»Im Zimmer meines Vaters« von Friedrich Ani

rezensiert von Nicola Bardola

Der bekannte Schriftsteller Friedrich Ani hat als jugendlicher, später dann zu Beginn seiner Laufbahn und auch danach immer wieder Gedichte veröffentlicht. Der siebenfache Deutsche Krimipreisträger sagt: »Ich habe begonnen mit Gedichten als ich elf Jahre alt war und ich habe nie damit aufgehört.« Ani bedauert, dass man auch »hauptberufliche Lyriker« kaum kennt und wundert sich nicht über die Überraschung seiner Leser, wenn sie feststellen, dass es da nicht nur die Ermittler Süden, Polonius Fischer, Jonas Vogel oder Jakob Franck gibt.

Themen der Einsamkeit, der Schwermut und des Schweigens herrschen vor: »Am Anfang ist Stille«, erklärt Ani die Entstehung von Gedicht, denn monatelang bringt er keine Zeile aufs Papier. Er wartet dann auf etwas, das ihn anspringt, auf Melodien, die er in Worte transponieren kann. Oft sei es dann nicht schwer, weiterzumachen. Für ein gutes Gedicht brauche es einen Autor, der aus dem Hintergrund winkt, so wie der »Zimmerling«. So nennt sich das lyrische Ich im letzten Gedicht: »Ich lebe im Zimmer eines stillen Hotels«, sagt der Zimmerling und winkt seinen »Lieben« und »Fernen«. Seine barfüßigen Nachbarn leihen sich Blicke von ihm aus oder bringen ihm die Gedanken der Lieben und Fernen frei Haus. Was hier winkend auf Distanz geht, was sich von sich selbst zu trennen scheint, das befindet sich auch im ersten Gedicht in einem Zimmer: » … ein Körper, da, wie aus Wänden ein ewiger / Stein. So schwer ist das nicht: sein.«

Zwischen dieser Klammer, wo es auch heißt, »Ich bin zu zweit, seit / jeher, seit der Kinderzeit«, wird das Dasein mit drei Leitmotiven thematisiert, Steine, Schnee und Schatten, die in den titelgebenden Zyklus münden, neunzehn Prosagedichte, die Friedrich Ani, ein 1959 geborenes uneheliches Flüchtlingskind, seinem verstorbenen Vater widmet. Auch hier herrscht Distanz: » … schobst du ihr dumpfes Geraune unters Gerümpel im Abteil deiner Seele, das nie ein Mensch betrat, so nah er dir auch kam – – – « Ani wünscht sich seinen Vater zurück (»so bleib doch noch«) und kommt ihm schreibend so nah, wie nie zuvor im Leben, als der gebürtige Syrer in Friedrich Anis Heimatdorf Kochel noch als Landarzt praktizierte. Ani Senior, der »Sohn des Sandes«, schlägt in einer anrührenden Memoiren-Passage den Atlas auf: » … und / zeigtest mit dem Finger auf den Fluss und einen / klein gedruckten Namen, er krönte deine Stimme / wie ein Diadem. // So sprechen hörte ich dich selten, der eine / Name, Mayadin, er klang wie ein Gebet aus einem / Wort …«.

Ani hatte nur einige Zeilen über seinen Vater geschrieben und dachte, dass es ihm nicht gelingen würde, über ihn zu schreiben, so wie er ihn sieht. Aber dann kamen Anfragen in Zusammenhang mit Anti-Pegida-Demonstrationen. Er sollte spreche und erkannten Zusammenhänge, zwischen seinem Vater und dem, was draußen passiert. »So sind immer mehr Verse dazugekommen, durch diese öffentlichen Auftritte«, erklärt Ani, der bei solchen Anlässen nichts Journalistisches vortragen wollte. Aktuell sind diese Erinnerungen an das Fremdsein in Deutschland und unwillkürlich stellt sich die Frage, ob auf syrischem Sand, im heimatlichen Land aus so viel Schweigsamkeit (» … er schwieg auf Arabisch, weil die Worte, / die deutschen und immer noch schweren, zu / unterst irgendwo lagen und er kam nicht dran …«) auch so ergreifende Lyrik entstanden wäre. Manche Sätze im Zimmer-Zyklus klingen wie der endgültige Abschied vom Verstorbenen: »Wir liebten uns mehr, als wir einander je zu / offenbaren wagten.« An das Ende gelangt ist Ani auch im »Echo an den Selbstgenügsamen«, einer, der »das Schweigen schmückt«: »Für dich und deine Tränen betet keiner, / vielleicht dein treuer, unscheinbarer Schatten. / Dies Blatt, es winkt dir. Weinen kann ich nimmer.« Adieu sagt Ani am Ende von »Taumeln« (» … So arg // liebte ich sie und / taumelte und tat / nichts dazu. Und // nun ists zu spät, / für alle Zeit / zu spät.«) oder am Ende von »Vertan« (» … So blieb er für / sich, wie sie auch. Und / das Leben verging.«).

Für den Umschlag wählte der Verlag das Gedicht »Enttäuschter Schatten« mit einem müde murmelnden und schlurfenden Protagonisten: »Sahst du meinen Schatten heut? Er / schlich, als ich schlief, aus der / Klause (…) Er wär, denkt er, / lieber wem andern zugeteilt / worden, Nurejew vielleicht.« Manchmal verbindet der Romantiker Friedrich Ani (»mein Leib im Herzen eines Kieselsteins«) die Leitmotive und weckt mit Beschreibungen des Schweigens »Ahnen mit steinernem Mund«, »Ahnen aus Marmor« oder »steinerne Fäuste« (im Bach) zu literarischem Leben. Ursprung ist die Bayerische Bergwelt, in die er widerwillig geboren wurde (»Fremder bin ich, fremd geblieben, / wo ich aufwuchs fern im Meerlosland.«), in der sein Vater schwieg, » … im Steinland dieser Fremde.« Friedrich Ani, der ursprünglich Songtexter werden wollte und zunächst nur Gedichte veröffentlichte, ebnet in diesem Buch den Lesern von Kriminalromanen den Weg zur Lyrik: »Mir fallen Dinge ein, die einen / Mord erlaubten, einen / Freispruch dann (…) Und jeder, / der sich wundert, ist tot und / modert unter Steinen.«

 
Friedrich Ani  Im Zimmer meines VatersFriedrich Ani
Im Zimmer meines Vaters

Gedichte
Suhrkamp, Berlin 2017
136 S.
18,- € (D)
 

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