Das Zittern der poetischen Kompassnadel: Marcus Neuerts neuer Gedichtband »Irrfahrtenbuch«

rezensiert von Hellmuth Opitz

Der 1963 in Frankfurt am Main geborene, in Offenbach und Stuttgart aufgewachsene und seit 2010 in der ostwestfälischen Stadt Minden lebende Lyriker und Prosaautor Marcus Neuert schreibt sich seit nunmehr 15 Jahren so allmählich wie beharrlich in die öffentliche Wahrnehmung zeitgenössischer Gegenwartsdichter ein. Das zeigen Veröffentlichungen im »Jahrbuch der Lyrik« und Auszeichnungen wie der postpoetry-Preis des Landes NRW 2014. Wer nun einen Band mit dem Titel »Irrfahrtenbuch« vorlegt, ist sich bewusst, dass die Assoziation zu Homers Epos »Odyssee« geradezu auf der Hand liegt. Subtile Anspielung ist da also nicht, wenngleich der Titel weit über den griechischen Sagenmythos hinausreicht. Das weiß Marcus Neuert nur zu genau und nutzt die bildhafte Folie dieser Sage als Untergrund zu einem lyrischen Parforceritt, der dem Leser Mund und Nase aufsperrt: »in der Regel / kommt Penelope weit herum und ist erst nach Odysseus/ zu Hause. Hast du dich gelangweilt, Liebster, bei Welt-/ männergesprächen und illegalen Weinbergschnecken-/kämpfen?«

So kopfüber springt Neuert in ein Gedicht, und teilt damit die Flut eines Bilderreichtums, die auch gerne mal einen schönen Kalauer anschwemmt wie etwa »dass Sisyphos niemals ein Freund der Rolling Stones werden wird.« Obwohl dieses Gedicht »in der Regel« heißt, stellt es doch einige Regeln auf den Kopf, von den klassischen Geschlechterrollen – Penelope als wartende Gattin, Odysseus als Spätheimkehrer – ganz zu schweigen. Und Homer kriegt auch gleich sein Fett weg: »Wie eine Schwalbe einen Sommer macht, so fügt sich sein/ Gedicht aus zweieinhalbtausend zerkauten Romananfängen./ In der Regel ist Odysseus dann aber bereits sinnlos/ betrunken.« So poetisch gegen den Strich gebürstet habe ich jedenfalls die Odyssee noch nicht gelesen. Die Lust am Fabulieren springt aus vielen Versen dieses Gedichtbands, doch Marcus Neuert achtet schon sehr darauf, das dies nicht zum Selbstzweck wird und sich im hingemurmelten Mantra hermetischer Zaubersprüche erschöpft. Seine Gedichte sind welthaltig und eröffnen dem Leser bereitwillig Zugänge – und das, ohne sich durch profanes Entertainment anzubiedern.

Die Komposition des Bandes erschließt sich nur formal auf den ersten Blick. Es gibt drei Kapitel, zwischen den Gedichten ziehen sich lyrische Kurzprosa-Texte in loser Folge durch alle Blöcke. Inhaltlich gibt es kapitelübergreifende Überschneidungen. Sowohl das Kapitel »eines Morgens kam Wind auf« als auch der Block »in diesem spröden Landstrich« enthalten sowohl lyrische Naturwahrnehmungen als auch verdichtete Reiseeindrücke. Es gibt da nicht unbedingt eine thematische Trennschärfe, ein Gefühl für die Komposition des Bandes will sich daher nicht recht einstellen. Stattdessen benennt ausgerechnet der Klappentext die inhaltlichen Parameter, die den Band im Kern bestimmen: »Das Hineingeworfensein ins Leben«, »Die Details, die uns überall gefangennehmen«, »Die Gefährlichkeit des Alltäglichen«, »Die Schatten der Gegenwart«, »Das Lähmende der Zukunft« und nicht zuletzt »Die Möglichkeiten der Vergangenheit.« »Ja, so könnte eine Odyssee aussehen,« heißt es im Klappentext weiter und man möchte ergänzen »ja, so hätte eine Gliederung des Bandes auch aussehen können.«

