Lockdown-Lyrik 2.0 / 022: »die plage – the plague« von Gerry Loose

»Lockdown-Lyrik 2.0! Quarantäne poetisch ausleuchten – etwas ernst zu nehmen heißt nicht, sich davon unterkriegen zu lassen« ist eine Online-Sammlung von Gedichten, die sich mit der Corona-Krise befassen. Es darf uns weiterhin die Sprache nicht verschlagen! In loser Folge erscheinen neue Episoden der nun von Sabine Schiffner, Anton G. Leitner, Alex Dreppec und Fritz Deppert herausgegebenen Anthologie (Dank an Jan-Eike Hornauer für die Mitherausgeberschaft bei Folge 1-154).

 

Gerry Loose

die plage

die erste nacht erwachten drosseln & sangen
der alte Tam ließ drei eier an der tür
mit diesen entzündete ich das gelbe licht im ginster

am zweiten tag pfiffen austernfischer
flogen dann auf das dach der verlassenen schule
der mond war nicht beleuchtet

am dritten abend um acht uhr
gingen leute zu ihren fenstern
und applaudierten stille

als der vierte tag anbrach
fanden wir, dass die welt größer geworden war
leere korbboote schaukelten bestätigung

danach war der nächste tag
wir erzählten geschichten von vorher und nachher
geschichten von noch zu passierendem und endzeiten

der sechste & Peg hinterließ eine flasche bier an der tür
oder vielleicht war das der siebte in der abenddämmerung
und vielleicht hinterließ sie das portemonnaie einer Seefahrerin

der achte tag brachte ein paar cent auf unseren augenlidern
und seraphime die sich als wildgänse verkleiden,
ja der achte tag brach noch im morgengrauen still an

am siebten tag oder vielleicht am sechsten
erhoben wir alle uns von dort wo wir waren
die jüngsten und dann die ältesten

 

the plague

that first night thrushes woke & sang
old Tam left three eggs at the door
with these I kindled the yellow light in furze

on the second day oystercatchers piped
then flew to the roof of the abandoned school
the moon was not lit

on the third evening at eight o clock
people went to their windows
and applauded silence

when the fourth day arrived
we found the world had grown larger
hollow creel boats bobbed affirmation

after that was the next day
we told stories from beyond and behind
stories of yet to happen and end times

the sixth & Peg left a bottle of beer at the door
or maybe that was the seventh at dusk
and maybe she left a seawoman’s purse

the eighth day brought pennies to our eyelids
and seraphs who masquerade as wild geese
yes the eighth day still dawned still at dawn

the seventh day or perhaps the sixth
we all rose from where we had been
the youngest and then the oldest

 

© 2020 Gerry Loose, Scotland
Übersetzung ins Deutsche und Redaktion: Sabine Schiffner)

 

 

Lockdown Lyrik 2.0. Wir hatten gehofft, dass es zu keinem zweiten Lockdown mehr kommen würde. Aber jetzt ist er angeordnet, der sog. »Wellenbrecher-Lockdown«. Er beginnt in Deutschland ab Montag, den 2. November 2020 – mit der Aussicht auf triste Herbst- und Wintertage. Grund genug für die Redaktion der Jahresschrift DAS GEDICHT, ihre vieldiskutierte Netz-Anthologie zur Corona-Krise vom Frühjahr 2020 wieder hochzufahren. Möge diese Online-Sammlung zur Pandemie uns allen einmal mehr dabei helfen, tief Luft zu holen und möglichst viele Aspekte der weltweiten Katastrophe mit dem Instrumentarium der Lyrik auszuleuchten, damit wir und unsere Leserinnen und Leser mental nicht unter die zweite Welle geraten!

Sabine Schiffner, Alex Dreppec, Fritz Deppert und Anton G. Leitner
 
PS: Alle bereits geposteten Folgen von »Lockdown-Lyrik! Quarantäne querdenken – etwas ernst zu nehmen heißt nicht, sich davon unterkriegen zu lassen« finden Sie hier. In loser, jedoch zügiger Folge wird die Sammlung erweitert.

 

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