Eingestreute Kritik: Sujata Bhatts Gedichtband »Die Stinkrose«

 

Das Unentdeckte. Die Unentdeckte

Mit den Blüten von Blumen oder Zierstauden haben Knoblauchblüten nur wenig bis gar nichts gemeinsam. Bei ihnen handelt es sich – zieht man die Pflanzen-Fachliteratur zu Rate – um „Scheindolden, die steril sind und keine Samen bilden.“ Auch mit der Rosenblüte hat die Knoblauchblüte also nichts gemeinsam. Sie bildet sich kugelförmig aus, ist flieder- bis violettfarben. Dass sie den volkstümlichen Beinamen „Stinkrose“ trägt, sollte nicht verwundern: Ihre optische Attraktivität, die der einer Rose in nichts nachsteht, verbindet sie mit dem allseits bekannten, oft enervierenden Geruch, der Knoblauch so eigen ist. Summa summarum: Die Stinkrose verbindet visuellen Reiz mit olfaktorischer Einschränkung. Warum betitelt jemand seinen Gedichtband so, wenn überempfindliche Gemüter womöglich bei Nennung gleich die Nase rümpfen könnten? Sujata Bhatt gibt im titelgebenden Gedicht gleich die Antwort: „Alles was ich zu sagen wünsche / ist enthalten im Namen / dieser Knoblauchzehen – sie leuchten / wie Perlen, die noch warm sind vom Hals einer Frau.//“ Vielleicht summiert der Titel auch die lyrische Wahrnehmungsweise von Sujata Bhatt, ihre Fähigkeit, das Hässliche im Schönen zu entdecken, den üblen Duft im schönen Kleid. Wobei es nicht darauf ankommt, was zuerst wahrgenommen wird, zumal es in ihrem Gedicht wenig später heißt:

 

Wusstest du, dass man einige Zehen neben
den korallenfarbenen Rosen einpflanzte,
im Glauben, man dränge die Blüten so
zu stärkerem Wohlgeruch…

Alles ist enthalten in diesem Namen
für Knoblauch.
Rosen und Düfte
und die Kunst des Namengebens…

 

Das ist etwas, was Sujata Bhatts Poesie prägt: Das Gespür für Unentdecktes, die Geschichte hinter der ersten Wahrnehmung, die Eleganz, mit der sie scheinbare Gegensätze auf unnachahmliche Weise verknüpft. Dabei ist die Dichterin hierzulande selbst noch weitgehend eine Unentdeckte. International genießt Sujata Bhatt einen veritablen Ruhm als herausragende Poetin, ist gern gesehener Gast auf Poesie-Festivals weltweit und wurde mit einigen bekannten Poesie-Preisen, so etwa dem Commonwealth-Poetry-Prize ausgezeichnet. Hierzulande aber ist der Name Sujata Bhatt nur Lyrik-Insidern bekannt. Das wird sich hoffentlich mit dieser Kollektion ändern, einer Auswahl von Gedichten aus unterschiedlichen, bislang nur in englischer Sprache erschienenen Bänden. Die Voraussetzungen für einen Schub in Sachen Bekanntheit hierzulande stehen nicht schlecht, erscheint der Band doch in der verdienstvollen Reihe Edition Lyrik Kabinett bei Hanser. Dass der erfolgreiche und renommierte Poet Jan Wagner die Übersetzung der Gedichte aus dem Englischen übernommen und dazu ein informatives, kundiges und genau beobachtendes Nachwort geschrieben hat, dürfte dem Band in der Feuilleton-Wahrnehmung ebenfalls nicht schaden. Was an Sujata Bhatts Gedichten auf Anhieb auffällt, ist die Weltoffenheit und Internationalität, die sich in der Bandbreite der Themen spiegelt. Ob es um Kindheitserinnerungen aus Indien geht, um Affen im Dschungel, um Nordseesturmfluten oder Moorleichen, die Gedichte erzählen detailreiche Geschichten zwischen Schönheit und Grausamkeit. Geboren im indischen Ahmedabad, Gujarat, wuchs sie in Poona auf, 1968 emigrierte die Familie in die USA und sie studierte an der University of Iowa. Die Sprache, in der sie Poesie schreibt, ist Englisch, „Indian-English rather than Anglo-Indian poetry“ wie ein Kritiker mal bemerkte. Für die Poesie hat sie also ihre Muttersprache aufgegeben, ein Verlust, den sie immer wieder thematisiert, so auch in ihrem berühmten Gedicht „In search of my tongue“, das heute zur englischen Schulbuchlektüre gehört. Das ständige Umziehen, Reisen, Einleben in neue Kulturkreise schafft ein Gefühl der Heimatlosigkeit, das Sujata Bhatt meisterhaft in dem Gedicht „Jene, die fortgeht“ bannt:

 

Ich bin jene,
die immer fortgeht.

