»Der Lyrik Gehör verschaffen« – internationales Lyrikcolloquium in Benediktbeuern

von Jan-Eike Hornauer (Text und Fotos)

Benediktbeuern. »Wo ist die Lyrik jetzt? Wo geht sie hin?« Das waren die Eingangsfragen, die Anton G. Leitner auf dem internationalen Lyrikcolloquium im Kloster Benediktbeuern stellte, das seine Lyrikzeitschrift DAS GEDICHT anlässlich ihres 25-jährigen Bestehens ausrichtete, unterstützt vom Bezirk Oberbayern. Neun Stunden lang tauschten sich hier an die 40 Poetinnen und Poeten sowie Fachleute rund um die Lyrikverbreitung am vergangenen Dienstag aus, und es gab zahlreiche Kurzreferate, die thematisch von Kinderlyrik bis hin zum politischen Gedicht, vom Verseschreiben bis hin zur poetischen Vermittlungsarbeit reichten. In ihnen sollte, wesentlich auch durch eine Bestandsaufnahme des Ist-Zustandes, das Titelthema der Zusammenkunft schlaglichtartig ausgeleuchtet werden. Dieses hieß: »Die Zukunft der Poesie«.

Heftige Debatte zur gesellschaftlichen Aufgabe von Lyrik

Herrschte über eine lange Strecke große Harmonie unter allen Beteiligten (die Diskussionsrunden nach den Vorträgen waren vor allem durch Zustimmung und Ergänzungen geprägt), so überraschte es besonders, als sich nach dem letzten Vortrag die Gemüter deutlich erhitzten und es zu einer temperamentvollen Grundsatzdiskussion kam. Christophe Fricker, Autor und Literaturwissenschaftler, hatte gefordert, dass Poesie insgesamt mehr Orientierung geben solle, wenn sie gesellschaftliche Relevanz anstrebe. Dadurch wähnten sich einige seiner Poetenkollegen in ihrer Kunstfreiheit angegriffen und widersprachen heftig, andere verteidigten Frickers Position.

Raum für Lyrik

Doch der Reihe nach: Zum Auftakt des Lyrikcolloquiums, an dem Dichterinnen und Dichter aus ganz Deutschland, Österreich, der Schweiz, England und Irland teilnahmen, verwies Anton G. Leitner auf den Umstand, dass die Lyrikvermittlung immer schwieriger wird, forderte, man müsse »der Lyrik Gehör verschaffen«, und stellte die Frage in den Raum: »Wie kann uns das gelingen?«

Wie Gastgeber Norbert Göttler, Schriftsteller und Bezirksheimatpfleger von Oberbayern, in seiner Begrüßung anklingen ließ, war allein das Stattfinden des Colloquiums schon ein Schritt in diese Richtung: Erstmals gebe es in den Klostermauern eine Lyrikveranstaltung – und es solle gewiss nicht die letzte bleiben.

Norbert Göttler, Autor und Bezirksheimatpfleger, begrüßt die Teilnehmer des Lyrikcolloquiums anlässlich des Jubiläums »25 Jahre DAS GEDICHT.« Foto: Jan-Eike Hornauer

Norbert Göttler, Autor und Bezirksheimatpfleger, begrüßt die Teilnehmer des Lyrikcolloquiums anlässlich des Jubiläums »25 Jahre DAS GEDICHT.« Foto: Jan-Eike Hornauer

»Es gibt so viele tolle neue Autoren!«

Im ersten Referat des Tages setzte sich Erich Jooß, Schriftsteller und Vizepräsident der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur, dafür ein, keine strikte Trennlinie zwischen Kinder- und Erwachsenengedichten zu ziehen: »Gedichte für Erwachsene können auch Gedichte für Kinder sein – und umgekehrt.« Häufig könnten sie in der Praxis, etwa bei der Herausgabe von Anthologien, den Platz tauschen, ohne dass es jemand merken würde. Darüber hinaus mahnte er an, nicht weiterhin vor allem die einschlägigen Autoren des 18. und 19. Jahrhunderts in Kinderlyrik-Sammelwerke aufzunehmen und in Einzelbänden groß zu präsentieren, sondern auch Gegenwartspoeten ein reichweitenstarkes Forum zu bieten: »Es gibt so viele tolle neue Autoren!«

