Lockdown-Lyrik 2.0 / 018: »Ein Ort an dem es nicht zieht« von Marie T. Martin

»Lockdown-Lyrik 2.0! Quarantäne poetisch ausleuchten – etwas ernst zu nehmen heißt nicht, sich davon unterkriegen zu lassen« ist eine Online-Sammlung von Gedichten, die sich mit der Corona-Krise befassen. Es darf uns weiterhin die Sprache nicht verschlagen! In loser Folge erscheinen neue Episoden der nun von Sabine Schiffner, Anton G. Leitner, Alex Dreppec und Fritz Deppert herausgegebenen Anthologie (Dank an Jan-Eike Hornauer für die Mitherausgeberschaft bei Folge 1-154).

 

Marie T. Martin

Ein Ort an dem es nicht zieht

Sag mir, wo ist ein Ort an dem
es nicht zieht? Zieht es dich
nicht immer dorthin wo du
nicht ankommst? Auf dem Friedhof
kann es nicht sein, zu Land,
zu Wasser, rede nicht immer

von Gräbern, Friedhöfe mag ich
nicht. Früher ging ich auf ihnen
spazieren, doch jetzt, da du auf
einem liegst, bist du an keinem
zu treffen. Wo ist draußen? Da,
wo jemand antwortet? Die Krähen,

in ein Gekrächz vertieft, dessen
Heftigkeit dich mitnimmt. Trauern
sie um jemanden, der überfahren
wurde? Kracht jeder Satz aus
einander oder fliegen die Worte

einander zu, kannst du etwas
dorthin tragen? Sag mir, wo ist
ein Ort, an den es dich zieht?

 

© 2020 Marie T. Martin, Freiburg
aus dem Band „Rückruf“, mit freundlicher Genehmigung des Poetenladen Verlages
(Redaktion: Sabine Schiffner)

 

 

Lockdown Lyrik 2.0. Wir hatten gehofft, dass es zu keinem zweiten Lockdown mehr kommen würde. Aber jetzt ist er angeordnet, der sog. »Wellenbrecher-Lockdown«. Er beginnt in Deutschland ab Montag, den 2. November 2020 – mit der Aussicht auf triste Herbst- und Wintertage. Grund genug für die Redaktion der Jahresschrift DAS GEDICHT, ihre vieldiskutierte Netz-Anthologie zur Corona-Krise vom Frühjahr 2020 wieder hochzufahren. Möge diese Online-Sammlung zur Pandemie uns allen einmal mehr dabei helfen, tief Luft zu holen und möglichst viele Aspekte der weltweiten Katastrophe mit dem Instrumentarium der Lyrik auszuleuchten, damit wir und unsere Leserinnen und Leser mental nicht unter die zweite Welle geraten!

Sabine Schiffner, Alex Dreppec, Fritz Deppert und Anton G. Leitner
 
PS: Alle bereits geposteten Folgen von »Lockdown-Lyrik! Quarantäne querdenken – etwas ernst zu nehmen heißt nicht, sich davon unterkriegen zu lassen« finden Sie hier. In loser, jedoch zügiger Folge wird die Sammlung erweitert.

 

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