Kassiber aus einem Paralleluniversum: Ulrich Becks Gedichtband »komm & geh zeiten«

rezensiert von Hellmuth Opitz

Poetische Meldungen aus den Chef-Etagen der globalen Wirtschaft zu erhalten, ist selten. Es gibt nur wenige Dichter und Dichterinnen, die aus dem nadelbestreiften Management stammten, bevor sie sich der Poesie verschrieben. Rainer Malkowski war vor seiner lyrischen Laufbahn in der Geschäftsführung einer großen Werbeagentur tätig, ansonsten fällt mir auf Anhieb niemand ein. Ach so, ja, der ehemalige amerikanische Präsident Jimmy Carter schreibt auch Gedichte, aber die sind poetische Peanuts, um im Bild des eigentlichen Brotberufs von Carter zu bleiben.

Ulrich Beck hingegen arbeitet nach wie vor im Finanzmanagement eines großen europäischen Unternehmens, von daher sind seine sprachlich hochfeinen Wahrnehmungen aus dem Paralleluniversum der Vorstandszimmer doppelt wertvoll. Das macht schon der wortverspielte Titel des Bandes deutlich: »komm & geh zeiten« könnte man allumfassend als poetisches Ornament des ewigen Kreislaufs von Werden & Vergehen auffassen oder – im naturalistischen Zugriff – als das An- und Abrollen von Ebbe & Flut, also der Gezeiten eben. Aber das würde dem Wortspiel eine plumpe Perspektive verleihen, die sinngemäß kaum vom Gesagten ins Gemeinte reicht. Zieht man die Gedichte allerdings als Nachrichten aus der Beletage der Power-Performer des internationalen Managements in Betracht, so eröffnet der Titel neue Ausblicke. Dann bezeichnet »komm & geh zeiten« eben auch das hire & fire Prinzip in der Höhenluft klassischer Unternehmensführung oder das ewige Pendeln zwischen arrival & departure, dem sich die Upper Business Class nun mal verschrieben hat.

Wie Ulrich Beck die Mentalität der 24/7-Krieger mit ihren Haifischkragen-Hemden in poetisch treffsichere Bilder fasst, hat man so noch nicht gelesen. In dem Gedicht »corporate warriors« wird die Vorstandsetage zum Gefechtsstand und die Akteure werden zu »seals«, also zur härtesten Truppe amerikanischer Marines:
 

bissfest die
gurkentruppe, kein
weicher keks im
gefecht, es zählt nur
die mission und das
ergebnis keine gefangenen

die vorhut der
verhandler opfert sich
elegant gewandet der blick
nach vorn übers schlachtfeld

es zählt nur die mission
zurück ein Begriff
vergangener Epochen
 

Das hat etwas Kreuzzughaftes und das sollen die mission statements der global agierenden Konzerne ja durchaus auch transportieren. Becks präziser Blick auf die Selbstoptimierer, die Silberrücken aus den Teppich-Etagen, die Global Traveller und Entscheidungsträger mit den Hosenträgern kommt ganz ohne oberlehrerhaften Dünkel daher. Er hat es nicht nötig, sich abzusetzen nach dem Motto »ich gehör nicht dazu«, im Gegenteil: Diese Gedichte sind poetische Berichterstattung von einem Korrespondenten, der hautnah dabei ist, den das Stottern der Rollkoffer auf den Transportbändern tagtäglich begleitet, der das decision making der Großkopferten am Konferenztisch im 35. Stock eines Hochhauses miterlebt und gleichzeitig die irdischen Niederungen kennt, wie die erste Strophe des Gedichts »graubrot für helden« glaubhaft belegt: »aus erschwindelten höhen/ dieser sprung vom garagen/ dach auf die ebene/ erde, taxi rufen, flughafen/ ab london an, die frisur/ sitzt, die goldene rolex/ beute der taschenpfändung//«

Formal transportieren diese kurzen, oft zu Enjambements umbrochenen Verse perfekt die Atemlosigkeit und Hektik eines solchen Lebens unterwegs. Der Dichter weiß dabei genau, womit sich die Erfolgskurvenliebhaber ein solches Leben schön reden. Mit den Höhenflügen über den Wolken, wo die Freiheit, sich wichtig zu fühlen, wohl grenzenlos ist. Aber selbst da lauern Pannen.
 