Allgemein gelte: »Je einfacher ein Gedicht beschreibt, was in uns und unserer Welt vor sich geht, desto besser trifft es.« Dabei trete es aber doch »in einem vielschichtigen Gehäuse« auf. Denn: »Jedem Zauber liegt auch ein Zaubertrick zugrunde!« Man brauche jedoch kein Stakkato an verrückten Bildern und ähnlichem im Kindergedicht, das verursache schnell einen Effektüberdruss. Ruhe und Klarheit seien völlig ausreichend.

Erich Jooß erklärt, warum Erwachsenengedichte auch Kindergedichte sein können – und umgekehrt. Foto: Jan-Eike Hornauer

Erich Jooß erklärt, warum Erwachsenengedichte auch Kindergedichte sein können – und umgekehrt. Foto: Jan-Eike Hornauer

»Was ein gutes Kindergedicht ausmacht, ist das Einprägsame«

Auf die Spezifika von Kinderlyrik ging anschließend Uwe-Michael Gutzschhahn, Lyriker, Lektor, Übersetzer und Herausgeber vor allem im Kinder- und Jugendbuchbereich, ein – ausdrücklich jedoch darauf verweisend, dass er wie Jooß keine klare Trennung zwischen Kinder- und Erwachsenengedicht vornehmen wolle, sich die Gedichte durchaus auch ihr Publikum selbst suchten. So seien etwa Ernst Jandls »ottos mops« und »Das Knie« von Christian Morgenstern nicht als Kindergedichte entstanden, zählten heute aber in der Kinderlyrik zu den prominentesten Stücken.

Seine Kernthese lautete: »Was ein gutes Kindergedicht ausmacht, ist das Einprägsame.« Probate Mittel seien hier unter anderem Reim, Rhythmus und Klangwiederholungen. Zudem dürfe das Kindergedicht nichts wollen, dürfe nur da sein und sich – seinen Inhalt sowie seine Sprache – entdecken lassen. Und: »Die Kinder müssen staunen können!« Erwachsene sollten die Kinder an Lyrik heranführen, an guter Kinderlyrik hätten sie selbst große Freude und sie würden schnell merken, wie leicht Kinder Zugang zu Gedichten finden und wie sehr sie sich durch sie begeistern lassen.

Uwe-Michael Gutzschhahn spricht über Kinderlyrik. Foto: Jan-Eike Hornauer

Uwe-Michael Gutzschhahn spricht über Kinderlyrik. Foto: Jan-Eike Hornauer

800 Lyrikfreunde im Opernhaus

Von seiner Tätigkeit als Lyrikvermittler berichtete Michael Augustin, Schriftsteller, Kulturjournalist bei Radio Bremen und einer der beiden Direktoren des internationalen Literaturfestivals »Poetry on the Road«, das Radio Bremen gemeinsam mit der Hochschule Bremen veranstaltet. Seit 2000 gebe es inzwischen alljährlich dieses große internationale Lyrikfestival in der Hansestadt, das an mehreren Orten in der Innenstadt beheimatet sei. Etliche hundert Autoren hätten mittlerweile dort gelesen, die Eröffnungsveranstaltung im Großen Haus des Bremer Theaters sei immer ausverkauft – was jährlich 800 Besucher allein dort bedeute. Einen solchen Erfolg habe er ursprünglich für unmöglich gehalten. Als er seinerzeit von den Plänen der beiden Festivalgründerinnen Silke Behl und Regina Dyck in der Zeitung gelesen hatte, habe er spontan gesagt: »Das funktioniert nicht, in Bremen kommen doch maximal 10 bis 15 Leute auf eine Lyriklesung.«

Erfreulicherweise habe er mit dieser Einschätzung komplett danebengelegen. Der große Erfolg des Festivals beruhe gewiss auch darauf, dass Radio Bremen einer der beiden Veranstalter sei, das Festival stets ausführlich mit Countdown und Beiträgen einläute und begleite sowie alle Lesungen mitschneide und in Teilen später verwerte. Allerdings: Die Zukunft des Festivals stehe permanent auf tönernen Füßen. Die Finanzierung müsse jedes Jahr neu aufgebaut werden, sei nie gesichert.

