Lockdown-Lyrik 21: »Vielleicht ist es Zeit« von Marina Maggio

»Lockdown-Lyrik! Quarantäne querdenken – etwas ernst zu nehmen heißt nicht, sich davon unterkriegen zu lassen« ist eine Online-Sammlung von Gedichten, die sich mit der Corona-Krise befassen. Es darf uns die Sprache nicht verschlagen! In loser Folge erscheinen neue Episoden der von Alex Dreppec, Jan-Eike Hornauer und Fritz Deppert herausgegebenen Anthologie.

 

Marina Maggio

Vielleicht ist es Zeit

Vielleicht ist es Zeit, an den Bärten
der alten Männer zu rütteln … ihre

Weisheit herauszukraulen, einen Rat
unter der Gesichtsmatte hervorzuziehen
wie ein As bei einem Pokerspiel …

sie zu fragen, während sie ihren Phantomschmerz
am Stumpf ihres verbliebenen Beines reiben …

Wie können wir unsere Gedanken schützen
vor Angst vor der Pandemie?

Wie keinen Graben ziehen um unser Herzklopfen,
das Krokodil besänftigen, das außerhalb unserer
Stirn seine Bahnen schwimmt?

Vielleicht ist es Zeit, sich neben eine hundertjährige
Großmutter zu stellen und sie zu fragen, wie man eine
Haut pflegt, die aus Erinnerungen zusammengenäht ist
und deren Narben wetterfest sind?

Mit was habt ihr das Feuer geschürt, als es kein Holz
mehr gab, keine Kohle?
Wie habt ihr das Feld bestellt, als der Frieden ausblieb
und der Regen?

Kann man Kreide einen Geschmack abgewinnen?
Wie lange kocht man einen Stein, bis er essbar ist?
Und wie lange kaut man auf Tüchern, bis man satt ist,
wenn die Vorratskammer abgebrannt ist?

 

© Marina Maggio, Würzburg

 

 

Zu dieser Reihe: »Lockdown-Lyrik! Quarantäne querdenken – etwas ernst zu nehmen heißt nicht, sich davon unterkriegen zu lassen« ist eine Online-Sammlung zu den aktuellen Auswirkungen der Corona-Krise. Wir wollen im Gespräch bleiben, während wir Infektionsketten unterbrechen. Wir wollen die Erfahrung der Vereinzelung miteinander teilen. Wir wollen virtuelle Brücken bauen. Wir wollen das tun, was wir können: dichten, die Welt – und auch die aktuelle Situation – poetisch erfassen.Unser Anliegen ist es in jedem Fall, zu einem Mehr an Besonnenheit beizutragen, zu versöhnen statt zu spalten. Mit Sorge sehen wir überharte Diskussionen, wie sie derzeit online, aber auch offline zu häufig geführt werden. Klar ist uns: Es gehört zu einer Demokratie dazu, Konflikte auszutragen. Aber wir insistieren auch hierauf: Es ist ebenso unerlässlich, sich des Gemeinsamen, Verbindenden bewusst zu sein und zu werden sowie respektvoll miteinander umzugehen.

Uns ist bewusst, dass bereits der Ansatz, zur Corona-Pandemie eine Lyrik-Online-Anthologie herauszugeben, ihre Auswirkungen zeitnah lyrisch zu behandeln, und dies aus verschiedenen Perspektiven sowie in unterschiedlichen Tonlagen, als Provokation aufgefasst werden kann. So ist diese Sammlung keineswegs gemeint. Ihr Thema an sich ist jedoch eben hochemotional besetzt. Für uns, die Herausgeber der Reihe, bleibt trotzdem und gerade deshalb wichtig: Wir wollen Brücken bauen, Perspektiven weiten, der ungewohnten Situation mit poetischen Mitteln und im gemeinschaftlichen Sinne begegnen.

Bleiben Sie gesund!

Alex Dreppec, Jan-Eike Hornauer, Fritz Deppert
 
PS: Alle bereits geposteten Folgen von »Lockdown-Lyrik! Quarantäne querdenken – etwas ernst zu nehmen heißt nicht, sich davon unterkriegen zu lassen« finden Sie hier. In loser, jedoch zügiger Folge wird die Sammlung erweitert.

 

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