Eingestreute Kritik: »Lyrik mit Gänsefüßchen« von Volker Maaßen

rezensiert von Sabine Zaplin

Die Gänsefüßchen kommen schwarmweise daher in Volker Maaßens neuem Gedichtband, mal als Paar-, mal als Kreuzreim, mal auf dem Wege zum „Zugvögeln“, dann wieder „schwanengleich“ – aber nie ohne das zum Gänsefüßchen gehörende Augenzwinkern. Der Hamburger Autor hat seine ersten literarischen Gehversuche im Umfeld der Neuen Frankfurter Schule gemacht. Im Vorwort nennt er – neben anderen – Robert Gernhardt seinen poetischen Ziehvater. Doch längst hat der 1943 in Breslau geborene Mediziner seinen eigenen lyrischen Ton gefunden und immer weiter entwickelt. So liest sich „Lyrik mit Gänsefüßchen“ wie eine kleine Werkschau auf die zahlreichen Kapitel seiner Dichterbiographie.

Maaßens gekonnter Umgang mit dem Reim manifestiert sich in geschliffen satirischen Kurzgedichten wie in „Dschihad am Nil“, wo zwei „rechtgläubige“ Flusstiere aufeinandertreffen, „Das Pferd stromab, das Dil stromauf – / so nahm das Drama seinen Lauf“. Aber auch jenseits der Komik versteht dieser Poet mit den traditionellen Formen der Lyrik umzugehen und gleichzeitig den eigenen Dichter-Vätern eine Referenz zu erweisen, wie z. B. in „Vergänglich“, worin Erich Kästners „Sachliche Romanze“ anklingt: „Sie konnten dreißig Jahre zu zweit / gemeinsam durch das Leben gehn. / Keine Minute tat ihnen Leid, / doch langsam kam die Alleinsamkeit, / sie konnten es nur nicht verstehn.“ Allein für das Wort „Alleinsamkeit“ gebührt Volker Maaßen ein Platz im Lyrikerhimmel.

Maaßen ist aber auch mit den Stilmitteln des Formgedichts vertraut und treibt diese in „O“ auf die dichterische Spitze, wenn er die Ver-Dichtungsbemühungen der Nichte äußerlich zu einem Keil werden lässt, der mit der Silbe „O“ in einer letzten Zeile endet. Immer wieder sind es die fundierten philosophischen Betrachtungen, die – auf den lyrischen Punkt gebracht – besonders überzeugen und sich im Gedächtnis des Lesers festhaken. Wenn wie in „Schattenbeweis“ der eigene Schatten auf dem Schreibtisch als Existenzbeweis dienen soll und sich dieser aber davonmacht, oder wenn sich die Erinnerung an eine verflossene Liebe im Bild einer am Bahnhofsgerüst sitzenden Taube manifestiert wie in „Damals“, dann ist ein klarer Denker am Werk, der mit den Mitteln des lyrischen Bildes umzugehen versteht.

Volker Maaßen ist ein reflektierter Wortakrobat. Die strukturierte Analyse gehört bei ihm unbedingt zu den ersten Arbeitsschritten am Schreibtisch und liegt jedem der in diesem Buch versammelten 114 Gedichte zugrunde. Dabei scheut er nicht, neben dem hohen Ton auch, wenn es angebracht ist, die Fäkalsprache lyrisch umzudeuten. „Egal“, heißt das wohl deftigste Gedicht des Bandes, es lautet: „Ist / er Christ / oder Salafist, / ob er Kotelett oder Kebab frisst, / ob er Ali oder Josef heißt, / macht er doch dasselbe, / Braune oder Gelbe, / wenn er scheißt.“ Dies sei jedem grölenden „besorgten Bürger“ ins Stammbuch geschrieben.

 

"Lyrik mit Gänsefüßchen" von Volker Maaßen

 

 

 

 

 

Lyrik mit Gänsefüßchen
Volker Maaßen
142 Seiten, € 12,90
Karina Verlag, Wien 2018
ISBN 978-3-96443-102-8

Sabine Zaplin. Foto: DAS GEDICHT

Sabine Zaplin. Foto: DAS GEDICHT

Sabine Zaplin wurde in Herford geboren und ist in Bielefeld aufgewachsen. In München studierte sie ab 1990 Neuere Deutsche Literatur, Anglistik und Komparatistik und begann mit ihrer literarischen Arbeit. Zudem arbeitete sie lange am Theater in verschiedenen Städten sowie Landestheatern.
1992 erhielt Sabine Zaplin den Kulturförderpreis ihrer Geburtsstadt Herford. Seit 1994 arbeitet sie als freie Journalistin, Autorin und Übersetzerin. Ihre Stationen führten sie unter anderem zur Süddeutschen Zeitung und zum Bayerischen Rundfunk.
Sabine Zaplin veröffentlichte Romane / Übersetzungen bei C.H. Beck und LangenMüller sowie Essays bei Steidl und Picus, Theaterstücke bei stückgut Verlag. Weitere Veröffentlichungen in Literaturmagazinen wie »ndl« und »die horen«.
Zu ihren letzten Veröffentlichungen zählen »Königskinder« (Verlag LangenMüller, München, 2008) sowie »Alle auf Anfang« (LangenMüller, München, 2011).

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