Lockdown-Lyrik 2.0 / 103: »Kopfkino« von Ludwig Steinherr

»Lockdown-Lyrik 2.0! Quarantäne poetisch ausleuchten – etwas ernst zu nehmen heißt nicht, sich davon unterkriegen zu lassen« ist eine Online-Sammlung von Gedichten, die sich mit der Corona-Krise befassen. Es darf uns weiterhin die Sprache nicht verschlagen! In loser Folge erscheinen neue Episoden der nun von Sabine Schiffner, Anton G. Leitner, Alex Dreppec und Fritz Deppert herausgegebenen Anthologie (Dank an Jan-Eike Hornauer, Mitherausgeber Folge 1-154).

 

Ludwig Steinherr

Kopfkino

Ich betreibe dieses Kino
schon eine ganze Weile –

Ein winziges Kino
abgelegen, in einer Seitenstraße
in der Provinz –

Im Grunde gibt es
nur einen einzigen Sessel
in dem man sich fühlt wie beim Frisör
vor dem eigenen Spiegelbild
oder wie ein Hund in einer Raumkapsel –

Von den Filmen die ich zeige
hat noch keiner was gehört –

Die meisten dauern nur Sekunden –

In allen Liebesfilmen
spielt dieselbe Frau
auch wenn man sie nie erkennt –

Immer nur ihr Nacken
wenn sie in ein Buch schaut
oder die Hände beim Rübenschälen –

Nur der Baum vor ihrem Fenster
ist immer derselbe und hat einen Namen –

Kann man von diesem Kino leben?

Bestens
wenn man sich von Popcorn ernährt

wie Heilige von Hostien

 

© 2021 Ludwig Steinherr, München
(Redaktion: Anton G. Leitner)

 

 

Lockdown Lyrik 2.0. Wir hatten gehofft, dass es zu keinem zweiten Lockdown mehr kommen würde. Aber jetzt ist er angeordnet, der sog. »Wellenbrecher-Lockdown«. Er beginnt in Deutschland ab Montag, den 2. November 2020 – mit der Aussicht auf triste Herbst- und Wintertage. Grund genug für die Redaktion der Jahresschrift DAS GEDICHT, ihre vieldiskutierte Netz-Anthologie zur Corona-Krise vom Frühjahr 2020 wieder hochzufahren. Möge diese Online-Sammlung zur Pandemie uns allen einmal mehr dabei helfen, tief Luft zu holen und möglichst viele Aspekte der weltweiten Katastrophe mit dem Instrumentarium der Lyrik auszuleuchten, damit wir und unsere Leserinnen und Leser mental nicht unter die zweite Welle geraten!

Sabine Schiffner, Alex Dreppec, Fritz Deppert und Anton G. Leitner
 
PS: Alle bereits geposteten Folgen von »Lockdown-Lyrik! Quarantäne querdenken – etwas ernst zu nehmen heißt nicht, sich davon unterkriegen zu lassen« finden Sie hier. In loser, jedoch zügiger Folge wird die Sammlung erweitert.

 

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