Lockdown-Lyrik 2.0 / 060: »Glückstreffer« von Giorgi Lobzhanidze

»Lockdown-Lyrik 2.0! Quarantäne poetisch ausleuchten – etwas ernst zu nehmen heißt nicht, sich davon unterkriegen zu lassen« ist eine Online-Sammlung von Gedichten, die sich mit der Corona-Krise befassen. Es darf uns weiterhin die Sprache nicht verschlagen! In loser Folge erscheinen neue Episoden der nun von Sabine Schiffner, Anton G. Leitner, Alex Dreppec und Fritz Deppert herausgegebenen Anthologie (Dank an Jan-Eike Hornauer für die Mitherausgeberschaft bei Folge 1-154).

 

Giorgi Lobzhanidze

Glückstreffer

Der Bus hält an
und ein Mann steigt ein.
Seine Schutzmaske ist verschmutzt
und verdeckt die Falten in seinem Gesicht,
sie ähnelt selber einer Falte.
Seine Sportjacke sieht genauso aus,
alt, verblichen und mit Flecken übersät,
so sehr verdreckt,
dass ich, wenn er mir den Rücken zukehrt,
den weißen Schriftzug darauf kaum erkennen kann.
Lucky Strike –
Sicher war diese Schrift einmal eine Zigarettenwerbung,
jetzt aber klingt sie an diesem Mann wie Hohn.
Es ist klar, dass er glücklos ist.
Für solche wie uns gibt es keine glücklichen Begegnungen,
nur das Virus.

Lucky Strike –
Ich wiederhole im Kopf den Rhythmus der beiden Wörter,
dann denke ich,
dass das jetzt meine Hymne wird,
meine Marseillaise,
wenn ich, kämpfend, in den Himmel komme.

 

გიორგი ლობჟანიძე

ავტობუსი ჩერდება და
ამოდის კაცი.
ჭუჭყიანი პირბადე აქვს
და პირბადე ფარავს ნაოჭებს,
ერთ დიდ ნაოჭად გადაქცეული.
ჟაკეტიც ზუსტად ასეთივე აცვია,
ძველი,
გახუნებული და ლაქებით მოხატული,
თითქოს ისე საგულდაგულოდ,
რომ როცა ჩემკენ ზურგით დგება
ძლივსღა ვარჩევ
ოდესღაც თეთრ და მოზეიმე წარწერას
წრეში:
Lucky Strike –
ერთ დროს ალბათ სიგარეტის რეკლამა იყო,
რომელიც ახლა ამ კაცის მიმართ
უსასტიკეს დაცინვად ჟღერდა.
ეტყობოდა, რომ არასოდეს გამართლებია:
ჩვენნაირებს კორონა თუ შეგვხვდება მხოლოდ.

Lucky Strike –
წამღერებით ვიმეორებ გუნებაში
და უცებ ვხვდები:
ეს იქნება ჩემი ჰიმნი,
ჩემი წმინდა მარსელიოზა,
როდესაც ზეცის სასუფეველს ბრძოლით ავიღებ…

 

© 2020 Giorgi Lobzhanidze, Tblisi
(Interlinearübersetzung aus dem Georgischen: Bela Chekurishvili, Nachdichtung und Redaktion: Sabine Schiffner)

 

 

Lockdown Lyrik 2.0. Wir hatten gehofft, dass es zu keinem zweiten Lockdown mehr kommen würde. Aber jetzt ist er angeordnet, der sog. »Wellenbrecher-Lockdown«. Er beginnt in Deutschland ab Montag, den 2. November 2020 – mit der Aussicht auf triste Herbst- und Wintertage. Grund genug für die Redaktion der Jahresschrift DAS GEDICHT, ihre vieldiskutierte Netz-Anthologie zur Corona-Krise vom Frühjahr 2020 wieder hochzufahren. Möge diese Online-Sammlung zur Pandemie uns allen einmal mehr dabei helfen, tief Luft zu holen und möglichst viele Aspekte der weltweiten Katastrophe mit dem Instrumentarium der Lyrik auszuleuchten, damit wir und unsere Leserinnen und Leser mental nicht unter die zweite Welle geraten!

Sabine Schiffner, Alex Dreppec, Fritz Deppert und Anton G. Leitner
 
PS: Alle bereits geposteten Folgen von »Lockdown-Lyrik! Quarantäne querdenken – etwas ernst zu nehmen heißt nicht, sich davon unterkriegen zu lassen« finden Sie hier. In loser, jedoch zügiger Folge wird die Sammlung erweitert.

 

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