Lockdown-Lyrik 2.0 / 108: »Zoom« von Ronny Someck

»Lockdown-Lyrik 2.0! Quarantäne poetisch ausleuchten – etwas ernst zu nehmen heißt nicht, sich davon unterkriegen zu lassen« ist eine Online-Sammlung von Gedichten, die sich mit der Corona-Krise befassen. Es darf uns weiterhin die Sprache nicht verschlagen! In loser Folge erscheinen neue Episoden der nun von Sabine Schiffner, Anton G. Leitner, Alex Dreppec und Fritz Deppert herausgegebenen Anthologie (Dank an Jan-Eike Hornauer, Mitherausgeber Folge 1-154).

 

Ronny Someck

Zoom

Ich zähle die Bären auf dem Pyjama von R.
aus der zwölften Klasse, die einem Gedicht zuhört, das ich vorlese
über Ballettschuhe.
Die Lehrerin T. auf dem Quadrat daneben verpasste
ein Haar über dem linken Auge als sie präzisieren wollte
beim Jäten der Brauen.
Der Bart des Lehrers J. ist gepflegter
als der Jardin du Luxembourg,
und die Katze auf dem Schoß von H. ist eine Umarmung wert.
D. – dem Hemd nach, ist Mitglied des Naturschutzvereins,
und in der Blumenvase dahinter
identifiziere ich jene, die man pflücken darf.
Der Golfpullover von K. ist schwarz, und
sie ähnelt einer Krähe aus einer alten schottischen Ballade,
und hoffentlich verkleinert T. die Adlernase nicht
die ihr so steht.
Und wo wir grad bei Nasen sind:
Die von P. ist der Traum
der Aphroditenmaler,
die von N. übersäht von Sommersprossen
und die von H. zu nah an der Webcam.
Sie ist auch die Letzte, die das Bild auslöscht.
Und meine Augen beißen plötzlich allein in den Bildschirm, der sich füllt
mit Schokoladenwürfeln.

 

רוני סומק

Zoom

ינואר 2021

 

© 2021 Ronny Someck, Ramat-Gan (Israel)
(Übersetzung aus dem Hebräischen von Udi Levy. Gastredaktion: Michael Augustin in Zusammenarbeit mit Anton G. Leitner und Sabine Schiffner)

 

 

Lockdown Lyrik 2.0. Wir hatten gehofft, dass es zu keinem zweiten Lockdown mehr kommen würde. Aber jetzt ist er angeordnet, der sog. »Wellenbrecher-Lockdown«. Er beginnt in Deutschland ab Montag, den 2. November 2020 – mit der Aussicht auf triste Herbst- und Wintertage. Grund genug für die Redaktion der Jahresschrift DAS GEDICHT, ihre vieldiskutierte Netz-Anthologie zur Corona-Krise vom Frühjahr 2020 wieder hochzufahren. Möge diese Online-Sammlung zur Pandemie uns allen einmal mehr dabei helfen, tief Luft zu holen und möglichst viele Aspekte der weltweiten Katastrophe mit dem Instrumentarium der Lyrik auszuleuchten, damit wir und unsere Leserinnen und Leser mental nicht unter die zweite Welle geraten!

Sabine Schiffner, Alex Dreppec, Fritz Deppert und Anton G. Leitner
 
PS: Alle bereits geposteten Folgen von »Lockdown-Lyrik! Quarantäne querdenken – etwas ernst zu nehmen heißt nicht, sich davon unterkriegen zu lassen« finden Sie hier. In loser, jedoch zügiger Folge wird die Sammlung erweitert.

 

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