Lockdown-Lyrik 2.0 / 056: »Freitag« von Nato Ingorokva

»Lockdown-Lyrik 2.0! Quarantäne poetisch ausleuchten – etwas ernst zu nehmen heißt nicht, sich davon unterkriegen zu lassen« ist eine Online-Sammlung von Gedichten, die sich mit der Corona-Krise befassen. Es darf uns weiterhin die Sprache nicht verschlagen! In loser Folge erscheinen neue Episoden der nun von Sabine Schiffner, Anton G. Leitner, Alex Dreppec und Fritz Deppert herausgegebenen Anthologie (Dank an Jan-Eike Hornauer für die Mitherausgeberschaft bei Folge 1-154).

 

Nato Ingorokva

Freitag

Herr,
sicher hast du da oben auch einen Fernseher,
unsere Frequenz aber kannst du nicht empfangen,
die Distanz ist viel zu groß.
Deshalb sage ich Dir:
Die Moderatoren aller TV-Sender haben uns durch ihre Schutzmasken mitgeteilt,
dass wir nicht vergessen sollen, dass der Tod nahe ist
und deshalb zu Hause eingesperrt bleiben.

Unsere Angst macht uns aber ungeduldig,
und obwohl niemandem kalt ist,
laufen wir los, um neue Kleidung zu kaufen,
weil wir wissen, von Dir wissen,
dass wir vor dem Todesengel
nicht nackt dastehen dürfen.

Unsere Angst macht unsere Augen groß,
und obwohl wir keinen Hunger leiden,
kaufen wir Lebensmittel,
weil wir wissen, von Dir wissen,
dass Brot und Wein auf dem Tisch bereitstehen sollten.

Wir laufen in Massen durch die Straßen
und blockieren den Verkehr mit unseren Autos.
Auch der Tod stand im Stau,
wir haben ihn gestört
und er war nicht rechtzeitig bei allen seinen Adressaten.
So könnte der Black Friday diesmal zu einem Karfreitag* werden
und umgekehrt.
Ich sage es dir, damit Du es weißt.

*auf georgisch heißt Karfreitag wörtlich übersetzt roter Freitag
 

ნატო ინგოროყვა

პარასკევი

უფალო,
შენც გექნება ტელევიზორი,
თუმცა ჩვენს სიხშირეს ვერ დაიჭერ
– მანძილი ჩაახშობს.
მე მაინც გეტყვი:
ეკრანებიდან ნიღბიანი წამყვანები შიშინებენ,
რომ გვახსოვდეს სიკვდილი
და შინ ჩავიკეტოთ.

სულსწრაფია ჩვენი შიში.
ვისაც არ გვცივა,
ვეშურებით ტანსაცმლისაკენ,
რადგან ვიცით, შენგან ვიცით,
რომ სიკვდილის ანგელოზის წინაშე
შიშვლად არ უნდა წარვდგეთ.

გატეხილი აქვს თვალი ჩვენს შიშს.
ვისაც არ გვშია,
სურსათს ვიმარაგებთ,
რადგან ვიცით, – შენგან ვიცით,
– რომ სუფრაზე საჭიროა მუდამ იდოს ღვინო და პური.

და ამიტომაც მოვეფინეთ ქალაქის ქუჩებს,
გადავკეტეთ მოძრაობა.
სიკვდილიც ჩვენთან ერთად იდგა საცობში,
– გავუძნელეთ დროზე მისვლა ადრესატამდე.
შავ პარასკევს შეუძლია იყოს წითელიც
და პირიქითაც.
იცოდე. მაინც.

 

© 2020 Nato Ingorokva, Tblisi
(Interlinearübersetzung: Bela Chekurishvili, Nachdichtung und Redaktion: Sabine Schiffner)

 

 

Lockdown Lyrik 2.0. Wir hatten gehofft, dass es zu keinem zweiten Lockdown mehr kommen würde. Aber jetzt ist er angeordnet, der sog. »Wellenbrecher-Lockdown«. Er beginnt in Deutschland ab Montag, den 2. November 2020 – mit der Aussicht auf triste Herbst- und Wintertage. Grund genug für die Redaktion der Jahresschrift DAS GEDICHT, ihre vieldiskutierte Netz-Anthologie zur Corona-Krise vom Frühjahr 2020 wieder hochzufahren. Möge diese Online-Sammlung zur Pandemie uns allen einmal mehr dabei helfen, tief Luft zu holen und möglichst viele Aspekte der weltweiten Katastrophe mit dem Instrumentarium der Lyrik auszuleuchten, damit wir und unsere Leserinnen und Leser mental nicht unter die zweite Welle geraten!

Sabine Schiffner, Alex Dreppec, Fritz Deppert und Anton G. Leitner
 
PS: Alle bereits geposteten Folgen von »Lockdown-Lyrik! Quarantäne querdenken – etwas ernst zu nehmen heißt nicht, sich davon unterkriegen zu lassen« finden Sie hier. In loser, jedoch zügiger Folge wird die Sammlung erweitert.

 

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