Jubiläumsblog. Ein Vierteljahrhundert DAS GEDICHT
Folge 7: Babette Werth – Der Mensch hinter der Dichterin

Seit 25 Jahren begleitet die Zeitschrift DAS GEDICHT kontinuierlich die Entwicklung der zeitgenössischen Lyrik. Bis heute ediert sie ihr Gründer und Verleger Anton G. Leitner mit wechselnden Mitherausgebern wie Friedrich Ani, Kerstin Hensel, Fitzgerald Kusz und Matthias Politycki. Am 25. Oktober 2017 lädt DAS GEDICHT zu einer öffentlichen Geburtstagslesung mit 60 Poeten aus vier Generationen und zwölf Nationen ins Literaturhaus München ein. In ihrer Porträtreihe stellt Jubiläumsbloggerin Franziska Röchter jeden Tag die Teilnehmer dieser Veranstaltung vor.

Babette Werth, geboren 1955, Rheinländerin, freischaffende Künstlerin, lebt in Berlin.
babettewerth.de

Babette Werth ist nicht nur Lyrikerin, sondern auch freischaffende Künstlerin. Mit Franziska Röchter sprach sie über ihre Ateliereröffnung, subjektive Wahrnehmungen und die Bedeutung von Stille.

Mich interessieren Frequenzen.

Liebe Babette, in den vergangenen fünf Jahren hat sich bei dir viel getan. Unter anderem hast du in Folge den dritten Lyrikband in der Reihe Poesie 21 veröffentlicht, dann hast du 2016 den Jurypreis beim »Lyrikstier« gewonnen und, um das Ganze noch zu toppen, hast du in diesem Jahr zusammen mit einer befreundeten Malerkollegin in Berlin-Schöneberg ein eigenes Atelier eröffnet. Jetzt aber eins nach dem anderen: Wie oft wird man dich in eurem Atelier antreffen?

Ich weiß noch nicht, wie oft ich im Atelier sein werde, ich spüre aber, dass es ein Ort ist, der mich inspiriert und in dem ich mich gerne aufhalte. Ich schreibe meistens zu Hause, im Atelier ist aber ein kleiner Raum, der auch dazu einlädt … Im großen Raum werde ich malerisch/ klanglich / textlich improvisieren, das heißt auf Impulse hören und versuchen, diese zu übertragen.

Mich interessieren Frequenzen – nicht im wissenschaftlichen Sinne, sondern subjektive Beobachtungen, Wahrnehmungen, die nun in Form von Bleistiftstrichen, Bogenstrichen, Wörtern / Betonungen von Silben ihren Ausdruck finden. Widerstände und Störungen einzelner Striche sind Grenzbereiche, an denen eine Veränderung eintreten könnte.

Das Atelier ist mein Experimentierfeld, meine Arbeit ist so, wie sie entsteht. Aus diesem Grund habe ich bei der Ateliereröffnung sozusagen noch bleistiftwarme Zeichnungen einiger Kreise gezeigt.

Manche Autoren testen bei jedem Gedichtband einen neuen Verlag aus. Du bist mit deinem dritten Band in der Reihe Poesie 21 geblieben. Warum?

Ich mag die Reihe Poesie 21 sehr und schätze das persönliche, sorgfältige Lektorat bis hin zum fertigen Gedichtbuch. Dies schließt Experimente innerhalb dieser Reihe wie auch woanders nicht aus.

Ein Gedicht in deinem Band mit dem Titel »Wenn die Sonne baden geht« hat sich besonders bei mir eingeprägt, nicht nur der Kürze wegen:

VORSICHTSMASSNAHME

Sonnenstrahlen einfrieren
Für später, wenn das Tief
Hochkommt

Beim Lesen dieser Zeilen musste ich einerseits schmunzeln, andererseits wurde mir gleich etwas wärmer. Wie kommst du auf solche Ideen?

In diesem Fall war es eine Zeitungsnotiz, die den Anschein erweckte, vor allem Angst hervorrufen zu wollen, ohne irgendeine Information zu geben. So schien es mir doch nur recht, mich in Form von Zeilen zu wappnen. Hinzu kam, dass ein langanhaltender Dauerregen meine schlechte Laune proportional zur Wassermenge steigen ließ.

