ästhetische Phänomen einfach; man habe nur die Fähigkeit, fortwährend ein lebendiges Spiel zu sehen und immerfort von Geisterscharen umringt zu leben, so ist man Dichter […] (Die Geburt der Tragödie)

 

Wer möchte, kann, niemand muss das so sehen. Wesentlich ist vielmehr, dass im kindischen Übermut bereits Poesie, Keim eines künstlerischen Mutwillens, stecken kann und dass umgekehrt in Kunstwerken sich sublime Reste des kindischen Übermuts finden, selbst bei völlig unkindischen Dichtern wie Rilke:

 

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gieb ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.
[…]

 

Unter der edlen Melancholie dieses Gedichts regt sich merklich die Kleinejungsphantasie vom Großundstarksein: Allein schon den Herrn zu drängen, es wäre wohl doch mal an der Zeit. Das ist wie den gefürchteten Lehrer heimlich beim Vornamen zu nennen und sich gleichzeitig mit ihm zu identifizieren, denn der Herr ist ein mächtiger Onkel. Andere Kinder wünschen sich einen Fußballstar zum Onkel oder Efraim Langstrumpf als Papa. Der mächtige Onkel beherrscht die Elemente und soll den Früchten sagen: „Jetzt seid aber gefälligst mal voll, ich lass euch dazu auch noch ein bisschen Sonne scheinen. Und bitteschön vollendet euch allmählich mal, ich geb euch dann den Rest bzw. jage die Restsüße in euch rein …“ Und schwerer Wein übt auf kleine Jungs ja auch so einen speziellen Reiz aus, wie jeder Pfarrer weiß, der den Messwein einmal nicht sorgfältig genug weggeschlossen hat.

Kurzum, ein Unfug, der nicht folgenlos im kindischen Mutwillen verpuffen soll, muss stabil gefügt sein. Nun erscheint „gefügter Unfug“ aber als Widerspruch. Nur dass der Satz vom Widerspruch hier nicht gilt, denn gefügter Unfug ist kein eckiger Kreis. Vielmehr bezieht sich der Unfug ja auf die Wirkung und das Gefügt auf die innere Beschaffenheit des Gebildes. Es handelt sich also nicht um einen Widerspruch, sondern um ein Oxymoron, das hier zweierlei zum Ausdruck bringt:

Erstens zeigt es die Dialektik (wechselseitige Hervorbringung durch Negation) von Kommunikationsfähigkeit und Kommunikationsverweigerung, die es ermöglicht, für einen ephemeren Augenblick sich exterritorial zum öffentlichen Diskurs zu verhalten und gleichzeitig Teil dessen zu bleiben. Diese Dialektik bringt Karl Kraus in der nur vier Seiten umfassenden Fackel 888 vom Oktober 1933 zur Geltung, seine erste öffentliche Reaktion auf die nationalsozialistische „Machtergreifung“ vom Januar 1933, also nach einem Dreivierteljahr des Schweigens:

 

Man frage nicht, was all die Zeit ich machte.
Ich bleibe stumm;
und sage nicht, warum.
Und Stille gibt es, da die Erde krachte.
Kein Wort, das traf;
man spricht nur aus dem Schlaf.
Und träumt von einer Sonne, welche lachte.
Es geht vorbei;
nachher war’s einerlei.
Das Wort entschlief, als jene Welt erwachte.

 

Der letzte Vers dieses Gedichtes ergäbe keinen Sinn als Beitrag im öffentlichen Diskurs, hier wäre er bloß Geplapper.
Zweitens, um auf das Backbeispiel des letzten Poesiepuzzles zurückzukommen, macht das Gefügte des Unfugs die schwer verdaulichen Zutaten bekömmlich. Vor allem aber – und hier beginnt der Vergleich mit der Bäckerei sofort zu hinken – um das Produkt stabil zu machen, damit es beim Aufprall auf die äußere Wirklichkeit nicht zerbröselt. Auch das empfindsamste Gedicht braucht Schlagkraft. Die Schlagenergie (auch Schlagkraft) ist die kinetische Energie, welche frei wird, wenn ein Körper auf einen anderen auftrifft. Sie wird in Joule angegeben, weiß Wikipedia. Die Schlagkraft eines Gedichts ist eine Metapher und kann nicht in Joule angegeben werden. Sie bezeichnet auch nicht die Energie, welche frei wird, wenn z.B. ein Hammer auf einen Amboss auftrifft. Sie bezeichnet vielmehr die Energie, die notwendig ist, damit das Gedicht erstens nicht an der Wirklichkeit zerbricht und darüber hinaus zweitens einen Eindruck hinterlässt. Die Schlagkraft eines Gedichts bezeichnet also das Potenzial, das seine Folgenlosigkeit verhindert, sein sang- und klangloses Verschwinden.
Diese Schlagkraft gewinnt es, indem die Sprache zur Sache kommt und nicht wie im Diskurs eine Sache zur Sprache gebracht wird. Im aktuellen Heft von DAS GEDICHT finden wir auf S. 40 ein Gedicht von Angela Lohausen, leise, doch voller Schlagkraft:

 

sommertonie

vielhändiges spiel
auf regendächern
pappeln tragen
melodien durch den sturm
gegen den takt
tropft
die dachrinne
seit stunden probt
die welt im vogel
den sommer

