Lockdown-Lyrik 2.0 / 166: »Wie kommt man an die Oberfläche der Dinge?« von Axel Röthemeyer

»Lockdown-Lyrik 2.0! Quarantäne poetisch ausleuchten – etwas ernst zu nehmen heißt nicht, sich davon unterkriegen zu lassen« ist eine Online-Sammlung von Gedichten, die sich mit der Corona-Krise befassen. Es darf uns weiterhin die Sprache nicht verschlagen! In loser Folge erscheinen neue Episoden der nun von Sabine Schiffner, Anton G. Leitner, Alex Dreppec und Fritz Deppert herausgegebenen Anthologie (Dank an Jan-Eike Hornauer, Mitherausgeber Folge 1-154).

 

Axel Röthemeyer

Wie kommt man an die Oberfläche der Dinge?

Erstes Mädchen vor verschlossener Tür.
Sie zeichnet eine Karte, einen Plan.
Sie weiß noch nicht zu welchem
Zweck sie die Karte erstellt. Sie kehrt
um und begegnet dabei fast jemandem.
Verstecken spielen. Weitergehen.
Sie kommt an einer offenen Tür vorbei.
In der Tür steht ein maskenloses Mädchen mit
Schaum vorm Mund. Aus dem Mund
ragt eine Zahnbürste, die gerade wieder
in Bewegung gesetzt wird. Die Zahnputzerin
dreht sich zurück in den Raum.
Ein Waschraum mit Waschbecken und
großen Spiegeln an den Wänden.
Der Ton vieler Zahnbürsten im kollektiven Takt,
vereinzelt, verhallt, akustisch vereint.
Ein Schlafraum. Ein Speisesaal.
Bildschirme in den Tisch eingebaut an jedem Platz.
Nur mit ihnen wird geredet. Der Arbeitssaal. Videosektion.
Die Mädchen schleichen sich wieder davon.
Jede für sich. Es endet im Nichts.

 

© 2020 Axel Röthemeyer (1976-2020), Darmstadt
(Redaktion: Alex Dreppec in Erinnerung an einen Freund)

 

 

Lockdown Lyrik 2.0. Wir hatten gehofft, dass es zu keinem zweiten Lockdown mehr kommen würde. Aber jetzt ist er angeordnet, der sog. »Wellenbrecher-Lockdown«. Er beginnt in Deutschland ab Montag, den 2. November 2020 – mit der Aussicht auf triste Herbst- und Wintertage. Grund genug für die Redaktion der Jahresschrift DAS GEDICHT, ihre vieldiskutierte Netz-Anthologie zur Corona-Krise vom Frühjahr 2020 wieder hochzufahren. Möge diese Online-Sammlung zur Pandemie uns allen einmal mehr dabei helfen, tief Luft zu holen und möglichst viele Aspekte der weltweiten Katastrophe mit dem Instrumentarium der Lyrik auszuleuchten, damit wir und unsere Leserinnen und Leser mental nicht unter die zweite Welle geraten!

Sabine Schiffner, Alex Dreppec, Fritz Deppert und Anton G. Leitner
 
PS: Alle bereits geposteten Folgen von »Lockdown-Lyrik! Quarantäne querdenken – etwas ernst zu nehmen heißt nicht, sich davon unterkriegen zu lassen« finden Sie hier. In loser, jedoch zügiger Folge wird die Sammlung erweitert.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.