Lockdown-Lyrik 153: »Viren und Virionen« von Jakob Nacken

»Lockdown-Lyrik! Quarantäne querdenken – etwas ernst zu nehmen heißt nicht, sich davon unterkriegen zu lassen« ist eine Online-Sammlung von Gedichten, die sich mit der Corona-Krise befassen. Es darf uns die Sprache nicht verschlagen! In loser Folge erscheinen neue Episoden der von Alex Dreppec, Jan-Eike Hornauer und Fritz Deppert herausgegebenen Anthologie.

 

Jakob Nacken

Viren und Virionen

Viren, auch die von der Marke Corona,
Sind letzten Endes Zellenbewohner.
Bevor sie in den Zellen wohnen
Nennt man sie noch Virionen.

Was genau das ist, da gibt’s mehrere Thesen,
Doch man sagt, es sind keine Lebewesen.
Nur Nukleinsäure mit Gencodes gefüllt
Und in eine Proteinhülle gehüllt.

Das Virion hat die Information
Und die Wirtszelle braucht es zur Replikation.
Virionen von Corona sind bloß,
Knappe 100 Nanometer groß.

Hat das Virion dann eine Zelle gefunden,
Wird sich zügig an einen Rezeptor gebunden,
Dann schlüpft es durch die Zellmembran
Mittels Endozytose und dann fängt es an:

Zum Zweck der Vermehrung wird dort jetzt
Die RNA aus dem Kapsid freigesetzt.
Da dank RNA positiver Polarität
Die Translation recht flott vor sich geht,

Schnüren sich die fertigen Viruspartikel
Als sogenannte Golgi Vesikel
Aus dem Endoplasmatischen Retikulum
Machen Exozytose und schwirren dann rum!

Und dann beginnt er von vorne, der Kreislauf,
Und sie hören so lange nicht mit dem Scheiß auf,
Bis zytotoxische T-Zellen
Sich ihnen in den Weg stellen,

Indem sie, wenn sie das Virus finden,
Sich an die Antigene binden,
Wobei es manchmal auch passiert,
Dass das Abwehrsystem überreagiert

Und den Betroffenen jetzt erst recht
Durch einen Zykotinsturm schwächt,
Wobei Interleukine am Werke sind,
Kurz, wer am Ende noch lebt, der gewinnt.

Tja, das ist schon etwas dumm für die Viren,
Wenn ihre eigenen Wirte krepieren,
Da sie durch deren Versterben ja ihren
Eigenen Lebensraum verlieren,
Nur weil sie so sehr nach Wachstum gieren.
Sowas würde uns Menschen zum Glück nie passieren!

 
Zu sehen bei: Reim Patrouille Folge 3 (Minute 4:40)

 
© Jakob Nacken, Nehren bei Tübingen

 

 

Zu dieser Reihe: »Lockdown-Lyrik! Quarantäne querdenken – etwas ernst zu nehmen heißt nicht, sich davon unterkriegen zu lassen« ist eine Online-Sammlung zu den aktuellen Auswirkungen der Corona-Krise. Wir wollen im Gespräch bleiben, während wir Infektionsketten unterbrechen. Wir wollen die Erfahrung der Vereinzelung miteinander teilen. Wir wollen virtuelle Brücken bauen. Wir wollen das tun, was wir können: dichten, die Welt – und auch die aktuelle Situation – poetisch erfassen.Unser Anliegen ist es in jedem Fall, zu einem Mehr an Besonnenheit beizutragen, zu versöhnen statt zu spalten. Mit Sorge sehen wir überharte Diskussionen, wie sie derzeit online, aber auch offline zu häufig geführt werden. Klar ist uns: Es gehört zu einer Demokratie dazu, Konflikte auszutragen. Aber wir insistieren auch hierauf: Es ist ebenso unerlässlich, sich des Gemeinsamen, Verbindenden bewusst zu sein und zu werden sowie respektvoll miteinander umzugehen.

Uns ist bewusst, dass bereits der Ansatz, zur Corona-Pandemie eine Lyrik-Online-Anthologie herauszugeben, ihre Auswirkungen zeitnah lyrisch zu behandeln, und dies aus verschiedenen Perspektiven sowie in unterschiedlichen Tonlagen, als Provokation aufgefasst werden kann. So ist diese Sammlung keineswegs gemeint. Ihr Thema an sich ist jedoch eben hochemotional besetzt. Für uns, die Herausgeber der Reihe, bleibt trotzdem und gerade deshalb wichtig: Wir wollen Brücken bauen, Perspektiven weiten, der ungewohnten Situation mit poetischen Mitteln und im gemeinschaftlichen Sinne begegnen.

Bleiben Sie gesund!

Alex Dreppec, Jan-Eike Hornauer, Fritz Deppert
 
PS: Alle bereits geposteten Folgen von »Lockdown-Lyrik! Quarantäne querdenken – etwas ernst zu nehmen heißt nicht, sich davon unterkriegen zu lassen« finden Sie hier. In loser, jedoch zügiger Folge wird die Sammlung erweitert.

 

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