Eingestreute Kritik: Elisabeth Borchers »Oben schwimmt die Sonne davon«

 

Die Welt ist weiß vor lauter Schnee
Zur Wiederentdeckung der Kindergedichte von Elisabeth Borchers

Es ist beschämend, wie schnell in unserer Zeit Autoren vergessen werden. Der Markt will Neuheiten, Neuheiten, Neuheiten. Bücher, die vor einem Jahr gedruckt wurden, sind altes Eisen. Lyrik hat, das ist ein alter Erfahrungssatz, eine längere Halbwertzeit. Gedichte verkaufen sich langsamer, aber beständiger. Das sollte im Prinzip auch für Kindergedichte gelten. Doch wer kennt noch Jürgen Spohn, der bis heute als einziger Autor mit einem Gedichtband den Deutschen Jugendliteraturpreis gewann? Wer kennt noch Peter Maiwald oder Elisabeth Borchers?

Es ist ein unglaubliches Glück, dass Ursula Remmers und Ursula Warmbold, die schon allerlei Anthologien mit Kinderlyrik bei Reclam herausgegeben haben, um die Bedeutung von Elisabeth Borchers wissen und deshalb nicht locker gelassen haben, eine Auswahl der Kindergedichte dieser Autorin wieder ins Bewusstsein der Öffentlichkeit (wo immer diese zu finden ist) zurückzuholen, ihnen neuen Atem einzuhauchen, und dass sie tatsächlich bei dtv in der Reihe Hanser jemanden gefunden haben, der bereit war, so einen alten Hut zwischen all die neuen und immer neuen Mützen zu schmuggeln – ein Buch von einer Autorin, die 2013 starb, also nicht mehr auf Lesungen gehen kann, um Kindern ihre Gedichte nahezubringen. Hut ab vor allen, die das schön gestaltete Buch „Oben schwimmt die Sonne davon“ ermöglicht haben.

Borchers, die selbst Herausgeberin vieler Anthologien für Kinder war – zu erwähnen sind hier besonders die Bände „Das große Lalula“ und „Ein Fisch mit Namen Fasch“ – veröffentlichte 1965 das Gedichtbuch „Und oben schwimmt die Sonne davon“, in dem sie Gedichte zum Jahreslauf präsentierte. Diesem Aufbau folgt auch der neue Band, beschränkt sich aber nicht auf die Gedichte der alten Ausgabe, sondern ergänzt sie durch passende aus anderen Büchern. Eine schöne Idee, auch wenn man sich fragt, warum das Wort „und“, dass dem Buchtitel der alten Ausgabe so vielverheißenden Klang, der Zeile so viel Zauber verlieh, beim neuen Titel schnöde weggelassen wurde. Das geht eigentlich gar nicht, weil es nicht der Musikalität entspricht, mit der die Autorin jede Zeile entwickelt hat. Aber wer achtet heute noch auf die Bedeutung eines so winzigen Worts?

Dennoch: Es ist gut, dass das Buch da ist. Aufgenommen wurden Gedichte, die Monat für Monat mit der Zeile „Es kommt eine Zeit“ einläuten. Und wenn man die Texte liest, geschieht etwas Unglaubliches. Borchers schreibt in ganz einfachen Worten: „Es kommt eine Zeit, / da sagt die Krähe: / Ich mache jetzt eine lange Reise. / … / Die Welt ist weiß / vor lauter Schnee, / nur ich bin schwarz. / Im Sommer möchte ich weiß sein, / schneeweiß.“ Die Sätze, die die Autorin notiert, sind ganz lapidar, sie haben nicht mal einen Reim. Und doch malen sie uns Bilder in den Kopf. Sie sind Worte, die atmen, lebendig werden, die sich nachhaltig einprägen und unvergessen bleiben, wenn sie einmal gehört wurden. Borchers gelingt es, die einfachen Worte so zum Klingen zu bringen, mit ihnen deutliche, magische Bilder zu schaffen, wie sie nur die Sprache ermöglicht, wenn man sie denn dichterisch nimmt. Dass diese Sprache ins Bewusstsein von Kindern dringt, ist die große Bedeutung, die das Buch in der heutigen Zeit hat, in der Sprache bilderlos geworden ist und kaum mehr auf Klang geachtet wird. Kinder können das noch und tun es auch. Sie sind Meister im Wahrnehmen des Magischen, das von Gedichten und ihrer Sprache ausgeht. Sie lieben den Klang.

„Es kommt eine Zeit, / da nimmt’s ein böses Ende / mit dem Schneemann. / … / Die Sonne treibt Vögel vor sich her. / Die wünschen dem Schneemann / eine gute Reise“, heißt es im Gedicht zum Monat Februar. Oder für den Monat August: „Es kommt eine Zeit, / da wachsen die Bäume / in den Himmel. / Die Blumen wollen so groß sein / wie Bäume. / …/ Es kommt eine Zeit, / da gehen rote Pilze / durch den Wald / und schwarzgelackte Käfer.“ Alles ist Sprache in diesen Gedichten und die Sprache erzeugt Bilder, Vorstellungen von etwas noch nie so Gesehenem. Da ist die Autorin ganz Lyrikerin und es gibt keinen Unterschied mehr zwischen Gedichten für Erwachsene und solchen für Kinder. Es ist nur die Art der Bilder, die diese Gedichte für Kinder zugänglich macht.

Neben den Monatsgedichten gibt es kleine, oft lustige Verse, die noch ein anderes Bild der Dichterin vorführen. „So grau wie der Rauch / aus dem Schornsteinloch / regnet der Regen. / Die Gäste aber kommen doch.“ Man sieht den November, man spürt die Nässe des Nebels vor Augen, aber es bleibt die nicht zu stoppende kindliche Freude, im Spiel mit andern das launige Grau zu überwinden. Kinder sind stärker, so stark wie Gedichte. Borchers hat viele ganz kurze, ganz knappe Gedichte geschrieben. Sie meiden die große Geste, aber im Lapidaren setzen sie auf jedes einzelne Wort. Und natürlich reimt Borchers auch oft und gern, voller Lust an den Worten. „Schreiben wollt ich einen Brief. / Da fiel die Tinte um. / Jetzt fährt ein weißes Schiff / auf dem blauen See herum.“

Man kann in diesem wunderschönen Buch kreuz und quer lesen, man kann voller Freude die Seiten mit den so leicht und flink daherkommenden Illustrationen vor- und zurückblättern und immer wieder neue Entdeckungen machen. Was Hildegard Müller mit ihren Bildern gelungen ist: Die Angst vor Gedichten verliert sich in der Lust, mit der sie zwischen die Texte gezeichnet hat, ohne die Bilder Borchers‘ zu überdecken. Es ist rundherum ein gelungenes Buch, dem man viele gute und neugierige Leser wünscht – Kinder genauso wie Erwachsene.

 

Uwe-Michael Gutzschhahn

 

"Oben schwimmt die Sonne davon" von Elisabeth Borchers

Buchcover-Abbildung (dtv)

 

 

 

 

 

 

Elisabeth Borchers
Oben schwimmt die Sonne davon. Gedichte für Kinder.
Mit Bildern von Hildegard Müller
dtv/Reihe Hanser, München 2019
120 S., 16,95 €

 

 

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