Michael Augustin berichtet vom Poesiefestival »Poetry on the Road«. Foto: Jan-Eike Hornauer

Michael Augustin berichtet vom Poesiefestival »Poetry on the Road«. Foto: Jan-Eike Hornauer

Bilinguales Schreiben und Heimat in der Sprache

Anatoly Kudryavitsky, Schriftsteller, Übersetzer, Herausgeber und Mitbegründer der Irish Haiku Society, führte aus, wie es für ihn ist, in zwei Sprachen, nämlich Englisch und Russisch, als Autor zuhause, also beheimatet zu sein. Er betonte: »Viele Leute leben nicht in dem Land, in dem sie geboren sind.« Entsprechend gebe es auch zahlreiche bilinguale Autoren – was übrigens, vor allem in der gegenwärtigen Häufung, ein recht neues Phänomen sei. Manche, wie Jack Kerouac oder Joseph Conrad, entschieden sich für eine Sprache, andere schrieben in zwei Sprachen, wie Samuel Beckett und Joseph Brodsky.

Für ihn selbst gelte, dass er in zwei Sprachen schreibe, allerdings sei er dann auch je »ein ganz anderer Typ von Poet«. Deshalb übersetze er seine eigenen Texte auch nicht selbst, wenngleich das immer wieder Erstaunen hervorrufe. Übersetze er jedoch andere Autoren, so freue er sich stets darüber, auf diese Weise Brücken zwischen den Kulturen schlagen zu können.

Bilingualer Poet: Anatoly Kudryavitsky. Foto: Jan-Eike Hornauer

Bilingualer Poet: Anatoly Kudryavitsky. Foto: Jan-Eike Hornauer

Austausch zwischen den Kulturen wiederbeleben

Um den Austausch zwischen den Kulturen ging es auch bei der tschechisch-deutschen Lyrikerin, Übersetzerin und Herausgeberin Klára Hůrková. Sie betonte, dass die deutsch-tschechischen Beziehungen historisch nie einfach, doch im Künstlerischen stets überaus befruchtend waren. »Der zweite Weltkrieg und die Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus Böhmen und Mähren haben die jahrhundertelange Tradition abrupt unterbrochen«, so Hůrková. Diese gelte es nun wiederzubeleben. Das werde zwar bereits »ein Stück weit versucht«, doch müsse hier künftig eindeutig noch mehr geschehen.

Weiter führte sie aus: Für die tschechische Literaturlandschaft habe der Zusammenbruch des Ostblocks vor allem zwei Hauptaspekte gebracht, nämlich neue Freiheiten und kommerziellen Druck. Letzterer führe dazu, dass Lyrik es hier nun sehr schwer habe, dies gelte in gesteigertem Maße für Lyrikübersetzungen. Eine wesentliche Stütze stelle in diesem Zusammenhang der deutsch-tschechische Zukunftsfonds dar, der auch zweisprachige Lyriksammlungen fördere. Dazu gebe es viele kleine Initiativen und Vereine, deren Unterstützung sei unerlässlich, um auch Lesungen ausrichten zu können. Insgesamt sei dieses wichtige Feld aber noch sehr überschaubar bestellt.

Setzt sich für den deutsch-tschechischen Poesiedialog ein: Klára Hůrková. Foto: Jan-Eike Hornauer

Setzt sich für den deutsch-tschechischen Poesiedialog ein: Klára Hůrková. Foto: Jan-Eike Hornauer

»Gute Gedichte gehören einfach zwischen zwei Buchdeckel«

Markus Bundi, Schriftsteller und Herausgeber der Lyrikreihe »Die Reihe«, hatte seinen Vortrag mit der Frage überschrieben: »Warum finden die Schweizer Lyriker in ihrer Heimat bald keine Verlage mehr?« Die kurze und wahrlich einleuchtende Antwort gab er sogleich selbst: »Weils bald keine Verlage mehr gibt, die Lyrik publizieren.« Der Grund hierfür wiederum: »Auch in der reichen Schweiz fehlt dafür angeblich das Geld.«

