Der feine Faltenwurf der Form: Der Gedichtband »TageKleider« von Elisabeth Drab

rezensiert von Hellmuth Opitz

Ursprünglich war dieser Gedichtband als Sonettenkranz angelegt. Nun ist der Sonettenkranz bekanntlich eine streng geregelte Form. Sie besteht aus 14 + 1 eng verflochtenen Sonetten, die zusammen einen Gedichtzyklus bilden. Die Verschränkung der einzelnen Sonette erfolgt, indem der Schlussvers des ersten Sonetts gleichzeitig den Anfangsvers des zweiten Sonetts bildet, der Schlussvers des zweiten den Anfangsvers des dritten und so weiter. Das 15. Sonett – das Meistersonett – schließlich setzt sich aus den Anfangs- bzw. den Schlussversen aller 14 Sonette zusammen.

Warum diese formale Regelerklärung des längst Bekannten? Nun, weil Elisabeth Drab eine Virtuosin des Sonettenkranzes ist. Sie empfindet diese Form nicht als einengendes Korsett, sondern als Herausforderung, daher nimmt sie sich auch ein paar formale Freiheiten heraus. Sie hat in diesem Gedichtband die Sonette verkürzt zu Achtzeilern, die aber gleichwohl nach strengen Regeln verfasst sind. Sie folgen dem Reimschema A-B-A-B-A-B-C-C. Und das auf sehr elegante Weise. Wo andere sich mit geschwollenen Stirnadern bemühen, den exakten Formvorgaben bezüglich Reimstruktur und fünfhebigen Jambus zu folgen, was man deren unglücklichen Ergebnissen bei knirschenden Umbrüchen und holpernden Reimen oft genug auch anmerkt, gelingen Elisabeth Drab ganz unangestrengt formal perfekte Verse, deren scheinbare Mühelosigkeit die feinstoffliche Webkunst fast vergessen lässt.

Das erste der insgesamt 38 Kurzsonette beginnt so: »An jedem Morgen streif’ ich neue Tage/ der Ungewissheit über meine Haut. / Wie wäre es, wenn ich es auch mal wage, / im Nachtgewand zu bleiben, während laut / der Zeitenwind mir seine kalte Frage / nach Sinn und Sein im Halbschlaf anvertraut? / Ich mag nicht, dass es morgens in mir friert, / nur weil der Tag die nackte Haut berührt.« Was hat es mit dem Bild der »TageKleider« auf sich? So stringent, wie Elisabeth Drab dieses Bild verwendet, wird es zu einer Allegorie für die Wechselfälle des Lebens. Jeder Tag des Lebens ist eine Begegnung mit neuen Erlebnis-Stoffen. An der Nahtstelle zwischen Traum und Wirklichkeit, zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Innehalten und Aufbruch setzen diese Verse an und unternehmen eine poetische Reise, die durch unterschiedlichste Bildwelten führt. In einer Höhle etwa kommt dem lyrischen Ich eine Lampenträgerin, eine junge Frau entgegen: »Sie lächelt, redet freundlich und verwegen / sieht sie mich an. Ich weiß, dass ich ihr trau. / Mit weicher Stimme höre ich sie singen / und plötzlich zeigt sie ihre Schwingen«. Es sind diese plötzlich um die Ecke eines Reims biegenden Verwandlungen, die gleichzeitig verblüffen und faszinieren.

Auch wenn diese Sonette selbst einem festen Formenmuster folgen, so handeln sie doch davon, starre Muster der Wirklichkeit aufzubrechen. Die große Bildwelt, die der Begriff »TageKleider« evoziert, durchstreift Elisabeth Drab mit Entdeckerlust und stößt dabei auf vielerlei Vokabelfundstücke. Klar, es webt und wirkt in einem fort in diesen Versen, das Flirren und Fließen der Stoffe wird am Wortkörper auf elegante Weise sichtbar. Die einzige Schwäche, die man diesem Band attestieren kann, ist, dass manche Begriffe wie zum Beispiel »Vielfalt« oder »Selbstbestimmung« doch sehr abstrakt im Raume stehen. Sie werden nicht in Bildsprache aufgelöst und wirken deshalb wie Fremdkörper. So heißt es zum Beispiel im 24. Sonett des Bandes, dass die unterschiedlichen Tagekleider gefiederter Vögel thematisiert, am Schluss: »Ich beginne zu begreifen, / dass ihre Muster unterschiedlich sind. / Es ist die Vielfalt, die mein Herz gewinnt.« Die Sehnsucht nach der Buntheit des Lebens wird hier allzu plakativ zum Ausdruck gebracht. Da schimmert dann der Modebegriff Achtsamkeit ein wenig aufdringlich durch. Dann doch lieber so: »Die neue Kollektion, so will ich hoffen, / trägt meinen Namen und was ich verlange, / ist aufgeknöpfte Kleidung, möglichst offen. / Durch weiten Kragen möchte ich schon lange / den Morgen über meine Haare ziehen. / Aus solchem Tagekleid möchte ich nicht fliehen.«

Elisabeth Drab gelingt insgesamt auf bemerkenswerte Weise, Tagekleider aus poetischen Schwebestoffen zu schneidern, die selbst der strengen Sonettform mit feinem lyrischen Faltenwurf lockere Eleganz verleihen. Als Christo 1995 den Reichstag in Berlin verhüllte, wählten er und seine Frau Jeanne-Claude einen so stabilen wie flexiblen Stoff, der dem verhüllten Gebäude mit jedem Lichteinfall ein anderes Aussehen verlieh. Jeder Windstoß sorgte für Bewegung und einen Faltenwurf, der dem symbolträchtigen Bau der deutschen Geschichte immer wieder ein neues Tagekleid überstreifte. Das vorletzte Sonett schließlich findet traumwandlerisch sicher zum Thema und zu den Worten des ersten Sonetts zurück: »Am Nachmittag erwache ich beschwingt / und ob ich träumte oder dämmernd dachte, / bleibt ungewiss. Ich möchte unbedingt / die Tagekleider, die ich selbst mir machte / für jedes Wetter, das der Morgen bringt, / mit großer Sorgfalt wählen. Ja ich achte, / darauf, dass sie mir passen, ich nicht friere, / wenn ich die Wechselkleider ausprobiere.« Ausprobieren? Es lohnt sich, diese Tagekleider lektüremäßig anzuprobieren.
 

Elisabeth Drab
Tagekleider

Isensee-Verlag, Oldenburg 2017
Hardcover, 46 Seiten
ISBN 978-3-7308-1360-7

 

Hellmuth Opitz (Foto: Isabel Opitz)

Hellmuth Opitz (Foto: Isabel Opitz)

Hellmuth Opitz wurde 1959 in Bielefeld geboren, wo er auch heute lebt. Er gilt inzwischen als einer der besten deutschen Liebeslyriker. Nach seinen Anfängen als Rock- und Folkmusiker interviewte er für überregionale Musik-Magazine wie »Musikexpress« oder »Rolling Stone« u. a. Aerosmith, Bad Religion und Wim Wenders. Zusammen mit Matthias Politycki und Steffen Jacobs tourte er mit dem Poesieprogramm »Frauen. Naja. Schwierig«, das auch auf CD vorliegt, durch Deutschland. Bislang erschienen von ihm neun Gedichtbände, zuletzt »Die Dunkelheit knistert wie Kandis« (2011) sowie »Aufgegebene Plätze. Verlorene Posten« (Künstlerbuch, 2013).

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