Lied mit Rasierklinge: Der Gedichtband »Der Asphalt klingelt, ich geh ran« von Johanna Schwedes

rezensiert von Hellmuth Opitz

Sagt der Titel eines Gedichtbandes immer schon Essentielles über die darin enthaltenen Gedichte aus? Sehr unterschiedlich, meistens aber sind die Titel durchaus ein poetisch-programmatisches Statement zum Inhalt. So verrät der der aktuelle Gedichtband »Einmal einfach« von Michael Krüger schon allein dadurch, dass er fast wie eine Bestellung an einer Pommesbude klingt, dass es hier in subtiler Untertreibung um poetische Wahrnehmungen des Alltäglichen geht, während der Band »Kolonien und Manschettenknöpfe« von Thomas Kunst darauf hinweist, dass es ein Stilmittel dieser Gedichte ist, disparate Details in sie hineinzuverweben bzw. in ihrer heterogenen Sperrigkeit auch durchaus unverbunden nebeneinander stehen zu lassen. Und dann gibt es Gedichtbandtitel, die einfach einen Vers von poetischer Strahlkraft herauspicken und über die Sammlung setzen – und das ohne repräsentativen Anspruch. Ein besonders gelungenes Beispiel dafür ist Johanna Schwedes’ zweiter Gedichtband, mit dem Titel »Der Asphalt klingelt, ich geh ran«. Ich gebe zu, dieser Titel entwaffnet mich ein wenig bei einer objektiv-kritischen Beurteilung, ist er doch ein veritabler Herzöffner und sein Effekt ist so einfach wie verblüffend: Denn ungewöhnlicher kann man wohl kaum den poetischen Impuls, den eine Alltagswahrnehmung auf die Inspirationskraft des Dichters/der Dichterin ausübt, auf den Punkt bringen. 31 Gedichte, auf vier Kapitel verteilt, enthält der Band, und auch die Kapiteltitel selbst sind wieder Sätze mit hohem lyrischen Wallungswert: »Ausatmen und denken für immer« leitet ein Kapitel mit Liebesgedichten ein, »Das ist nur der Trailer vom Frühling« vereint u. a. Alltagsgedichte mit jahreszeitlichem Bezug. Die Gedichttitel selbst kommen erstaunlicherweise eher prosaisch-pragmatisch daher, in bunter Reihenfolge streut Johanna Schwedes Gedichte ein, die mit »Kalenderblatt« plus römischer Bezifferung betitelt sind. Andere Titel lauten »Im Frühling«, »Im Winter«, »Unwetter«, »Bei Tisch« oder »An einem Tag so«. Klar, es gibt auch Gedichte mit originelleren Titeln, wie z. B. »Das Lallen hinterm Ohr ist das Lied des Säufers«, aber die zumeist bewusst schlichten Überschriften signalisieren, dass es hier um schlichte Alltagsdinge und Befindlichkeiten geht, die zum Leuchten gebracht werden sollen.

Schaut man sich die Gedichte genauer an, so bieten sie dem Kritiker, der mit konventionellem Urteilsbesteck an sie herangeht, stilistisch und formal jede Menge Stoff, um mit Messer und Gabel direkt da hineinzustoßen. Etwa, dass diese Gedichte permanent »Ich« sagen, als ginge es um ein Tagebuch, oder dass es in diesem Band von Wie-Vergleichen wimmelt. Da wirkt immer noch die normative Kraft von Gottfried Benn nach, der 1951 in seinem Vortrag »Probleme der Lyrik« den Wie-Vergleich als untrügliches Kennzeichen eines schwächeren Gedichts identifizierte – und sich selbst bisweilen nicht daran hielt. Gleichzeitig entfalten diese Gedichte einen suggestiven Sog, sodass man nur zu gern bereit ist, das klassische Kritikerbesteck bedenkenlos beiseite zu fegen. Kopfüber stürzt sich Johanna Schwedes in ihre Gedichtanfänge: »An einem Tag so // wie ein leergeschütteltes Federkissen / wie eine ausgetretene Blüte / wie eine ausgetrunkene Flasche Erdbeersekt // – eine vertrocknete Amsel / klebt als Briefmarke auf dem Asphalt / und ich kann nicht aufhören, die Nummernschilder /
der vorbeifahrenden Autos aufzusagen«.

Johanna Schwedes führt die Revue der Wie-Vergleiche noch eine Weile weiter, bis es dann heißt: »an einem Tag so / wie ein halbausgefüllter Weiterbewilligungsantrag […] // wäre die Vorstellung eines kopfstehenden Elefanten / oder auch einfach / ein Revolver am Kopf // wie wenn ein Kind nach einem langen Sonntag die Faust öffnet / und darin liegt / ein Kirschgummibärchen neben einem Brausetaler und einem / vierblättrigen Marienkäfer / oder so.«