Mit »Die Reihe« hätten ursprünglich junge Lyriker beim Erstling unterstützen werden sollen, inzwischen habe er jedoch »schon fast alles, was Rang und Namen hat« aufgenommen. »Ich könnte so stolz sein, wüsste ich nicht, dass diesen wunderbaren Autorinnen und Autoren die Alternativen ausgehen«, resümierte Bundi. Und er betonte: Auch für »Die Reihe« sei die Zukunft ungewiss, immer wieder stehe sie aus Finanzierungsgründen kurz vor dem Aus. Aufgeben aber will Bundi auf keinen Fall, auch wenn er sich seit langer Zeit zu seinem Bedauern hauptsächlich der Finanzierung widmen muss, wo er sich doch viel lieber noch mehr mit den Inhalten beschäftigen würde, denn er ist überzeugt: »Gute Gedichte gehören einfach zwischen zwei Buchdeckel.«

Markus Bundi klärt über die publizistische Notlage der Lyrik in der Schweiz auf. Foto: Jan-Eike Hornauer

Markus Bundi klärt über die publizistische Notlage der Lyrik in der Schweiz auf. Foto: Jan-Eike Hornauer

»Nische in der Nische« als Chance für Mundartlyrik

Über Mundartdichtung referierte die Slampoetin, Lyrikerin und Autorin der in Norddeutschland beliebten Sendereihe »Hör mal ’n beten to« (NDR 1) Bärbel Wolfmeier. Sie schreibt neben hochdeutschen auch viele plattdeutsche Texte. Im Dialekt, hob sie hervor, gebe es bei der Verschriftlichung stets die Schwierigkeit, dass weder eine einheitliche Grammatik noch verbindliche Schreibweisen existieren. Die Verschriftlichung sei aber zum Erhalten der Sprache unabdingbar, auch deswegen schreibe sie gerne und viel im Dialekt.

Hinzu komme: Der Dialekt habe einen »eigentümlich kraftvollen Ausdruck« und einen »verbindenden Charakter«. Spreche man ihn, »dann denken die anderen, der ist einer von uns, der denkt wie wir«.

Wichtig sei ihr selbst dabei stets, mit dem Plattdeutschen nicht die traditionellen Klischees zu bedienen, also etwa Seemannslieder, Schwänke und Geschichten vom traditionellen Landleben zu texten. Denn, so ist sie überzeugt: »Plattdeutsch kann doch eigentlich alles!« Und das möchte sie auch zeigen. Dass sie mit ihrer plattdeutschen Lyrik naturgemäß erst einmal eine »Nische in der Nische« besetzt, stört sie nicht, denn dies sei zugleich auch eine große Chance: Hier gebe es wenig Konkurrenz.

Bärbel Wolfmeier berichtet von ihren Erfahrungen mit plattdeutscher Lyrik. Foto: Jan-Eike Hornauer

Bärbel Wolfmeier berichtet von ihren Erfahrungen mit plattdeutscher Lyrik. Foto: Jan-Eike Hornauer

Sieben Thesen für Lyriker in der digitalen Welt

Technisch wurde es anschließend mit Alexandra Palme. Sie ist unter anderem die Macherin für alles, was mit dem Internet zu tun hat, rund um DAS GEDICHT sowie PR- und Marketingfachfrau und Bloggerin. Unter dem Titel »Chancen und Risiken für Lyrik in der digitalen Welt« stellte sie sieben Thesen auf:

1. Die Buchbranche ist im Wandel. Schöngeistiges lohnt sich für Verlage nicht. Haben Autoren einen Verlag, müssen sie sich trotzdem auch selbst vermarkten, hierfür ist im Verlag oft kein Budget vorgesehen. Der Online-Vertrieb ist eine wesentliche Möglichkeit für Kleinverlage und Selfpublisher. Wertige Künstlereditionen stellen eine Chance dar. Und Finanzierungsmöglichkeiten wie Crowdfunding und Microfinancing sind neue Optionen.

