Lockdown-Lyrik 107: »Im Gewand der Enge« von Jill-Francis Käthlitz

»Lockdown-Lyrik! Quarantäne querdenken – etwas ernst zu nehmen heißt nicht, sich davon unterkriegen zu lassen« ist eine Online-Sammlung von Gedichten, die sich mit der Corona-Krise befassen. Es darf uns die Sprache nicht verschlagen! In loser Folge erscheinen neue Episoden der von Alex Dreppec, Jan-Eike Hornauer und Fritz Deppert herausgegebenen Anthologie.

 

Jill-Francis Käthlitz

Im Gewand der Enge

Bedeutung tropft aus dem Wasserhahn
Und die Uhr tickt Löcher in die Zeit
Singsang der Einsamkeit
Jeder Gedanke schleppt sich durch ein Nadelöhr
Dringt zur Hälfte nur durchs Schlüsselloch

Im Gewand der Enge
Soll mein Blick sich nicht verengen lassen
Allzu grelles Licht auf dem Balkon
Ich brauche einen Sonnenschirm doch wage
Mich nicht in den überfüllten Baumarkt

Der Löffel rührt im Topf der Bildschirm wartet
Ich singe vor mich hin dann fällt mir auf
Dass ich dieses Lied nicht leiden kann
Und dass ich vergessen habe Butter zu kaufen
Das Warten auf Wandel lässt die Sekunden eitern

Unbeantwortete E-Mails rühren stets mit
Wozu schreibe ich wenn keine Antwort kommt?
(Oder morgen vielleicht ganz unerwartet?)
Um Löcher ins Gewand der Enge zu schneiden
Um doch nur auf mich selbst zu blicken

Ich pelle die Schale vom grüngefärbten Ei
Pelle die Schale von einer rotgefärbten Erinnerung
Morgen will ich spazieren gehen
Ohne Abstand zu meinen Schwestern den Blumen
Am Graben entlang unter der Brücke hindurch

Zucker in der Wunde der Hoffnung
Laut und lustig schwatzen die Spatzen
Die im Giebel des Haltestellenhäuschens nisten
Sie brüten neue Worte für mich aus
Worte die durch harte Schalen schlüpfen

© Jill-Francis Käthlitz, Cottbus/Chóśebuz

 

Zu dieser Reihe: »Lockdown-Lyrik! Quarantäne querdenken – etwas ernst zu nehmen heißt nicht, sich davon unterkriegen zu lassen« ist eine Online-Sammlung zu den aktuellen Auswirkungen der Corona-Krise. Wir wollen im Gespräch bleiben, während wir Infektionsketten unterbrechen. Wir wollen die Erfahrung der Vereinzelung miteinander teilen. Wir wollen virtuelle Brücken bauen. Wir wollen das tun, was wir können: dichten, die Welt – und auch die aktuelle Situation – poetisch erfassen.Unser Anliegen ist es in jedem Fall, zu einem Mehr an Besonnenheit beizutragen, zu versöhnen statt zu spalten. Mit Sorge sehen wir überharte Diskussionen, wie sie derzeit online, aber auch offline zu häufig geführt werden. Klar ist uns: Es gehört zu einer Demokratie dazu, Konflikte auszutragen. Aber wir insistieren auch hierauf: Es ist ebenso unerlässlich, sich des Gemeinsamen, Verbindenden bewusst zu sein und zu werden sowie respektvoll miteinander umzugehen.

Uns ist bewusst, dass bereits der Ansatz, zur Corona-Pandemie eine Lyrik-Online-Anthologie herauszugeben, ihre Auswirkungen zeitnah lyrisch zu behandeln, und dies aus verschiedenen Perspektiven sowie in unterschiedlichen Tonlagen, als Provokation aufgefasst werden kann. So ist diese Sammlung keineswegs gemeint. Ihr Thema an sich ist jedoch eben hochemotional besetzt. Für uns, die Herausgeber der Reihe, bleibt trotzdem und gerade deshalb wichtig: Wir wollen Brücken bauen, Perspektiven weiten, der ungewohnten Situation mit poetischen Mitteln und im gemeinschaftlichen Sinne begegnen.

Bleiben Sie gesund!

Alex Dreppec, Jan-Eike Hornauer, Fritz Deppert
 
PS: Alle bereits geposteten Folgen von »Lockdown-Lyrik! Quarantäne querdenken – etwas ernst zu nehmen heißt nicht, sich davon unterkriegen zu lassen« finden Sie hier. In loser, jedoch zügiger Folge wird die Sammlung erweitert.

 

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