Babette Werth. Foto: Gunnar Seitz Photography

Babette Werth. Foto: Gunnar Seitz Photography

Ein bisschen mutet dein Gedichtband – allein schon durch die Coverfarbe – wie Sonnenstrahlen an. Deine Texte wirken überwiegend leicht und pastellfarben, lichtdurchflutet – wären da nicht einige Stellen im dritten Teil, die sich mit Abschied befassen …

Ja, im dritten Teil des Lyrikbandes schwingt eine dunklere Stimmung mit. Gerade Gedichte können unsere Stimmungen / Schwingungen auf das Blatt übertragen, wenn wir uns dem Papier anvertrauen. Metaphern skizzieren wie mit tausenden von feinen Bleistiftstrichen die Vielschichtigkeit gefühlter Geschehnisse auf einer anderen Ebene und verdichten sie zu einem neu erfahrbaren Gegenüber.

Wie schwer es ist, Trauer mit ihrer ganzen Komplexität und innewohnenden Fragilität auszudrücken … Ich frage mich immer wieder: wie nur?

Die Gestirne, wie Sonne, Mond und auch Sterne, haben es dir offenkundig angetan. Der Mond aber besonders. Bereits 2003 hast du ein Kinderbuch veröffentlicht mit dem Titel »Vanillesauce voller Mond«. 2008 folgte dann in der Reihe Poesie 21 »Die Tinte steht im Mond«. Zuletzt erschien »Letzte Mondflecken« im Verlag Carl-Walter Kottnik, ein handgearbeitetes Druckkunstwerk in limitierter Auflage. Was hat es mit deinem Faible für den Mond auf sich?

Mond und Sterne haben mich von früh an fasziniert. Ich bin nicht mondsüchtig und balanciere auch nicht bei Vollmond auf dem Dach, aber meine Gedanken wandern aus. Als Kind habe ich nachts diese kleinen phosphoreszierenden Punkte, die früher unterhalb der Lichtschalter eingelassen waren, herausgelöst und dann in meine Schatzkiste gelegt, mit Licht aufgeladen und im Dunkeln das vergehende Leuchten bestaunt. Bevor es hell wurde, musste alles wieder an seinen Platz.

Carl-Walter Kottnik hat sich intensiv mit der Auswahl der Gedichte, dem Lektorat und der Komposition des Gedichtbandes auseinandergesetzt. Ich bekam lange, handgeschriebene Briefe, in denen er seine Vorschläge und Gedanken in klitzekleiner Handschrift äußerte. Dazu kamen etliche Gedichtbände aus seinem Verlag, die er den Briefen beilegte. Dieser persönliche Austausch, das Hin und Her und Abwägen, um eine stimmige Lösung zu finden, war für mich ein großes Geschenk. Wir haben nur ein einziges Mal telefoniert.

Die Grafikerin Ajete Elezaj hat eigene Bilder, ihre »Monde«, zu den Texten geschaffen. Der Mond scheint im wahrsten Sinne in Bild und Text. Es gefällt mir sehr, dass ihre Bilder ebenso eigenständig sind wie die Gedichte. Bild und Text haben den gleichen Wert, sie illustrieren nicht, sie sind unabhängig und ergeben zusammen ein Drittes.

Wie war es für dich, als du 2016 den Jurypreis beim »Lyrikstier« gewonnen hast?

Der Jurypreis hat mich sehr überrascht. Ich hätte es nicht gedacht, ich habe mich sehr, sehr gefreut. Die Preisskulptur von Christoph Fikenscher ist großartig, ich mag sie sehr, sie hat Witz, unter anderem nickt der aus Kupferdraht gedrehte Stierkopf immer oder schüttelt den Kopf, so wie ich die Skulptur bewege – das finde ich eine geniale Lösung.

Lyrikstier 2016: Objekt von Christoph Fikenscher. Foto: DAS GEDICHT

Lyrikstier 2016: Objekt von Christoph Fikenscher. Foto: DAS GEDICHT

Ich liebe diese Stille als inneren, geschützten Raum.

Liebe Babette, du bist ein eher ruhiger Mensch, du liebst die Stille, das In-dich-Hineinhorchen. Wie verträgt sich das mit deinem Wohnort in einer so pulsierenden Stadt wie Berlin?