2. Wer nicht online existiert, existiert gar nicht. Zumindest eine kleine Seite mit Bio- und Bibliographie sowie Kontaktmöglichkeit ist Pflicht.

3. Menschen möchten mit Menschen zu tun haben. Entsprechend werden Verlagsmarken von den Lesern recht wenig wahrgenommen, die Autoren als Personen hingegen sehr stark. Unter anderem über Social Media kann das genutzt werden.

4. Es ist wichtig, authentisch zu bleiben, das bedeutet auch, nicht jede Social-Media-Mode mitzumachen.

5. Die Aufmerksamkeitsspannen werden immer geringer, die Inhalte immer flüchtiger. Nachhaltige Inhalte zu schaffen und visuelle Elemente zu nutzen ist deshalb gerade im Social-Media-Bereich wichtig. Immer schneller immer mehr belanglosen Content nachfeuern, das bringt nicht viel.

6. Zentrale Online-Netzwerke sind zu nutzen, Inhalte anderer sollten geteilt werden, andere sollten die eigenen Inhalte teilen. Denn gemeinsam erreicht man mehr.

7. Social ist nicht nur online: Live-Veranstaltungen, wie etwa Lesungen, werden immer wichtiger.

Empfehlungen für Dichter in der digitalen Welt gibt Online-Fachfrau Alexandra Palme. Foto: Jan-Eike Hornauer

Empfehlungen für Dichter in der digitalen Welt gibt Online-Fachfrau Alexandra Palme. Foto: Jan-Eike Hornauer

»Ein Gedicht braucht Platz«

Übers »Gestalten von Gedichten« sprach Peter Boerboom, Art Director, bildender Künstler und Lehrbeauftragter. Sein oberster Leitspruch lautet: »Ein Gedicht braucht Platz.« Es benötige viel Weißraum um sich herum, damit es atmen, sich entfalten könne, das lesende Auge nicht abgelenkt werde. Zudem sollten die Gedichte so angeordnet sein, dass sie sich nicht beißen, sondern ergänzen. Die typographischen Auszeichnungen der Autoren seien als verbindlich anzusehen. Wenn etwa ein Wort innerhalb eines Beitrags kursiv gesetzt sei, dann bedeute die Kursivsetzung auch etwas und müsse übernommen werden. Gleiches gelte für Kapitälchen, Zeilenumbrüche und so weiter.

Man müsse in der Gestaltung dafür sorgen, dass möglichst jede Seite ein unverwechselbares Aussehen erhält, wobei zugleich das Gestaltungskonzept über die Buchseiten hinweg durchzuhalten sei.

Und für den Titel gelte vor allem: »Ein gutes Cover braucht Zeit.« Die DAS GEDICHT-Cover zu entwerfen sei »seit 25 Jahren eine unserer schönsten Aufgaben«. Denn hier werde »ein großer gestalterischer Freiraum« gewährt, entsprechend viel stecke man von sich selbst hinein.

Wie Gedichte zu gestalten sind, darüber klärt Art Director Peter Boerboom auf. Foto: Jan-Eike Hornauer

Wie Gedichte zu gestalten sind, darüber klärt Art Director Peter Boerboom auf. Foto: Jan-Eike Hornauer

Lyrik als orientierendes Mittel der Wahrheitssuche

Über das Verhältnis von Lyrik und Politik sprach im Schlussvortrag Christophe Fricker, Autor, Literaturwissenschaftler und Hochschul-Dozent. Da er ihm zu streitbar und auch zu eng gefasst erschien, ersetzte er den Begriff »politische Lyrik« dabei durch »orientierende Dichtung«. Jener Begriff nun sollte alle Lyrik umfassen, die dem Menschen hinsichtlich seiner realen Lebensbedingungen in der Gesellschaft zur Orientierung dienen kann.

Er monierte: »Ein beträchtlicher Teil der Lyrik hat die Wahrheitssuche der Wissenschaft überlassen.« Damit habe die Lyrik der »Fragmentierung des gesellschaftlichen Diskurses Vorschub geleistet«. Wolle die Lyrik aber politisch, wolle sie orientierend sein, dürfe sie »nicht nur ästhetische Kategorien abgreifen«, sie müsse kommunizieren. Fricker forderte: »Sie muss dann tatsächliche Verhältnisse berücksichtigen, Orientierung bieten und einprägsam sein.«

Wichtig sei dabei, dass sie in ihrer Wirklichkeitstreue so gestaltet werde, dass sie immer wieder aktualisierbar ist.

