Lockdown-Lyrik 2.0 / 100: »Vier Gedichte« von Sabine Schiffner, Fritz Deppert, Anton G. Leitner und Alex Dreppec

»Lockdown-Lyrik 2.0! Quarantäne poetisch ausleuchten – etwas ernst zu nehmen heißt nicht, sich davon unterkriegen zu lassen« ist eine Online-Sammlung von Gedichten, die sich mit der Corona-Krise befassen. Es darf uns weiterhin die Sprache nicht verschlagen! In loser Folge erscheinen neue Episoden der nun von Sabine Schiffner, Anton G. Leitner, Alex Dreppec und Fritz Deppert herausgegebenen Anthologie (Dank an Jan-Eike Hornauer, Mitherausgeber Folge 1-154).

 

Zur hundertsten Folge dieser Netz-Anthologie »Lockdown-Lyrik 2.0« melden sich unsere Editorin und ihre drei Editorenkollegen selbst mit lyrischen Beiträgen zur Pandemie zu Wort:
 

Sabine Schiffner

corona morgen

vor meinem fenster liegt eine halbe welt
januarkalt ist die und in dem park hinter der
mauer bellt ein hund
fällt heute endlich schnee
ich wache in den langen tag hinein in
wolkenvolle dunkelheit
fiele doch heute schnee
ich stell die lampe an drücke
die anmachtaste vom computer der neben
mir im bett liegt schon seit tagen
jetzt fangen die glocken an zu läuten
und dann fängt es immer noch nicht an zu schneien
und ich denke an die telefongespräche von gestern
und dann daran wen ich heute mal anrufen kann vor
meinem fenster liegt eine halbe welt

© 2021 Sabine Schiffner, Köln
(Redaktion: Fritz Deppert, Alex Dreppec und Anton G. Leitner)
 

Fritz Deppert

Coronafrühling

Als der Schneemann taut,
schenkt er mir grinsend
Maske und Augenkohlen.

© 2021 Fritz Deppert, Darmstadt
(Redaktion: Alex Dreppec, Anton G. Leitner und Sabine Schiffner)
 

Anton G. Leitner

Dro sei

Wann bin i dro?
Wennsd dro bisd,
Bisd dro. Wann
Bisd nachad du
Dro? Need, dass
Du no voa mia
Dro bisd! Wenn i
Need boid dro
Bin, bin i no dro.
Hoidd, Freinddal!
Du bisd noch
Mia dro! Des ko
Doch need sei,
Dass dea Gloiffe
No voa mia dro
Is! Bis i dro bin,
Bin i nimma do.

 
An der Reihe sein oder
zur Verantwortung gezogen werden

Wann komme ich dran?
Sobald du an der Reihe bist,
Kommst du dran. Wann
Bist dann du
An der Reihe? Nicht, dass
Du noch vor mir
Dran kommst! Wenn ich
Nicht bald an der Reihe
Bin, ist es zu spät für mich.
Halt, Freundchen!
Du bist erst nach
Mir an der Reihe! Das darf
Doch nicht wahr sein,
Dass dieser rücksichtslose Mensch
Noch vor mir dran
Kommt! Bis ich an der Reihe bin,
Bin ich schon gestorben.
 

Aus dem Bairischen vom Autor
 

© 2021 Anton G. Leitner, Weßling
(Redaktion: Fritz Deppert, Alex Dreppec und Sabine Schiffner)
 

Alex Dreppec

Die Anderen

Wer versucht, dem Biest
den Bürgersteig hochzuklappen
ohne sich selbst einzuklemmen
wer sucht verlorene Schlüssel
zwischen vermodernden Blättern
bellt sich mit Reizhusten
über Kontaktschranken an
und strickt sich mit Wollresten
eine eigene Welt
 

© 2021 Alex Dreppec, Roßdorf bei Darmstadt
(Redaktion: Fritz Deppert, Anton G. Leitner und Sabine Schiffner)

 

 

Lockdown Lyrik 2.0. Wir hatten gehofft, dass es zu keinem zweiten Lockdown mehr kommen würde. Aber jetzt ist er angeordnet, der sog. »Wellenbrecher-Lockdown«. Er beginnt in Deutschland ab Montag, den 2. November 2020 – mit der Aussicht auf triste Herbst- und Wintertage. Grund genug für die Redaktion der Jahresschrift DAS GEDICHT, ihre vieldiskutierte Netz-Anthologie zur Corona-Krise vom Frühjahr 2020 wieder hochzufahren. Möge diese Online-Sammlung zur Pandemie uns allen einmal mehr dabei helfen, tief Luft zu holen und möglichst viele Aspekte der weltweiten Katastrophe mit dem Instrumentarium der Lyrik auszuleuchten, damit wir und unsere Leserinnen und Leser mental nicht unter die zweite Welle geraten!

Sabine Schiffner, Alex Dreppec, Fritz Deppert und Anton G. Leitner
 
PS: Alle bereits geposteten Folgen von »Lockdown-Lyrik! Quarantäne querdenken – etwas ernst zu nehmen heißt nicht, sich davon unterkriegen zu lassen« finden Sie hier. In loser, jedoch zügiger Folge wird die Sammlung erweitert.

 

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