Eingestreute Kritik: Kristin Schulz‘ Gedichtband »Angewandte Verhältnisse

 

Auf der Goldwaage

Zugegeben, ich kannte Kristin Schulz als Lyrikerin bislang nicht, genauer gesagt: Ich kannte sie bislang überhaupt nicht, mea maxima culpa. Wäre sie ein vollkommen unbeschriebenes Blatt, so wäre dies halbwegs verständlich. Doch die 1975 in Jena geborene Kristin Schulz leitet seit mehr als 10 Jahren als wissenschaftliche Mitarbeiterin das Heiner-Müller-Archiv am Institut für deutsche Literatur der Humboldt-Universität zu Berlin. Sie ist außerdem Herausgeberin der gesammelten Gedichte von Heiner Müller und Thomas Brasch. Sie hat Gedichte, Prosa und Essays veröffentlicht, unter anderem in Literaturzeitschriften wie „Moosbrand“ oder „Edit“. Sie ist Mitglied des Rheinsberger Autorinnenforums und hat 2012 den Deutschen Hörbuchpreis in der Kategorie „Beste Information“ bekommen. Ich hätte sie bzw. ihr Werk kennen können. Dass sie bisher unter meinem Radar herlief, ist also eher meiner schwachen Wahrnehmung zuzuschreiben, als dass Kristin Schulz ihr Werk unter konspirativer Tarnkappe veröffentlicht hätte. Aber genug Selbstkasteiung, kommen wir zu den Gedichten.

„Angewandte Verhältnisse“ heißt der Gedichtband, erschienen im Quintus-Verlag. Er versammelt neben den verstreut in Zeitschriften erschienen Poemen zahlreiche neue Gedichte, insgesamt finden sich, auf vier Kapitel aufgeteilt, 86 Gedichte. Statt eines Vorworts gibt es von Kristin Schulz etwas „vorsätzliches“, ein Stück Kurzprosa, eine Art Liebeserklärung an die Liebe, die sich schon nach wenigen Zeilen als Liebeserklärung an die Sprache entpuppt:

„der anfang der liebe ist bejahung. uneingeschränkt und vorbehaltlos. john lennon wußte es, als er von der leiter in yoko onos ausstellung wieder herunterstieg, an der decke die inschrift klein, aber lesbar – yes. widerlegt, was wir leben, die liebe? nein. aber mit der zeit werden die buchstaben blasser, oder sie lockern sich und fallen aus der wand…“

John Lennon indes ist nur einer der Hausgötter und Säulenheiligen, die Kristin Schulz’ lyrisch-musikalisches Pantheon bevölkern. Dazu gehören natürlich auch die Dichter Heiner Müller und Thomas Brasch, die schon brotberuflich Hauptrollen im Leben der Autorin spielen. Hinzu treten weitere Figuren wie Rolf Dieter Brinkmann, Ulrich Zieger, Sarah Kirsch und der melancholische Songwriter Townes van Zandt. Letzterer wahrscheinlich als pars pro toto für andere Songwriter und Chefmelancholiker wie Nick Drake, Tim & Jeff Buckley und Elliott Smith, um nur einige zu nennen. Kennern von Lyrik und Musik dürfte auffallen, dass alle Genannten bereits tot sind. Wahrscheinlich ist das die Einstellungsbedingung, um in die Namedropping-Liste von Kristin Schulz aufgenommen zu werden. Aber Scherz beiseite: Das erste Kapitel des Bandes mit dem Titel „Widmungen und Wendungen“ enthält Gedichte, in denen diese verblichenen Kronzeugen des guten Geschmacks – entweder als Zitat oder Protagonisten – konkret benannt werden, sie spielen also eingangs des Gedichtbandes die Rolle von Türstehern poetischer Inspiration.

Dessen ist sich Kristin Schulz wohl bewusst, nennt sie das erste Gedicht dieses Kapitel doch „meine toten dichter“. Darin schildert das lyrische Ich scheinbar reale Begegnungen mit verstorbenen Poeten: „im jahre 2006 habe ich thomas brasch / in einem londoner pub gesehen: in shakespeares head in soho…“ Brasch, gestorben 2001, ordert in diesem Pub die letzte Runde vor der Sperrstunde. Zwei Zeilen später heißt es: „heiner müller hat mir als er schon tot war meine fragen / zur edition seiner texte am telefon beantwortet.“ Wiederum zwei Zeilen später: „ulrich zieger den ich jahrelang nicht gesehen hatte / legte sich zu mir „wegen der wunde“. Es sind rätselhafte Präsenzen und kryptische Botschaften, mit denen verstorbene Poeten hier auftreten. Wunderbar prosaisch schwenkt Kristin Schulz auf die Zielgerade des Gedichts ein:

„…keiner wurde von einem auto erwischt
wie rolf dieter brinkmann in london und doch ist london eine stadt
in die ich nicht zurückkehren werde aus aberglauben und vorsicht
denn ein paar freunde fallen mir ein denen ich
ein längeres leben wünsche und meine träume“

Was ist das Besondere an Kristin Schulz’ Gedichten? Sie kommen nicht mit wetterleuchtenden Bildern daher, verzichten weitgehend auf metaphorischen Prunk. Stattdessen werden Worte wie Unzen gewogen, im wahrsten Sinne des Wortes auf die Goldwaage gelegt. In dem Kapitel „stimmbandlektionen“ findet sich das Gedicht „waage“:

Sei froh ob meiner müdigkeit
sei froh ob meiner mündigkeit
die eine bindet die andere
bündelt weniger mundscheu
steht sie weiter hält mich
der schlaf zurück noch ganz
in der schwebe treu noch
ausgeglichen bald ausgewichen
der glanz und gar

Kleine Buchstabenverschiebungen oder –ergänzungen und die gewünschte Ausgewogenheit wird geradezu körperlich spürbar. Minimale Verschiebungen mit maximaler Wirkung. So verwebt Kristin Schulz heterogene Bedeutungsteilchen in ein kohärentes Ganzes. Das ist, was Gerhard Falkner mit seiner Definition von Gedichten meinte: ein kleines Gebilde aus Worten für das Schillern des Lebens bewohnbar machen. Am Schluss dieses auch optisch sehr schön aufgemachten Bandes finden sich noch mehr solcher Kleinode. Das der Tochter von Kristin Schulz gewidmete Gedicht „genaue ahnung“ geht so: „wohin des wegs wohin des / wehs meine tochter lernt / sprechen und wechselt die zeichen / ich ahme nur nach sie weiß / was sie meint genau so

Bei diesem Gedicht spürt man eines: Es reicht nicht, nur die Sprache zu lieben. Als Leser will man auch das Gefühl haben, dass die Sprache den Dichter/die Dichterin – zumindest manchmal – auch zurückliebt. Bei Kristin Schulz‘ Gedichten finden sich einige solcher Glückmomente.

Hellmuth Opitz

Alle Zitate: © Kristin Schulz

 

"Angewandte Verhältnisse" von Kristin Schulz

Buchcover-Abbildung (Quintus-Verlag)

 

 

 

 

 

 

 

 

Kristin Schulz
Angewandte Verhältnisse, Gedichte
110 S., Quintus-Verlag, 15 €

 

 

 

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