Es sei auch Aufgabe von Lyrik, die nachfolgenden Fragen zu beantworten, die gegenwärtig so viel Unsicherheit in der Gesellschaft auslösten: Wer sind wir? Wie wollen wir leben? Was dürfen wir sagen?

Christophe Frickers Impulsvortrag zur orientierenden Dichtung löste lebhafte Debatten aus. Foto: Jan-Eike Hornauer

Christophe Frickers Impulsvortrag zur orientierenden Dichtung löste lebhafte Debatten aus. Foto: Jan-Eike Hornauer

Zweckfreiheit oder gesellschaftliche Verantwortung?

Frickers Vortrag löste eine starke und ausführliche kontroverse Diskussion unter den Teilnehmern des Colloquiums aus. Unter anderem Timo Brandt und Semier Insayif sahen durch Frickers Äußerungen die künstlerische Freiheit des Poeten an sich angegriffen, und einige Kollegen stimmten zu, dass Verständlichkeit kein poetischer Maßstab sein könne. Von Zweckfreiheit von Dichtung war die Rede und davon, dass jeder Poet nur so dichten könne, wie es ihm zu eigen sei. Sie empfanden Frickers Äußerungen zudem als »zu dogmatisch«, wie mehrfach anklagend wiederholt wurde.

Fricker selbst verteidigte sich vehement und betonte wiederholt, der einzelne Dichter könne und müsse selbstredend so schreiben, wie er es für richtig halte. Nur gelte eben, dass, wenn man die besagte gesellschaftliche Relevanz erreichen wolle – und nur unter dieser Voraussetzung –, man auch verständlich kommunizieren müsse.

Unter anderem Matthias Politycki sah in Verständlichkeit in der Lyrik auch einen Pluspunkt, diese sei wichtig, wolle man nicht nur Kritiker überzeugen, sondern auch Leser erreichen. Damit nahm er vorweg, was nachher noch eine Gruppe von Poeten vertiefte, die sich mehr gesellschaftliche Relevanz für die Lyrik wünschten, es auch als poetische Aufgabe ansahen, Gesellschaftliches mitzuverhandeln, ohne jedoch den einzelnen Poeten dazu nötigen zu wollen.

»Der Zettel« wird wiederbelebt

Abschließend stellte Anton G. Leitner noch ein DAS GEDICHT-Flugblatt vor. Es sollte am nächsten Tag auf dem Münchner Marienplatz verteilt werden, im Rahmen der dortigen Lesung »Poeten für Menschenrechte«, die DAS GEDICHT in Kooperation mit Amnesty International, genauer der örtlichen Gruppe gegen die Todesstrafe, veranstalten wollte. Das Flugblatt präsentierte Anton G. Leitner aber auch deshalb enthusiastisch, weil es an eine alte Publikationsreihe anknüpfte: Unter dem Namen »Der Zettel« hatte die von ihm mitbegründete Initiative junger Autoren (IJA) einst ihre Gedichte erfolgreich auf Flugblättern verbreitet. Zum Jubiläum »ein Vierteljahrhundert DAS GEDICHT« konnte der Lyrikzeitschriftenmacher und Anthologist bei großen Verlagen wie dtv und Reclam somit an seine eigenen publizistischen Anfänge anknüpfen, und dies zu einem guten Zweck.

Anton G. Leitner, Herausgeber von DAS GEDICHT, präsentiert ein DAS GEDICHT-Flugblatt, Reminiszenz an »Der Zettel» und zugleich Werkzeug im Einsatz für Menschenrechte. Foto: Jan-Eike Hornauer

Anton G. Leitner, Herausgeber von DAS GEDICHT, präsentiert ein DAS GEDICHT-Flugblatt, Reminiszenz an »Der Zettel» und zugleich Werkzeug im Einsatz für Menschenrechte. Foto: Jan-Eike Hornauer

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