 

Die Zutaten sind – bis auf das Wortspiel der Überschrift – elementar und bewährt: Jahreszeit, Wetter, Tier, Pflanze, Haus, Musik. Doch wird hier weder vom Wetter geredet noch von Zoologie oder Botanik, es geht auch nicht um die Vorzüge von Feldaufnahmen oder musique concrète. Hier werden keine Themen verhandelt, auch wenn das Gedicht thematisch eingeordnet werden kann. Hier wird nichts zur Sprache gebracht, hier kommt die Sprache zur Sache, deshalb gibt die Dichterin dem einzelnen Wort auch so viel Raum. Der Anlass ist banal: Ein verregneter, stürmischer Frühsommertag, ein Vogel singt. Die Wortwahl aber stellt Zusammenhänge her, die der Anlass nicht hergibt: Das Gepladder auf den Dächern wird zum vielhändigen Spiel – das vierhändige Spiel klingt an: wohl die intimste Form des Musizierens –, die Pappeläste werden zu mächtigen Äolsharfen, die Dachrinne sorgt für Polyrhythmik. Vor diesem Hintergrund offenbart sich im Gezwitscher eine personalisierte, d.h. mythische Welt, die das Anbrechen des Sommers probt. Der Vogel ist ihr Prophet. Damit beweist dieses sanfte Gedicht seine Schlagkraft: Es setzt der Langeweile eines verregneten Frühsommertags etwas entgegen, was noch nicht da war, damit kann es gegen die Wirklichkeit bestehen, und es hinterlässt einen Eindruck, denn wer das Gedicht gelesen oder vielleicht sogar gesprochen hat, hat beim nächsten Regen die Möglichkeit, anders hinzuhören. Der Einwand, dieses Gedicht sei doch nur eine weitere Variante von Eichendorffs Wünschelrute und sage mitnichten etwas, das noch nicht da war, trifft zu und geht dennoch daneben: Zwar hebt hier in der Tat die Welt an zu singen, weil ein Zauberwort getroffen wurde, aber so, wie es hier gesagt ist, kann es nur hier gesagt werden. Die Schlagkraft des Gedichts (und überhaupt des Kunstwerks) besteht zuletzt darin, dass es in dem Moment verloren ginge, wo es zum Exemplar einer Spezies würde.

 

© Achim Raven

 

 

Achim Raven

Achim Raven (Foto: privat)

Achim Raven, geboren 1952 in Düsseldorf, hat von 1984 bis 2015 unter dem Pseudonym Ferdinand Scholz einige Bücher mit Lyrik und Prosa veröffentlicht.
Seither veröffentlicht er unter seinem richtigen Namen, zuletzt: Fehlgänge – Dreizehn Geschichten von der Rückseite des Möbiusbandes, Düsseldorf 2019, edition virgines. Er hat 40 Jahre an Gymnasien Deutsch, Philosophie und Kunst unterrichtet und 10 Jahre literarisches Schreiben an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf.

3 Kommentare

  • Hallo Achim, Deine Interpretation des Rilke-Gedichts ist originell: kindlich – und Rilke blieb lebenslang in einer ganz spezifischen Weise Kind. – Doch der zweite Teil des Gedichts ist dann sehr erwachsen und schildert die Einsamkeit des eben noch so kindlich-fordernd Betenden: „… Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben!“ – Die Erfahrung, wenn der Sommer keine Liebe brachte, dass dann eine dunkle Jahreszeit kommt mit ‚Wachen, Lesen, LangeBriefeschreiben‘ – und unruhigem Auf-und Ab-Wandern „in den Alleen … wenn die Blätter treiben:“
    Anders gesehen: „Herr es ist Zeit!…“ – Das hat auch was Prometheisches: „Bedecke Deinen Himmel, Zeus!“

  • Ich habe das Puzzle noch ein wenig weiter getrieben. Geht jetzt so:
    Prometheus im Herbst.
    Bedecke deinen Himmel, Herr, mit Wolken
    Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren
    Und übe Knaben gleich, der Disteln köpft
    An Eichen dich und Bergeshöhn
    Und auf den Fluren lass die Winde los:
    Musst mir meine Erde doch lassen stehn
    Und meinen Herd, um dessen Glut
    Du mich beneidest…
    – Knirscht doch nur ein ganz kleines bisschen, aber so zu annähernd 90 % passt es doch.
    Oder?
    Ich bin überzeugt, wenn man das so mit Emphase vorträgt, merken die meisten heutigen Zuhörer nix!

    • Lieber Horst,
      Rilke mit Goethe zu kombinieren ist großartig, ganz in meinem Sinne! Ich glaube ja heimlich, dass Goethe Zeit seines Lebens unter anderem auch ein gewaltiger Kindskopf war, wenn allein schon im „Faust“ der goldne Baum des Lebens grün ist oder Mephistopheles sich von den den Engeln unziemlich betören lässt. („Sie wenden sich – von hinten anzusehen! – / Die Racker sind doch gar zu appetitlich!“). Überhaupt haben Faust und Mephisto ja etwas von Jack Lemmon und Walter Matthau …
      In diesem Sinne, schöne Grüße
      Achim

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