Manchmal werde ich gefragt,
ob ich nach einem Ort suche,
der meine Seele davor bewahrt
umherzuwandern,
einem Ort, an dem ich bleiben kann,
ohne, dass ich ihn verlassen will.

Wer weiß.

 

Keineswegs erschöpfen sich die Gedichte in melancholischer Ungewissheit und Unbehaustheit. Allein die heterogenen Orte, an denen Sujata Bhatt lebte, liefern Stoff für fein wahrgenommene Augenblicke wie in dem Gedicht „Ein chinesischer Koch“, das schildert, wie in unmittelbarer Nachbarschaft zu dem beschäftigten Koch eine Schlange einen Gecko verspeist. Die Gleichmut und Gelassenheit, die Sujata Bhatts Poesie dabei transportiert, zeugt von einer so unprätentiösen wie genauen Beobachtungsgabe. Dass die Gedichte angesichts der unterschiedlichen Schauplätze oft exotische Hintergründe aufweisen, ist normal und kein Zeichen von Exotismus oder postkartenähnlicher Kulissenschiebung. Die Poetin ist sich dessen bewusst und treibt es bisweilen humorvoll auf die Spitze wie in dem Gedicht „Mein lieber Dschungel“, wo es heißt: „ich brauche deine dschungelige Dschungeligkeit.“

Einen weiteren Aspekt von Sujata Bhatts Motivwahl analysiert Jan Wagner in seinem Nachwort sehr treffend: „kein in einem programmatischen Sinne feministischer Blick auf die Dinge prägt Sujata Bhatts Dichtung, aber doch einer, der immer wieder und mit Intensität und Wärme auf Frauen ruht, ihre Lebensumstände und Perspektiven zu erkunden sucht.“ Dafür finden sich in dem Band zahlreiche Belege: Im Startgedicht „Weiblichkeit“ wird eindrucksvoll das Porträt eines Mädchens in Indien gezeichnet, das Kuhdung aufsammelt. Im Gedicht „Frauenjournal“ wird eindrücklich die Genitalverstümmelung von Mädchen beklagt und das Paula-Modersohn-Becker-Gedicht „Schwarze Segel“ erzählt die brutale Geschichte einer weiblichen Moorleiche, die einst als Ehebrecherin bestraft wurde, in dem man sie nackt und lebendigen Leibes buchstäblich im Moor einebnete:

 

Dann
traten die Knechte auf ihren Körper –
die größten Männer gingen über sie hinweg
und stampften sie in den Schlamm –
Die Pampe nahm sie in sich auf –

 

Sujata Bhatt vertraut ganz den Geschichten, die ihre Gedichte erzählen, sie hat es nicht nötig, sie mit manieristischen Metaphern aufzuplustern und die Übersetzung von Jan Wagner folgt ihr darin mit behänder Eleganz. Es ist die souveräne Verknüpfungskompetenz, die die Lektüre dieser Gedichte so mitreißend macht. Eine universelle Bildung trifft auf fasziniertes Staunen oder Erschrecken angesichts der Merkwürdigkeiten der Welt. Im Banalen scheint das Bedeutende auf, im Überhöhten wird der schäbige Kern sichtbar. Schillernd schön, mit einer poetischen Rasanz, die sich unabhängig von den Schauplätzen entfaltet, weisen diese Gedichte auf ein Ziel hin, das sich in dem Gedicht „Ars Poetica mit Mohnblumen und Vögeln“ – und zwar erst in der letzten Strophe des Bandes – offenbart:

 

Mittlerweile wirst du es erraten haben:
Das Buch will einzig und allein, dass du weggehst,
damit es ein Garten für Vögel werden kann.

 

Vorher allerdings sollte man dieses faszinierenden Gedichte in sich aufgenommen haben.

Hellmuth Opitz

 

"Die Stinkrose" von Sujata Bhatt

Buchcover-Abbildung (Hanser Verlag)

 

 

 

 

 

 

Sujata Bhatt
Die Stinkrose
Aus dem Englischen von Jan Wagner
Edition Lyrik Kabinett bei Hanser
168 S. EUR 20,-

 

 

 

 

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