Aber wenden wir uns wieder der Poesie zu, für die Anordnung, Reihenfolge, Staffelung der Gedichte im Band eher zweitrangig sind. Charakteristisch für den Stil von Neuert sind die ausdrucksstarken Bilder, die er wie Perlen auf eine Schnur zieht wie z.B. in dem Gedicht »Dreisamtal bei Lehen«: »Wind spielt die Harfe/ der Überlandleitungen/ die Drähte zerschälen den Himmel/ Segment um Segment//«, heißt es dort in der zweiten Strophe und zielgenau läuft der Flow der evozierten Bilder auf den entscheidenden Moment zu: »…schnurgerade bis zum Horizont/ schwirren Mücken unablässig/ die liegende Acht der Unendlichkeit//«. Nun kann man sich darüber streiten, ob das Wort »unablässig« oder die »Unendlichkeit« wirklich nötig sind, weil das alles mit dem Bild der schwirrenden Mücken und dem mathematischen Zeichen für Unendlichkeit bereits ausgedrückt ist, unbestreitbar aber ist die Schönheit des Gedankens und die Kostbarkeit der Fassung dieses Bildes. Zeit spielt übrigens oft eine Rolle in Neuerts Poesie, vor allem am Ende einiger Texte wird sie sichtbar wie etwa in dem Stück »Caldonazzo, Pfingstsonntag«: »Der Frühling, ein blühendes Sterberegister, in dem, ein wenig gelangweilt von ihrer eigenen Unvergänglichkeit, die Zeit blättert wie in einer weggeworfenen Lebensfibel.« Es ist, als ob Neuert die frei flottierenden poetischen Bilder am Schluss an die Leine eines stoischen Existentialismus nehmen wolle. Philosophie als ordnende Kraft für poetische Schwebestoffe, das hat eine deutlich spürbare Bindewirkung.

Manchmal vertraut er aber auch einfach der suggestiven Kraft eines verdichteten Traumes: »eines Morgens kam Wind auf/ warf die Vögel hoch, dass ihr/ Zwitschern sich angstvoll/ entfernte, trat mir das Glas/ ein und randalierte in den/ Vitrinen: ich schrie um mein/ Leben. Als alles in Scherben lag/ schob sich der Tag als strahlender/ Ball über den Berg und ein/ höhnischer Kuckuck rief immerzu/ Frühstück! Frühstück!//« Ein auf Anhieb verständliches Gedicht, dass auch durch das sofortige Begreifen nicht an Magie verliert. Das ist das Schöne an den Bildern des Poeten Marcus Neuert. Sie sind in keinster Weise abgenutzt, man hat sie noch nicht so oder ähnlich gehört, aber vor allem: Sie wirken nicht gesucht, sondern wie durch einen glücklichen Zufall gefunden und deshalb begreift man sich auch als Leser wie einen glücklichen Finder.

Diese Wirkung stellt sich natürlich auch bei einem kleinen frechen, übergriffigen Liebesgedicht aus dem dritten Kapitel des Bandes ein: »schöne Diebin hast/ mein Herz mitlaufen lassen/ mit dir dafür die seidenen/ Strümpfe versteckt mir/ hinterm Rippenbogen die/ straps’ ich innen an den/ Sehnerv damit nicht/ dauernd meine Augen/ aus den Höhlen stürzen/ wenn sie dich gehen sehen//«. Mal ganz abgesehen vom Charme solch poetischer Aphrodisiaka können die Texte von Neuert auch im Angesicht übermächtiger Namen bestehen. Da liest man einen Titel wie »Tübingen, Neckarufer, Mitte des Lebens« und denkt: Hoppla, da verhebt sich doch wieder einer bei Hölderlinreparaturen. Doch Neuert inszeniert die gesamte Szenerie als »verwaiste Bühne«, auf der jemand steht mitsamt seinen »dreiundzwanzig Denominationen«, die stets dazwischen quatschen, »wenn du zu tun versuchst, als seist du ein Anderer.« Großartig dann der Schluss dieser lyrischen Anverwandlung: »Sie reden lassen, derweil eine unreife Birne ins Wasser werfen im Gedenken an Hölderlin. Ahnen vielleicht, welches Wort stimmt. Welche Stimme die wirkliche ist.« Die eigene Stimme dürfte Marcus Neuert mit diesem Gedichtband endgültig gefunden haben, ein Band für Entdecker.

Marcus Neuert – IrrfahrtenbuchMarcus Neuert
Irrfahrtenbuch

Gedichte und kleine Prosa
Free Pen Verlag, Bonn 2015
Softcover, 100 S.
€ 9,90 (D)

»Irrfahrtenbuch« beim Free Pen Verlag


Hellmuth Opitz (Foto: Isabel Opitz)

Hellmuth Opitz (Foto: Isabel Opitz)

Hellmuth Opitz wurde 1959 in Bielefeld geboren, wo er auch heute lebt. Er gilt inzwischen als einer der besten deutschen Liebeslyriker. Nach seinen Anfängen als Rock- und Folkmusiker interviewte er für überregionale Musik-Magazine wie »Musikexpress« oder »Rolling Stone« u. a. Aerosmith, Bad Religion und Wim Wenders. Zusammen mit Matthias Politycki und Steffen Jacobs tourte er mit dem Poesieprogramm »Frauen. Naja. Schwierig«, das auch auf CD vorliegt, durch Deutschland. Bislang erschienen von ihm neun Gedichtbände, zuletzt »Die Dunkelheit knistert wie Kandis« (2011) sowie »Aufgegebene Plätze. Verlorene Posten« (Künstlerbuch, 2013).

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