Die Stille ist für mich nicht ein Fehlen von irgendetwas oder Leere, ich empfinde Stille eher als ein gleichmäßiges Strömen vieler Geschehnisse. In unserem Improvisationsensemble Whathappensnext Berlin beschäftigen wir uns viel mit dem Thema Stille und wir fragen uns, was sie für jeden von uns und im gemeinsamen Improvisieren bedeuten und wie sie Ausdruck finden könnte. Stille innerhalb eines Stücks oder während der Pause zum nächsten Stück ist wie ein Nachklang des Vorherigen und auch schon eine Art vorausgehender Klang dessen, was sich dann im nächsten Stück entwickeln wird.

Die Stille …. Ja, ich liebe diese Stille unter anderem als inneren, geschützten Raum, um frei nachdenken zu können und Neues entstehen zu lassen.

Ich bin gar kein so stiller Mensch, wie du vielleicht denken magst, ich habe sehr un-stille Phasen, würde ich mal sagen … Berlin hat einen schnellen und einen gemäßigten Puls, es ist für mich ein guter Wohnort.

Wie wäre möglicherweise dein Leben verlaufen, wenn du niemals mit Gedichten in Berührung gekommen wärst?

Gedichte wären mir auf jeden Fall begegnet, sie hätten mich oder ich sie entdeckt. Als ich fünf war, teilte ich meinen Eltern mit, ich wolle Dichterin und Erfinderin werden und ich würde bald nach Argentinien auswandern. Sobald ich schreiben konnte, fertigte ich mein erstes kleines Gedichtheft an: Dicke Blätter waren am Rand mit einer Wollnadel in unregelmäßigen Abständen durchstochen und ein orangefarbener Wollfaden hielt die Seiten zusammen. Ich schrieb meine ersten Gedichte mit blauer Tinte in einer leicht schräggestellten Schrift in mein Büchlein, zuvor hatte ich mehrfache Varianten der Gedichte auf Zettel mit Bleistift gekritzelt.

Mein Vater hatte unglaublich viele Bücher, sein Bücherregal reichte vom Boden bis hin zur Decke. Er ordnete seine Bücher neu und sagte zu mir: »Du darfst jedes Buch aus meinem Bücherregal lesen, an das du heranreichst.«
Ich las viel, notfalls diente mir ein alter, sperriger Hocker …

Liebe Babette, ganz herzlichen Dank für das Interview!
 

Babette Werth: wenn die Sonne baden geht Babette Werth
Wenn die Sonne baden geht
 

Gedichte
Verlag Steinmeier, Deiningen 2012
ISBN 978-3-943599-05-3


 

Franziska Röchter. Foto: Volker Derlath

Unser »Jubiläumsblog #25« wird Ihnen von Franziska Röchter präsentiert. Die deutsche Autorin mit österreichischen Wurzeln arbeitet in den Bereichen Poesie, Prosa und Kulturjournalismus. Daneben organisiert sie Lesungen und Veranstaltungen. Im Jahr 2012 gründete Röchter den chiliverlag in Verl (NRW). Von ihr erschienen mehrere Gedichtbände, u. a. »hummeln im hintern«. Ihr letzer Lyrikband mit dem Titel »am puls« erschien 2015 im Geest-Verlag. 2011 gewann sie den Lyrikpreis »Hochstadter Stier«. Sie war außerdem Finalistin bei diversen Poetry-Slams und ist im Vorstand der Gesellschaft für
zeitgenössische Lyrik. Franziska Röchter betreute bereits 2012 an dieser Stelle den Jubiläumsblog anlässlich des »Internationalen Gipfeltreffens der Poesie« zum 20. Geburtstag von DAS GEDICHT.


Die »Internationale Jubiläumslesung mit 60 Poetinnen und Poeten« zur Premiere des 25. Jahrgangs von DAS GEDICHT (»Religion im Gedicht«) ist eine Veranstaltung von Anton G. Leitner Verlag | DAS GEDICHT in Zusammenarbeit mit dem Kulturreferat der Landeshauptstadt München. Mit Unterstützung der Stiftung Literaturhaus. Medienpartner: Bayern 2.

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