Scheinbar willkürlich zählt die Dichterin die Gegenstände auf, denen der Tag offenbar gleicht, eine Ansammlung von Zufällen, so zufällig wie die Schatzsammlung in einer kleinen verschwitzten Kinderfaust. Das inhaltliche Scharnier ist die Vorstellung eines kopfstehenden Elefanten oder des Revolvers am Kopf. Passt der kopfstehende Elefant noch halbwegs in die Reihe kindgerechter Verrücktheiten, so irritiert der Revolver auf den ersten Blick doch erheblich, führt er doch plötzlich eine existenzielle Bedrohung ein. Allenfalls in der Korrespondenz zum Weiterbewilligungsantrag ergibt sich hier eine Verbindung, die unter der banalen kunterbunten Alltagsaufzählung unterschwellige Ängste offenbart. Die Mühsal der Existenzsicherung setzt einem hier die Pistole auf die Brust bzw. an die Schläfe. Überhaupt ziehen sich Waffen als stringentes Motiv durch Johanna Schwedes’ Gedichte. In »Bei Tisch« heißt es: »bitte, Verzweifeln ist angebracht / beim Blick durch die Serviette beim Blick durch / ein leeres Fenster zwei Augen ein Mund / geöffnet wie die Mündung einer Pistole«. In der Alltagswahrnehmung lauern Abgründe größeren Kalibers, da braucht es die naheliegende Assoziation Mund-Mündung nicht einmal. »im Rücken sitzt uns der Abend / oder auch nur ein Hexenschuss / wir lutschen auf unserem Schweigen / wie auf einer Handgranate – mit der Zunge den Entsicherungshaken suchen / ihn nicht finden« so steht’s im Gedicht »Kalenderblatt III«. Nicht nur das Sprechen wird in Versen wie diesen zu einem potenziell explosiven Akt, selbst in der Zärtlichkeit eines innigen Kusses lauern Gefahren: »und deine Zunge fährt mir in den Mund / wie eine Handvoll Sand; Vorsicht! // ich bin eine Wüste / an meinen Rändern / verdursten Kamele«. Es ist ein lyrisches Warnschild, das hier im Gedicht »Kalenderblatt II« aufgestellt wird.

Unwillkürlich lassen diese wie ein Springmesser aufschnappenden Bilder an den Titel des Debüt-Erzählbandes von Peter Glaser denken, der Mitte der 80er Jahre herauskam: »Schönheit in Waffen«. Denn auch diese bis an die Zähne bewaffneten Gedichte verblüffen durch ihre unter der ostentativen Schönheit verborgenen Gewaltphantasien: »[…] zieh die Vorhänge zu / da wartet dein Schatten dein besseres Ich / den Kopf in die Hände gelegt wie in einen Gasofen«. Auch ohne dabei von ferne an Sylvia Plath denken, stellt sich bei solchen Versen das Gefühl »Gedicht = Gefahr« ein – eine Gleichung, die die Aufmerksamkeit des Lesers schärft und sich auch dadurch nicht abstumpft, das er sie immer wieder bestätigt findet, selbst in einem klassischen Naturgedicht wie »Im Frühling«: »Größer als Augen / öffnen sich Blüten / und ein Wind in den Bäumen / federt Akazien und Amselschrei / Amsel mit so offener Kehle / aber sie kann ja nicht anders als / das Lied mit Rasierklinge über den Horizont schlitzen«. In diesen Gedichten treffen sich Gewaltbilder und die Bildgewalt einer sehr feinen poetischen Stimme. Die Lektüre ist, als schaue man auf eine wunderbare blaue Lagune. Man weiß genau, da draußen lauern womöglich Haie, man möchte aber trotzdem in diese Lagune eintauchen. So geht es einem mit diesen Gedichten: Man kann sich an diesen Bildern nicht satt sehen, obwohl hohe Verletzungsgefahr besteht. Bleiben nur zwei Fragen: Warum nur an jeder Versecke diese Gewalt, und warum ist dieser Band dennoch so ein verdammtes Lesevergnügen?
 

 

Johanna Schwedes
Der Asphalt klingelt, ich geh ran

Gedichte
Reinecke & Voß 2018
54 Seiten, 10,– Euro
ISBN 978-3-942901-31-4

 
 
 

Hellmuth Opitz (Foto: Isabel Opitz)

Hellmuth Opitz (Foto: Isabel Opitz)

Hellmuth Opitz wurde 1959 in Bielefeld geboren, wo er auch heute lebt. Er gilt inzwischen als einer der besten deutschen Liebeslyriker. Nach seinen Anfängen als Rock- und Folkmusiker interviewte er für überregionale Musik-Magazine wie »Musikexpress« oder »Rolling Stone« u. a. Aerosmith, Bad Religion und Wim Wenders. Zusammen mit Matthias Politycki und Steffen Jacobs tourte er mit dem Poesieprogramm »Frauen. Naja. Schwierig«, das auch auf CD vorliegt, durch Deutschland. Bislang erschienen von ihm neun Gedichtbände, zuletzt »Die Dunkelheit knistert wie Kandis« (2011) sowie »Aufgegebene Plätze. Verlorene Posten« (Künstlerbuch, 2013) sowie »In diesen leuchtenden Bernsteinmomenten« (2017). Auszeichnungen unter anderem: Postpoetry-Preis des Landes NRW 2012, Menantes-Preis für erotische Dichtung 2016, Writer in Residence im Brecht-Hus, Svendborg Dänemark 2010/2016..

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