flugsequenz

kleine turbulenz
übers knie

joghurt down

auf anzug jacke hose
stranden bifidus
kulturen spritzen
zwischen die ränder von
akten klarsichthüllen

nicht vorzeigbare
flecken im hosenschritt
so hingeklatscht
so feucht
so gar nicht

losgelöst der traum
vom fliegen
 

Es ist fast wie an der Börse: Eine minimale Turbulenz kann zu maximalen Schäden führen. Es ist die Kunst von Ulrich Beck, durch winzige sprachliche Verschiebungen die Brechungen eines Berufsbildes zu verdeutlichen, das angeblich von langfristigen Strategien und klarem Kurs geprägt ist. »geradeaus halten immer/ gerade aushalten« heißt es in einem Vers des vierteiligen Gedichts »einreiten, eine variation« Diese brillante poetische Wendung zeigt mittels einer kleinen Trennungsverschiebung seismographisch genau den Moment des Umkippens vom linearen Businessplan zu mühsam bewahrter Contenance.

Aber dieser Gedichtband bietet noch mehr als monothematische Fixierung auf die Nadelstreifenhörnchen des Business Class. In den Kapiteln »#intermezzo I + II« lockert Ulrich Beck den Band mit kurzen poetischen Hashtags auf, die prägnant, punktgenau und tagesaktuell Bezug auf die Nachrichtenlage sowie alltägliche Ereignisse nehmen. Und auch wenn manche dieser Notate knapp am Kalauer vorbeischrammen – »möwen betrunken/ schlepper gesunken« aus »#binnenschiffahrt« – so werfen sie doch erfrischende Schlaglichter auf die pointierte Wahrnehmungsfähigkeit eines sehr feinsinnigen Poeten. Und mit den Kapiteln »auszeiten« und »geh zeiten« zeigt Beck, dass er seinen kritischen Blick mit zugespitzten Bildern auch auf ganze andere Themen lenken kann. Deutsche Sitten und Gebräuche zum Beispiel, die an Festtagen wie Ostern, Fronleichnam und Allerheiligen besonders zutage treten: »freund, der herbst/ legt nach, eine kurze/ sonne zieht übern/ friedhof zum winter/ begraben wir den/ nachmittag am eingang…« heißt es etwa im Gedicht »aller heiligen.«

Es ist das genaue Gespür des Dichters für Stimmungen und Atmosphäre, die das zum Teil sarkastische Hinterfragen mancher Traditionen im wahrsten Sinne des Wortes so einleuchtend macht. Dieser Gedichtband setzt zu Beginn des Frühjahrs 2018 ein poetisches Ausrufezeichen. Man flaniert durch unterschiedlichste Themen, man biegt bei jedem Umblättern um eine Ecke und stößt auf überraschende Begegnungen, erhellende Einsichten, faszinierende Formulierungen. Chapeau, Ulrich Beck!
 

Ulrich Beck
komm & geh zeiten

Gedichte
Anton G. Leitner Verlag, Weßling 2018
104 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen
ISBN 978-3-929433-35-7

 

Hellmuth Opitz (Foto: Isabel Opitz)

Hellmuth Opitz (Foto: Isabel Opitz)

Hellmuth Opitz wurde 1959 in Bielefeld geboren, wo er auch heute lebt. Er gilt inzwischen als einer der besten deutschen Liebeslyriker. Nach seinen Anfängen als Rock- und Folkmusiker interviewte er für überregionale Musik-Magazine wie »Musikexpress« oder »Rolling Stone« u. a. Aerosmith, Bad Religion und Wim Wenders. Zusammen mit Matthias Politycki und Steffen Jacobs tourte er mit dem Poesieprogramm »Frauen. Naja. Schwierig«, das auch auf CD vorliegt, durch Deutschland. Bislang erschienen von ihm neun Gedichtbände, zuletzt »Die Dunkelheit knistert wie Kandis« (2011) sowie »Aufgegebene Plätze. Verlorene Posten« (Künstlerbuch, 2013) sowie »In diesen leuchtenden Bernsteinmomenten« (2017). Auszeichnungen unter anderem: Postpoetry-Preis des Landes NRW 2012, Menantes-Preis für erotische Dichtung 2016, Writer in Residence im Brecht-Hus, Svendborg Dänemark 2010/2016..

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