»Haben sie keine Angst vor dem Gedicht, es fürchtet sich vielmehr vor ihnen.«

Rede auf der Weimarer Lyriknacht 2017

von Nancy Hünger
 

Meine verehrten Damen und Herren, liebe Freunde, liebe Ermöglicher, Tommy, Sigrun, Martin, Angela, Sylvie, liebste Dichter und Musiker, liebe alle,

sie wissen es bereits, zu Beginn trage ich ihnen in meiner Kürzestrede, obzwar sie freiwillig hier, also offensichtlich der Dichtung geneigt sind, die Poeme an, ich trage sie ihnen hinterher, ich trage sie ihnen auf, seit Jahren, ich schleppe sie noch in die abgelegenste und dunkelste Geisteswüstenei und werde nicht enden, niemals, bevor die Gedichte nicht hochfrequent zwischen uns wechseln wie Wild in der kasachischen Steppe, bevor die Gedichte nicht ankommen, angehört, gehört werden. Zumeist verpacke ich sie unter einer Lage Humor und drehe noch eine pittoreske Schleife Kalauer drumherum, damit sie nicht erschrecken, vor dem Gedicht zurückschnellen, vor seiner offensichtlich beängstigenden Unergründlichkeit.

Ich bitte sie also: Haben sie keine Angst vor dem Gedicht, es fürchtet sich vielmehr vor ihnen. So viel voraus und vorweg, denn in diesem Jahr will ich auf die Verpackungskunst, der Umwelt zuliebe, verzichten, ich mache es kurz und so schmerzlos wie mir möglich; und sage ihnen freiheraus, ganz offenherzig, wie es ist: Ein Leben ohne Gedichte ist unmöglich, das wissen Sie vielleicht, da sie ja zugereist Zugneigte sind und wenn nicht, wissen sie es jetzt.

Unserem Leben, also unserer meist lebendigen Teil-Anwesenheit, ist ein winziger Schalter eingebaut, es teilt sich in Hälften dies Leben, ich rufe Hölderlin und Dante, sie bestätigen, es gibt ein Davor und Danach, und zumeist bewegen wir uns recht ratlos inmitten kippen wir um und um. Es gibt also eine erste und eine zweite Hälfte, die zweite setzt oft zögerlich, unmerklich ein und ziert einen dezenten Trauerflor um unsere Augen, die zweite beginnt und endet mit dem Tod, erst wird wenig, dann immer mehr und letztlich ausdauernd und viel gestorben. Freunde gehen, die Liebsten, die Anverwandten gehen und niemand findet den Weg, kehrt zu uns zurück.

Es gibt also eine Zeit in der wir Willkommen und eine in der wir Abschied sagen müssen. Eine Zeit des beständigen adéadéadé, da wir bereits ahnen, dass auch wir uns tagtäglich verabschieden, immer nur ein wenig, um ein weniges mehr adé: wir / und es beginnt in uns zu trauern, es trauert uns ein.

Nancy Hünger. Foto: Felix Wilhelm

Nancy Hünger. Foto: Felix Wilhelm

Die Trauer, sagt meine liebe Bärbel, die Trauer ist ein Gefühl, das es sehr schwer hat auf der Welt, niemand will es gerne bei sich, will es aushalten, beheimaten, die Trauer ist also obdachlos vagabundiert sie seit menschengedenk umher und sie würde noch immer unter einem schäbigen Karton an irgendeiner weltbeliebigen Straßenecke hungern, frieren und fristen, gäbe es, ja gäbe es nicht Gedichte wie ein Obdach, eine Heimstatt, für dieses unendliche Gefühl, dieses dauernde Verabschieden. Nur so lässt es sich aushalten, lässt sich mit dem Abschied haushalten. Denn Weh mir, wo nehm’ ich, wenn es Winter ist, die Worte her.

Aber, fällt mir Diotima, aber, fällt mir Beatrice in die Rede, wo umfänglich und ausdauernd getrauert wird, wächst das Rettende auch. Wir kennen noch so ein Groß- so ein massives ungeheuerliches Riesengefühl, das es auch schwer hat in der Welt, weil es durch so viele Münder hindurch musste, dass es ganz angekaut und abgenagt, manchmal nicht mehr um die eigene Wahrheit weiß: die Liebe, ignoriert, verspottet, entwertet, findet nirgends eine solche Zuflucht wie im Gedicht. »Als Aussage, so Roland Barthes, steht ichliebedich auf Seiten der Verausgabung. Alle, die die Aussage des Wortes wollen (Lyriker, Lügner, Unstete), sind Subjekte der Verausgabung: sie verausgaben das Wort, so als sei es unverschämt gemein, es irgendwo wiederzuverwerten; sie stehen an der äußersten Grenze der Sprache, da, wo die Sprache selbst (und wer sonst täte das an ihrer Stelle?) erkennt, daß sie ohne Garantie ist, ohne Netz arbeitet. Die Liebe schreiben wollen heißt dem Mörtel der Sprache die Stirn bieten.«

Wenn sie, meine Damen und Herren, solch ein Gefühlskoloss hinterrücks überfallen, ach, überrollen sollte, wenn sie mit einem Bein bereits in der Abschiedshälfte stehen oder noch tändeln, wenn sie nicht mehr ein noch aus wissen, rate ich ihnen zu Gedichten, rate ihnen zu Sappho oder Hölderlin, Krechel oder Schulz, Feibig oder Filips, legen sie sich einen Proviant an, verproviantieren sie sich bis unter die Zähne, horten sie Gedichte, wenn möglich so viele, wie sie bekommen können, vertrauen sie mir, sie werden sie brauchen, werden in ihre zärtliche Obhut einkehren dürfen, wann immer die Welt sich abwendet von ihnen, wenn sie ihnen unverständlich wird, beginnt das Gedicht mit ihnen zu sprechen, sie müssen nur das Ohr auflegen und mit ein wenig Hingabe lauschen. Sie können ihr Leben ohne Gedichte versuchen, gewiss, aber sie werden schnell einsehen, dass es nicht nur sinnlos, sondern unmöglich ist und mir beipflichten, dass es ein Glück ist, dass die Dichter ihre Stirn bieten, sich verausgaben an ihre Sprache, die Sprache durchseelen, alles Leid und alle Liebe, die durch sie hindurchmussten, durch ihre Sprache, nur damit wir in den hellichten und dunkelsten Stunden nicht alleine sind und Beistand haben, wann immer wir ihn benötigen, wenn uns Liebe und Leid die Worte verschlagen oder schlimmer die Knochen brechen wollen, wird das Gedicht zur Stelle, wird da sein, für sie, für mich, für uns, wann immer wir es rufen, wird es uns die Worte zurück geben, sogar unsere Knochen heilen den Kummer, allein indem es zu uns spricht : dies Wunder : das Gedicht.

merci!
 

Nancy Hünger, geboren 1981, studierte Freie Kunst an der Bauhaus-Uni­versität Weimar und ver­schrieb sich danach ganz der Litera­tur. Sie lebt als freie Autorin in Erfurt. Im Herbst 2008 erhielt sie ein Hermann-Lenz-Stipendium, 2012 das Dürener Förder­stipendium Lyrik. Im Jahre 2011 war sie Jenaer Stadt­schreiberin, 2013 Stipendiatin des Künstler­hauses Eden­koben. Im Jahre 2014 erhielt Nancy Hünger den Caroline-Schlegel-Förder­preis der Stadt Jena für einen Essay zur Erzählung »Alte Abdeckerei« von Wolf­gang Hilbig, 2015 das Thüringer Literatur­stipendium Harald Gerlach.

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