Dichterbriefe – Folge 27: Trost für Mütter im Stress – Christophe Fricker schreibt ein Gedicht zum Advent

Christophe Fricker schreibt jeweils am 1. des Monats einem Dichterfreund, dessen Buch er gerade gelesen hat. Die Texte sind eine Mischung aus Offenem Brief zu Lyrik und Gesellschaft, bewusst parteiischer Rezension und vertrautem Austausch. Und damit hoffentlich auch weniger langweilig als Rezensionen, die ihre eigene Voreingenommenheit vertuschen.

 

Liebe gestresste Mütter (nein, nicht auch Väter, nur Mütter!),

wenn ich mal die Weltherrschaft übernehme, was allerdings zugegebenermaßen nicht unmittelbar bevorsteht, dann wird die erste neue Regel sein, dass in der dritten Novemberwoche nichts Neues passieren darf. Alle kriegen Zeit, das Liegengebliebene und Angestaute abzuarbeiten, und dann gehen sie nämlich etwas entspannter in den Advent.

Da das offensichtlich heute noch nicht so ist und wir alle im Stress sind (auch wir Nichtmütter), müssen wir irgendwie mit dem Stress umgehen. Mein Beitrag ist ein kleines Trostgedicht für Sie. Ich nehme an, dass Sie zwei Kinder haben, zwei rabaukige Jungs, aber wenn ich mich da irre, dürfen Sie’s gern umschreiben!
 

Adventslied für eine Wundermama (mit zwei Goethe-Reimen)

O stille, ferne, stille Nacht,
Wann wirst du mich empfangen?
Was haben sie aus mir gemacht,
Die beiden wilden Rangen?

O Haus voll Mann und Tisch und Wäsche
Und jetzt auch noch Advent.
Kalender, heiße Plätzchenbleche,
Wer flennt noch nicht, wer rennt?

O ruhiger Abendkerzenschein,
Ich sehne mich in deine Hände.
Die Rangen schlafen. Wir sind dein:
Der Eisbär, ich, die Quietscheente.
 

Halten Sie durch – die Geburt unseres Erlösers ist absehbar nah!
Christophe
 

Christophe Fricker. Foto: © Chiara Dazi

Christophe Fricker.
Foto: © Chiara Dazi

Christophe Fricker, geb. 1978, schreibt über die Möglichkeiten von Freundschaft, die Grenzen des Wissens und die Unwägbarkeiten der Mobilität. Mit Tom Nolan und Timothy J. Senior veröffentlichte er den zweisprachigen, illustrierten Gedichtband »Meet Your Party«. 2015 gab er die »Gespräche über Schmerz, Tod und Verzweiflung« zwischen Ernst Jünger und André Müller heraus, die das Deutschlandradio eine »Sensation« nannte. Frickers Buch »Stefan George: Gedichte für Dich«, eine Einführung in das Werk Georges, stand auf Platz 2 auf der NDR/SZ-Sachbuchbestenliste. Für den Gedichtband »Das schöne Auge des Betrachters« wurde er mit dem Hermann Hesse Förderpreis ausgezeichnet. Alle bereits erschienenen Folgen von »Dichterbriefe« finden Sie hier.

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