Lockdown-Lyrik 2.0 / 072: »requiem« von Franziska Beyer-Lallauret

»Lockdown-Lyrik 2.0! Quarantäne poetisch ausleuchten – etwas ernst zu nehmen heißt nicht, sich davon unterkriegen zu lassen« ist eine Online-Sammlung von Gedichten, die sich mit der Corona-Krise befassen. Es darf uns weiterhin die Sprache nicht verschlagen! In loser Folge erscheinen neue Episoden der nun von Sabine Schiffner, Anton G. Leitner, Alex Dreppec und Fritz Deppert herausgegebenen Anthologie (Dank an Jan-Eike Hornauer, Mitherausgeber Folge 1-154).

 

Franziska Beyer-Lallauret

requiem

sie holten dich aus dem haus
im schneeschatten den ich gut kannte
hatten die laken geweht vielleicht
konnte dein weib das waschen nicht lassen
zwischen zwölf rauen nächten du
hattest dich an den feiertagen
aus verzweiflung als engel verkleidet
dein bass drang durch flur und fenster alle
konnten es hören bis zum verlassen
stehenden markt bis zum fluss
du dröhntest dich quer durch die lieder
vom heiland der in die himmel reißt
mit der morgensichel des sterns
der leuchtet in leere straßen
kugeln mit strahlen dran rollten wie köpfe
herum im städtchen das licht
kreuz stand dir bereits auf der stirn
als du mit den füßen nach tönen rudernd
durch die tür aus dem haus fielst
in wahrheit trugen sie dich vielleicht
hast du an uns gedacht vielleicht
einen scherz gemacht oder der ärztin
ein kompliment dein atem schon in der schwebe
am verdämmern ich wusste dich nicht
auf dem bauch die kühlen planeten
holten dich ein

 

© 2021 Franziska Beyer-Lallauret, Avrillé bei Angers, Frankreich
(Redaktion: Alex Dreppec)

 

 

Lockdown Lyrik 2.0. Wir hatten gehofft, dass es zu keinem zweiten Lockdown mehr kommen würde. Aber jetzt ist er angeordnet, der sog. »Wellenbrecher-Lockdown«. Er beginnt in Deutschland ab Montag, den 2. November 2020 – mit der Aussicht auf triste Herbst- und Wintertage. Grund genug für die Redaktion der Jahresschrift DAS GEDICHT, ihre vieldiskutierte Netz-Anthologie zur Corona-Krise vom Frühjahr 2020 wieder hochzufahren. Möge diese Online-Sammlung zur Pandemie uns allen einmal mehr dabei helfen, tief Luft zu holen und möglichst viele Aspekte der weltweiten Katastrophe mit dem Instrumentarium der Lyrik auszuleuchten, damit wir und unsere Leserinnen und Leser mental nicht unter die zweite Welle geraten!

Sabine Schiffner, Alex Dreppec, Fritz Deppert und Anton G. Leitner
 
PS: Alle bereits geposteten Folgen von »Lockdown-Lyrik! Quarantäne querdenken – etwas ernst zu nehmen heißt nicht, sich davon unterkriegen zu lassen« finden Sie hier. In loser, jedoch zügiger Folge wird die Sammlung erweitert.

 

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