Eingestreute Kritik: Sünje Lewejohanns Gedichtband »die idiotische wucht deiner wimpern«

 

Brandsätze

Ich gebe zu, ich hab mir schon einige Langspielplatten nur aufgrund ihres Covers gekauft, z.B. Grand Funk Railroads „E Pluribus Funk“, XTCs „Drums & Wires“ oder „Amorica“ von den Black Crowes. Und das Schöne daran ist: Ich bin nur sehr selten enttäuscht worden. Bei Gedichtbänden geht es mir ähnlich – nur nicht mit dem jeweiligen Cover, sondern mit Titeln. So kaufte ich mir seinerzeit Rühmkorfs „Haltbar bis Ende 1999“, war zehn Jahre später fasziniert von Gerhard Falkners „wemut“, weil dieses Wort das Gefühl der Melancholie im Stile eines chemischen Elements wie Wismut fasste. Auch hier erlebte ich kaum einmal, dass die Gedichte nicht hielten, was der Titel versprach. Als ich den Titel von Sünje Lewejohanns Band „die idiotische wucht deiner wimpern“ in einem Verlagsprospekt las, griff ich natürlich sofort zu, verleiht er doch dem Reflex des Lidschlags eine dynamische und zugleich elektrisierende Aufladung. Bei Erhalt des Bändchens stellte ich fest, dass es außerdem über ein schönes Cover verfügt. Es zeigt in Selfie-Optik die Beine einer sitzenden Frau inmitten einer banalen Sitzgruppe mit Kaffeetasse und Bierflasche auf dem Couchtisch, was der Szenerie eine gewisse Alltags-Sexyness verleiht. Doch diese Sexyness ist ambivalent. Sie zeigt Begehrlichkeit und Verletzlichkeit gleichermaßen. Der Gedichtband enthält – das legt der Titel nahe – in erster Linie Liebesgedichte. Doch wer hier ausschließlich eine erotische Hommage erwartet oder gar eine Blumenspur aus Lob, Preis und Huldigung, wird sich erstaunt Augen und Ohren reiben. Temperamentvoll sind diese Gedichte, eine fulminante Mischung aus Anmache und Anklage, aus Wut, Sex, Leidenschaft, Zärtlichkeit, Gewalt, Trauer, Grenzüberschreitung, Melancholie, Sinnlichkeit und Raserei. Wunderbar hält Sünje Lewejohann diese auseinanderstrebenden Elementarteilchen in der poetischen Schwebe ihrer Sprachbilder. In dem Gedicht „IM FIEBER“ heißt es unter anderem:

„irgendwie bin ich voller gewalt. / ich trage wunderschöne wut. / ich bin unerbittlich.
ich bin die bombe in uns. /…/ ist das nicht genug? mir schläft alles ein, / das liegt an der idiotischen wucht deiner wimpern, / der bewegung deiner hände / und der tastenden spur deiner lippen / auf meinem gesicht. //“

Bestechend ist die Unmittelbarkeit der Sprache. An jedem Satz eine Lunte, die brennt, es sind Brandsätze im wahrsten Sinne des Wortes. Und die Membran ist äußerst dünn zwischen lyrischem und tatsächlichem Ich. Das zeigt sich besonders in einem Gedicht wie „WAS DU NOCH ÜBER MICH WISSEN SOLLTEST“, das wie ein poetisches Passepartout die Persönlichkeit der Dichterin aus ihren Wünschen, Vorlieben, Sehnsüchten, Charaktereigenschaften, aber auch aus ihren Ablehnungen, ihrem Ekel ausstanzt. Hier ein Ausschnitt:

„ich will, dass du mich mehr liebst als ich dich. / meine sexualität hat risse. mein ganzes wesen hat risse. / ich glaube, ich bin auf mehreren ebenen gestört. //“

Formalisten, Metaphernliebhaber und Freunde des uneigentlichen Sprechens dürften angesichts dieser unverstellten Sätze von einer Aufzählung naiver Bekenntnisse sprechen. Dabei übersehen sie die Dynamik dieser wie im Affekt herausgestoßenen Selbstbeschreibungen. Es sind Facetten und Bausteine eines lyrischen Ichs, das sich ungeschützt mit seinen Stärken, Schwächen und Unsicherheiten präsentiert. Außerdem laden sich diese Verse gerade durch ihre temporeichen Bekenntnisse mit Unmittelbarkeit und Verve auf. Über schonungslose Direktheit verfügen auch die Gedichte, die einfach eine ausgeschriebene Zahl im Titel haben wie „ZWEIUNDVIERZIG“ oder „SIEBENUNDZWANZIG“. Trotz redlichen Bemühens bin ich nicht hinter das System bzw. die Absicht hinter dieser scheinbar beliebig durcheinandergewürfelten Zahlenmystik gekommen. Inhaltlich sind diese Gedichte aber durchaus kohärent, geht es in Ihnen doch um die Erfahrungen eines weiblichen Subjekts mit Liebe, mit Gewalt, mit Rausch, mit Zudringlichkeit und Ekel. Es geht sehr physisch zu in diesen Versen, die Gedichte sind körperlich. Vielleicht haben die Zahlen auch etwas mit dem jeweiligen Alter des lyrischen Ichs zu tun. So heißt es in dem Gedicht „DREIZEHN“:

ich kann mich erinnern mit dreizehn
auf einem hafenfest. ich hatte verschnittene
haare und trug ein blumenkleid.
überall männer auf bierbänken und
schob mir seinen fuß zwischen die beine.
ich schlug auf sein knie. meine faust schmerzte und er
lachte laut. er bleckte die zähne. ich schrie ihn nicht an.
ich warf meinen mund weg.

Da haben wir ein Gedicht, dass den aggressiven Akt männlicher Übergriffigkeit zunächst in dokumentarischer Sprödigkeit zu schildern scheint und dann kommt am Schluss ein so umwerfend eindrückliches Bild: „ich warf meinen mund weg“ – sprachlich treffender kann man das bedrückte Schweigen der dreizehnjährigen Protagonistin kaum in Szene setzen. Wie oben bereits gesagt: Wenn Sünje Lewejohann „Ich“ sagt, meint sie „Ich“. Selbst wenn sie dann in verschiedene Identitäten und Phänomene schlüpft wie in der Handvoll Gedichte, die mit „Ich bin“ beginnen wie etwa das Gedicht „ICH BIN EIN TAG, DER ENDET / und kannst du beim nächsten mal bitte wieder erraten, / was ich will, wenn deine lippen sich meinen nähern. /…/ ich bin ein ängstlicher und sehr wütender mensch. / diese kombination ist von allen möglichen wohl die schlimmste. //“

Erotische Offensive und schonungslose Psychogramme verschränken sich in ihren Gedichten in einer Direktheit, die diese Poesie, die ihre Sprache so unberechenbar und deshalb überraschend macht. Man weiß als Leser nie, was einen hinter der Biegung des nächsten Satz erwartet. Nur eines ist sicher: Die Gedichte von Sünje Lewejohann vibrieren vor Lebendigkeit. Und das ist mehr, als man von einem Großteil der zeitgenössischen Lyrik heute sagen kann.

Hellmuth Opitz

 

"die idiotische wucht deiner wimpern" von Sünje Lewejohann

Buchcover-Abbildung (Verlag parasitenpresse)

 

 

 

 

 

 

 

 

Sünje Lewejohann
die idiotische wucht deiner wimpern
Gedichte, 90 S., 12 €
parasitenpresse

 

 

 

 

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