Eingestreute Kritik: Marwan Alis neuer Gedichtband »Wenn der Krieg ein Theaterstück wäre«

Zu nah, zu fern

Marwan Alis neuer Gedichtband „Wenn der Krieg ein Theaterstück wäre“

Rezension von Hellmuth Opitz

Kann der Zerfall der Heimat nach 24 Jahren im Exil auch heute noch so schmerzen und solche in Poesie gegossene Sehnsuchtsanfälle auslösen? Sorgen Zeit und räumliche Entfernung nicht für eine innere Distanz? Dieser Gedichtband von Marwan Ali beweist das Gegenteil. Ali, kurdisch-syrischer Dichter, wurde in Kersur geboren. Er hat Syrien bereits 1995 verlassen, zu Zeiten, als noch Hafiz al-Assad, der Vater des heutigen Diktators, mit harter Hand herrschte. Er ging zunächst in die Niederlande, lebt aber seit 2004 in Deutschland. Den arabischen Frühling von 2011, der in der Folge in Syrien zu einem mittlerweile 8 Jahre dauernden blutigen Bürgerkrieg führte, an dem sich mittlerweile auch internationale Kombattanten beteiligen, hat Marwan Ali nicht aus unmittelbarer Nähe erlebt. Dennoch ist der Krieg in seiner Poesie allgegenwärtig.

Immer wenn ich einen Bus sehe,
denke ich an den Weg nach Aleppo.
Immer wenn Ich ein Grab sehe,
denke ich an meine Heimat.

Es scheint fast so, als sei Marwan Ali – aus verständlichen Gründen – geradezu monothematisch auf die katastrophale Lage in Syrien fixiert, obwohl er selbstkritisch genug das Gegenteil behauptet: „Ich habe Angst vor diesem Wort: Krieg. Ich versuche es in meinen Gedichten zu vermeiden. Ich bin ein feiger Dichter und liebe das Leben …“ Das klingt wie Selbstanklage und Selbstverteidigung zugleich und ist ein Beleg, mit welcher existenziellen Wucht ein solcher Krieg die Menschen packt, selbst wenn sie nicht in der Heimat als Kriegsteilnehmer „vor Ort“ sind. Marwan Ali spürt dieses „Außen-vor-Sein“, das bei ahnungslosen Betrachtern oder Lesern auch zu vorurteilsbehafteten Annahmen führen kann: Was will dieser Dichter eigentlich? Er ist seit fast einem Vierteljahrhundert aus Syrien weg, hat die aktuellen Verheerungen nicht direkt oder nur medial übermittelt erlebt und kommt nun mit einem Gedichtband daher, der die Lage seiner Heimat in eigene Seelenpein gießt.

Ist das glaubwürdig? Springt da nicht einer auf den Zug auf, an dessen Stirnseite „Syrien als Weltkrise“ steht, also zynisch gesagt: „creme de la problem“? Man spürt den Gedichten von Marwan Ali bisweilen an, dass er sich dieser Situation oder ungeschriebenen Anklage durchaus bewusst ist. Zu welch seelischen Verzweiflungszuständen und innerer Verwahrlosung eine solche Situation führen kann, zeigt eindrücklich das Gedicht „Dies ist doch kein Herz“. Es beginnt mit dem Vers „ich lebe seit Jahren ohne Herz./ Es hat die Tür geöffnet, ging weg und kam nie mehr zurück.“ Im Folgenden beschreibt Ali, wie sein Herz herumvagabundiert: Es steigt verheirateten Frauen nach, besäuft sich, übernachtet mit Pennern im Park, ist bisweilen dem Selbstmord nahe, wenn es an die zurückgelassene Familie denkt. Das Gedicht endet mit der Strophe: Jedes Mal, wenn ich an die Geschichte dieses Herzens / denke, sage ich zu mir, dass dies wohl kein Herz ist, / sondern ein tiefer Stich in meine Brust.

Dieses Empfinden der eigenen Herzlosigkeit zieht sich durch einige Gedichte. Es wirkt umso stärker, je aussichtsloser und vertrackter der Syrienkonflikt zu sein scheint. Angesichts dieser scheinbaren Endlosigkeit imaginiert sich das lyrische Ich, das bei Marwan Ali fast immer das autobiographische Ich ist, geradezu eine Aufführung des Krieges herbei mit Anfang und Ende, wie in dem titelgebenden Gedicht des Bandes:

Wenn der Krieg ein Theaterstück wäre, dann würde sich
der Tote erheben, wenn er mit seiner Rolle fertig ist.
Er würde den Staub und das Blut von seinen Kleidern
wischen und nach Hause zurückkehren.

Der Krieg als Bühnenaufführung, als Inszenierung und theatralisches Ritual. Das wäre angesichts der furchtbaren Realität tatsächlich ein Traum. Der Gedichtband von Marwan Ali ist in vier Kapitel unterteilt, sie enthalten insgesamt 61 Gedichte. Eine strikte thematische Unterteilung haben die Kapitel nicht. Das erste Kapitel trägt den an Proust angelehnten Titel „Auf der Suche nach dem verlorenen Ort“ und enthält im Wesentlichen persönliche Erinnerungen an Familien, Menschen und Orte, die unwiederbringlich verloren scheinen. Aber auch das Ankommen und Leben in den Niederlanden wird thematisiert. Im Kapitel „Diese Liebe war mühsam“ finden sich auch Gedichte, durch die einmal nicht der Krieg unterschwellig seine schwarze Schleppe zieht, wie etwa im Gedicht „Muttermal“:

Guten Morgen deinem Büstenhalter.
Guten Morgen deinem Lippenstift, dessen Spuren
im Bett blieben.
Guten Morgen deinem Muttermal
unten an deinem Bauch,
von dem keiner weiß,
nicht einmal dein Mann.

Siehe da, ein kleines frech-frivoles Ehebruchgedicht. Aber Heimatsehnsucht und Traurigkeit angesichts Tod und Zerstörung bestimmen die Grundierung der meisten Gedichte. Die Sprache von Marwan Ali ist sehr direkt und deshalb eindrücklich. What you read is what you get. Hinter den Worten verbergen sich keine Untiefen oder Falltüren. Er türmt nicht poetische Ornamentik auf wie viele arabische Dichter*innen, die Gedichte sind schnörkellos und zugänglich. Das unterscheidet ihn auch von manchen syrischen Poet*innen der jüngeren Generation, wie etwa Lina Atfah mit ihrem bemerkenswerten Gedichtband „Das Buch von der fehlenden Ankunft.“ Die einfachen großen Dinge brauchen kein falsches Pathos, sie brauchen eine einfache, unverstellte Sprache. Gerade dadurch gewinnen die Gedichte von Marwan Ali an existenzieller Kraft. In einem der letzten Gedichte des Bandes kommt sogar ein Silberstreif an Hoffnung zum Ausdruck.

…Und die Erde dreht sich

Mein Koffer ist schon gepackt,
Mira sitzt auf meinem Schoß
und wir warten
in diesem fernen Land.
Aber da die Erde sich dreht,
werden wir eines Tages in Syrien ankommen.

 

© alle zitierten Verse Marwan Ali

 

"Wenn der Krieg ein Theaterstück wäre" von Marwan Ali

Coverabbildung (Verlag Hans Schiler)

 

 

 

 

 

 

 

Marwan Ali
Wenn der Krieg ein Theaterstück wäre, Gedichte
Verlag Hans Schiler
88 Seiten, 16 Euro

 

 

 

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